Zeitung Heute : Das Versteckspiel der Bayern

Der Tagesspiegel

Von Oliver Trust

Nürnberg. Welch friedliches Bild an der Säbener Straße. Ein bisschen Regen, viele freie Parkplätze, frisch und satt strahlt der Rasen sein Grün in die Welt hinaus. Der FC Bayern ist nicht daheim. Trainingsfrei am Sonntag, und Montag trifft man sich gegen vier am Nachmittag im Wald zum Laufen, als übe man sich voller Scham im Versteckspiel, weil es eine traurige Spielzeit ohne Titel wird. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ergriff schon unmittelbar nach dem glücklichen 2:1-Erfolg im Frankenstadion zu Nürnberg die Flucht, obwohl der Sieg sie wieder auf Platz drei spülte, der zur Champions-League-Qualifikation berechtigt. Nur Manager Uli Hoeneß offenbarte nebst geschwollener Halsschlagader weitere untrügliche Anzeichen überdurchschnittlich großer Unzufriedenheit: „Wenn ich was sage, müsste ich die Wahrheit sagen, das verträgt die Mannschaft nicht.“

Zurück blieb Ottmar Hitzfeld, der Trainer, der zu erklären suchte, warum sich der FC Bayern derzeit vor sich selbst und die Öffentlichkeit vor dem FC Bayern schützen muss. „Champions League, das ist unser Alltag, da liegen die Nerven etwas blank“, sagte er mit sauertöpfischem Gesichtsausdruck. „Es ist für alle gut, dass jetzt eine Pause ist, obwohl die Nationalspieler ja wieder ran müssen.“ Die Fußballgroßmacht aus München sehnt im rauen Klima der drohenden Erfolglosigkeit fast flehentlich das Saisonende herbei.

Vielleicht waren sie so sauer, weil sie an einem Tag, der wie für sie gemacht schien, um ein Haar alles wieder hergegeben hätten. Als Willy Sagnol Sekunden vor dem Schlusspfiff einen Schuss von Tommy Larsen von der Linie kratzte, rutschte manchem Tage nach dem Scheitern im Viertelfinale der Champions League in Madrid auf der Bayern-Bank das Herz wieder in die Hose. Dass ein Team wie die Bayern gegen überforderte Nürnberger, die fast schon in mausgrauer Zweitligakluft stecken, solche Schwierigkeiten hatte, brachte sie alle auf die Palme. Nur einer schlüpfte in die Rolle des eisernen Gustav – Oliver Kahn. Wie ein Philosoph stand er nach seinen Heldentaten gegen die Nürnberger Stürmer da und gewährte tiefe Einblicke in die Seele der strauchelnden Seriensieger. „Madrid, das war trotz der Niederlage ein Highlight. Das willst du wieder erleben, mit aller Macht.“

Was aber tun, wenn der Gegner wie beim 1:0 durch Elber und dem 2:0 durch Pizarro einem die Tore schon fast schenken muss und selbst nur ein Törchen (Krzynowek per Foulelfmeter) zu Stande bringt? Dann sagte Kahn, „war der Körper einigermaßen willig, aber der Geist hat nicht mitgespielt". Sie hätten sich zusammenreißen müssen. „Wir haben so viel Kraft und Substanz verloren“, sagte Kahn und legte ein Geständnis ab: „Der Verein hat es vorgegeben, wir müssen den dritten Platz schaffen.“ Fast klang es wie der Aufruf zum letzten Gefecht. „Nächstes Jahr kommen neue Spieler, nächstes Jahr will der FC Bayern wieder voll angreifen in allen drei Wettbewerben, da gehört die Champions League dazu.“ Und damit es jeder begreift, wies Kahn gleich auf das nächste Endspiel gegen Hertha BSC nächsten Samstag hin. „Da können wir einen direkten Konkurrenten aus dem Weg räumen. Jetzt muss jeder bis zum Ende der Saison alles geben, dann schaffen wir es."

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