Zeitung Heute : Das vertikale Dorf: Eine Erfindung aus Vietnam

Das Serielle und das Individuelle, das Reale und das Ideelle – stehen diese Pärchen im Widerspruch zueinander? Nicht, wenn sich der Bildhauer und Maler Nguyen Manh Hung ihrer annimmt. Sein „Gebäude (2004)“ und sein als drei Meter hohe Hausskulptur entwickelter „Apartment Block (2009)“ stehen zum Beispiel auf dem gedanklichen Fundament, Tradition und Moderne in einem Fantasiegebäude humorvoll zu verbinden.

Ein vertikales Dorf, das ist die Idee, die diesen beiden Arbeiten des Vietnamesen mit Blick auf Wohnraumknappheit und Anziehungskraft der Großstädte vorangegangen ist. Durch individuelle Anpassung und Umnutzung erledigt sich hier jegliche Kritik an der vermeintlich sterilen und lebensfeindlichen architektonischen Moderne wie von selbst. „In meinem Land findet sich die Tradition des Zusammenlebens in dörflichen Gemeinschaften auch in den städtischen Strukturen wieder – das Leben in der Horizontalen ist nun auch in der Vertikalen präsent“, sagt Hung. Deshalb auch der Dachgarten. „Es ist eben meine Art von Humor, die hier zum Ausdruck kommt.“ Das Thema Großstadt treibt den 1976 in Hanoi geborenen Künstler an. „Mein Wohnhochhaus ist ein Vorschlag für eine Verbesserung des Lebensraums“, sagt er. „Die Menschen, die dort leben, sollen in der Stadt Gemüse anbauen können, alles miteinander teilen, harmonisch zusammenleben. Wie im Paradies.“ Hier ist Hung schon fast im Einklang mit den Ideen der Architektengruppe Woha, von der er durch die Tagesspiegel-Anfrage erfährt: „Ich fühle, dass das großartige Architekten sind, die das urbane Leben mit viel Grün verbinden – mein künstlerischer Ansatz ist natürlich ein anderer.“ Hung versucht in seinen Arbeiten Elemente des hoch technisierten Lebens mit sehr einfachen Lebensumständen zu vereinen. „Ich würde stets ein ebenerdiges Haus vorziehen – mit Garten.“

Hung präsentierte seine surrealistischen Werke bereits auf zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in aller Welt. Auch in Berlin war er schon zu sehen, Anfang 2010 in der ifa-Galerie. Kommt für ihn das Leben und Arbeiten in einem Hochhaus infrage? „Nein“, sagt Hung, „ich bin zwar in einem Viergeschosser aufgewachsen, wo große Gitterkäfige in die Fensteröffnungen eingehängt wurden, um mehr Wohnraum zu schaffen.“ Doch vor einem vietnamesischen Hochhaus hat er Angst. „Die technischen Gegebenheiten sind doch oft ziemlich unzureichend. Man sollte sie also nicht herausfordern.“ Reinhart Bünger

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