Zeitung Heute : Das virtuelle Klassenzimmer

Wer sich online weiterbildet, kann arbeiten wo und wann er will. Doch E-Learning erfordert auch jede Menge Selbstdisziplin

Silke Zorn

Der Kollege vom Schreibtisch gegenüber kann sich auch in der Mittagspause nicht von seinem Computer trennen. Der neue Nachbar hämmert jeden Sonntag im Garten zwischen Rosenbeet und Brombeerhecke eifrig auf den Laptop ein. Und der alte Schulfreund hat plötzlich ein Uni-Diplom, ohne sein Vierzig-Seelen-Dorf jemals verlassen zu haben. Vermutlich haben die drei eine gemeinsame Leidenschaft – das E-Learning. Immer mehr Menschen nutzen die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, um sich beruflich oder privat weiterzubilden. Doch was ist E-Learning eigentlich genau? Und welche Vor- und Nachteile bietet diese Art des Wissenserwerbs?

„Ursprünglich bezeichnete E-Learning das Lernen am PC mit Hilfe von Lern-CD-ROMs“, sagt Kai Heddergott vom Deutschen Netzwerk der E-Learning Akteure (D-ELAN). „Im Fachjargon nennt man das CBT – Computer Based Training.“ Doch bald schon hielt das Lernen via Internet oder auch Web Based Training (WBT) Einzug in Büros und Wohnzimmer. „Im Vergleich zu Lernsoftware eröffnet das Internet ganz neue Perspektiven“, meint Heddergott, „vor allem im Hinblick auf den Austausch mit anderen Online-Lernern. Komplette Lehrgänge können inzwischen im Internet absolviert werden – vom Volkshochschulkurs bis zum Fernstudium.“

Großer Vorteil des Lernens via World Wide Web: Man ist unabhängiger als beim klassischen Präsenzunterricht. „Wer online lernt, kann das immer und überall tun“, sagt Kai Heddergott. „Alles was man braucht, ist ein Computer mit Internetzugang.“ Damit ist E-Learning ganz besonders attraktiv für Berufstätige, die parallel zum Job neues Wissen erwerben wollen. Aber auch Bildungshungrige, die fernab großer Städte wohnen, können dazulernen, ohne lange Fahrtwege in Kauf nehmen zu müssen.

Grundvoraussetzung für die Weiterbildung am PC ist allerdings eine gehörige Portion Selbstdisziplin und gutes Zeitmanagement. Das weiß niemand besser als Katrin Köser. Die gelernte Vermessungsingenieurin und Mutter von drei Kindern absolviert eine Online-Fortbildung im Fach Rechnungswesen beim E-Learning-Anbieter oncampus. Als virtueller Ableger der Fachhochschule Lübeck bietet oncampus seit rund vier Jahren via Internet Bachelor- und Masterstudiengänge sowie zahlreiche Weiterbildungskurse in den Bereichen Wirtschaft, Technik und Informatik an. „Ich brauche auf jeden Fall feste Zeiten zum Lernen“, sagt Katrin Köser. „Sobald die Kinder aus dem Haus sind, sitze ich am Rechner.“ Und die 37jährige räumt auch ein: „Wäre ich nebenbei berufstätig, ich wüsste nicht, ob ich mich nach acht Stunden im Büro noch zum Lernen durchringen könnte.“ Das selbstständige Bearbeiten der Online-Module ist jedoch genau das Richtige für sie. Köser hat schon im Erststudium am liebsten zu Hause gelernt, von einem guten Skript mehr profitiert als von einschläfernden Vorlesungen.

Moderne Lernplattformen bieten außerdem weit mehr als ein herkömmliches Lehrbuch: Interaktive Tests sorgen für regelmäßige Lernkontrollen, in Chatrooms und Diskussionsforen können die Teilnehmer untereinander Kontakt aufnehmen und gemeinsam an Übungen und Hausaufgaben basteln. Katrin Köser würde sich allerdings freuen, wenn im Forum Rechnungswesen ein wenig mehr Betrieb wäre. „Ein kleiner Klönschnack zwischendurch, das fehlt mir manchmal schon.“

Zwischenmenschlicher Kontakt ist wichtig, meint auch E-Learning-Experte Heddergott. „Gute Anbieter achten darauf, dass hin und wieder Präsenzveranstaltungen stattfinden.“ Blended Learning, gemischtes Lernen, nennt sich diese Kombination aus Online-Anteilen und Präsenzphasen. Ebenfalls wichtig: Online-Tutoren. Sie beantworten Fragen, kontrollieren den Lernfortschritt und motivieren die Teilnehmer, wenn der Lerneifer einmal zu wünschen übrig lässt.

Das weiß man auch beim E-Learning-Anbieter oncampus. Dort unterstützen so genannte Mentoren die Kursteilnehmer beim virtuellen Wissenserwerb. „Damit steht und fällt unser Konzept“, sagt Alexander Hiller von oncampus. „Unsere Teilnehmer haben immer einen Ansprechpartner – 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche.“ Denn wer sich für ein Online-Studium entscheide, lerne in der Regel gerade nicht zu den typischen Bürozeiten, sondern abends oder am Wochenende. „Treten dann Fragen auf, muss schnelle Hilfe her. Wer auf Unterstützung bis zum nächsten Werktag warten muss, fühlt sich zu Recht im Stich gelassen.“

Längst nicht alle Bildungseinrichtungen bieten einen so umfassenden Service. Und auch in manch anderer Hinsicht unterscheiden sich die zahlreichen Angebote im Internet erheblich. Die Stiftung Warentest hat eine Checkliste erstellt, mit deren Hilfe man Online-Kurse auf Herz und Nieren prüfen kann (www.stiftung-warentest.de). Welches Lernkonzept liegt dem Lehrgang zu Grunde? Wie sehen die Kursinhalte aus? Gibt es fachlich versierte Online-Tutoren, die jederzeit zur Verfügung stehen? Das sind nur einige Fragen, die man vor einem Vertragsschluss klären sollte. Ebenso wichtig sind die Möglichkeiten des Austauschs mit anderen Kursteilnehmern und klare Angaben über Kursdauer, Kosten und die erforderlichen technischen Voraussetzungen.

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