Zeitung Heute : Das verschwiegene Verbrechen

Der Völkermord an den Armeniern durch die Türken vor neunzig Jahren ist in der öffentlichen Debatte bis heute ein heißes Eisen

Eick L

Am 15. März 1921 wurde in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg ein Mann erschossen. Sein Name war Mehmed Talaat Pascha, bis 1918 Innenminister des Osmanischen Reiches. Sein Mörder hieß Salomon Teilirian. Der in Berlin lebende armenische Student war Mitglied eines Geheimbundes, dessen Ziel es war, die Verantwortlichen am Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 zu töten – ein Verbrechen, von dem der Publizist Ralph Giordano 1986 sagte, das es in Deutschland „nicht etwa vergessen“, sondern „nie wirklich bekannt geworden“ sei.

Der junge Armenier wollte mit der Tat die Vertreibung und Vernichtung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich rächen. Innenminister Talaat Pascha war dafür maßgeblich mitverantwortlich, liefen doch bei ihm während der Kriegsjahre die Fäden aus den Provinzen zusammen.

Ein Jahr nach Kriegsende herrschten in Konstantinopel andere Verhältnisse, eine Sultansregierung klagte die drei Minister wegen der Kriegsverbrechen an. Großwesir Damad Ferid Pascha gestand damals das Massaker an den Armeniern öffentlich ein. Alle folgenden Regierungen hingegen bemühten sich, den Genozid herunterzuspielen. Kein Wunder, denn nach dem Sultan übernahm Kemal Atatürk die Macht, um 1923 die Türkische Republik auszurufen. Atatürk hatte schon während des Ersten Weltkrieges zu den Jungtürken gehört.

Auch die deutsche Diplomatie schloss sich dieser Lesart an, bis heute: „Ganz im Unterschied zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wird die Rolle Deutschlands während dieser Ereignisse heutzutage in der öffentlichen Diskussion kaum mehr thematisiert“, sagt die Historikerin Annette Schaefgen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Der Völkermord werde aus der öffentlichen Debatte ausgeblendet. In ihrer Dissertation hat sie sich mit der Wahrnehmung des Völkermordes in der Bundesrepublik Deutschland befasst. Dazu analysierte sie die diesbezüglichen Veröffentlichungen in Deutschland und ihre Wahrnehmung im deutschsprachigen Raum.

Unmittelbar nach der Bluttat in Berlin kam Salomon Teilirian vor ein Schwurgericht, das den jugendlichen Täter überraschend frei sprach – obwohl er sich zu seiner Tat ausdrücklich bekannt hatte. „Das Urteil führte in der Presse zu ausführlichen Kommentaren“, sagt Schaefgen. „Darin wurde auch eine Mitverantwortung des deutschen Kaiserreiches als Kriegsverbündeter des Osmanischen Reiches diskutiert, wenn auch kontrovers.“

Obwohl das türkische Gericht in Konstantinopel Talaat Pascha schon im Juli 1919 zum Tode verurteilt hatte, kam die deutsche Regierung dem mehrfachen Ersuchen um Auslieferung nicht nach. Bei Kriegsende hatte sich Talaat Pascha mit Hilfe eines deutschen Generals in die Reichshauptstadt abgesetzt.

Annette Schaefgen hat ihrer Arbeit den Titel „Schwieriges Erinnern“ gegeben. In ihrer Analyse weist sie auch darauf hin, dass beispielsweise Bundesaußenminister Joschka Fischer im vergangenen Jahr in der Genozid-Gedenkstätte in Armeniens Hauptstadt Eriwan zwar eine weiße Rose niederlegte. Aber noch keine deutsche Regierung habe den Völkermord offiziell als solchen bezeichnet. Gleichwohl werde er nicht geleugnet. Die deutsche Politik folge weitgehend dem Sprachkodex der türkischen Regierung. Völkermord, also die geplante und systematische Ausrottung – dieser Begriff wird in diesem Zusammenhang von türkischer Seite strikt abgelehnt. „In der Geschichtsforschung ist es unstrittig, dass die Armenier damals einem Völkermord zum Opfer fielen“, sagt Schaefgen. Auch hätten die UN-Menschenrechtskommission, das Europäische Parlament sowie beispielsweise Frankreich oder Italien den Genozid verurteilt.

In Deutschland, so die TU-Historikerin, sei der Umgang mit diesem Thema von Passivität gekennzeichnet: Deutsche Politiker nutzen gern den Vorwand, dass es sich um eine Angelegenheit der Geschichtswissenschaft handle, um nicht an dem heiklen Thema zu rühren. „Die Erinnerung an den Genozid an den Armeniern wurde und wird von den deutschen Regierungen der Realpolitik geopfert“, sagt Schaefgen. Gründe seien zum einen die engen wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei. Außerdem reagiere die Türkei sehr heftig, wenn deutsche Politiker auf den Völkermord hinweisen.

Schaefgen führt in ihrer Dissertation mehrere Beispiele auf, wie die Türkei reagiert, wenn von einem Genozid an den Armeniern die Rede ist. Im Jahr 2000 wurde allein die Absicht diffamiert, eine deutsch-armenische Forschungsstätte in Potsdam einzurichten. Sie könnte „zu einem Anlaufpunkt für armenische Terroristen“ werden, wurden türkische Diplomaten in der Presse zitiert. „Eine im Jahr 2000 geplante Abstimmung im US-Repräsentantenhaus zum Völkermord verhinderte die Türkei mit der Drohung, den Luftwaffenstützpunkt Incirlik zu sperren“, berichtet Schaefgen. Von dort aus überwachte die USA die Flugverbotszone, die nach dem ersten Golfkrieg in Nordirak eingerichtet worden war. Und als 2001 die französische Nationalversammlung offen von Völkermord sprach, kündigte die Türkei französischen Firmen Verträge in Millionenhöhe.

Im Vorfeld des Jahrestages am 24. April kommt die Debatte in Gang: Die türkische Regierung hatte vor wenigen Tagen in einer Sondersitzung den Deutschen Bundestag und andere westliche Parlamente aufgefordert, auf Resolutionen zur Armenier-Frage zu verzichten. Die Türkei sei bereit, die damaligen Ereignisse gemeinsam mit den Armeniern zu untersuchen, so der türkische Außenminister Abdullah Gül weiter. Die Unionsparteien wollen die Armenier-Frage auf die Tagesordnung im Bundestag setzen. In dem Antrag wird das Wort Völkermord vermieden.

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