Zeitung Heute : Das Virus wird Frauensache

Bisher galten schwule Männer als Hauptrisikogruppe – doch die Hälfte aller HIV-Infizierten ist weiblich

Adelheid Müller-Lissner

Die Zahl der HIV-Infizierten hat einen neuen Höchststand erreicht. Warum rücken Frauen und Frauenrechte zunehmend ins Zentrum der Aids-Bekämpfung?

Wenn von der Gefahr einer HIV-Infektion die Rede ist, denken in Deutschland die meisten vor allem an homosexuelle Männer. Bei globaler Betrachtung verschiebt sich die Perspektive jedoch drastisch: Fast die Hälfte der etwa 40 Millionen Menschen, die heute weltweit das HI-Virus tragen, sind Frauen. Und nicht nur in Ländern, in denen die Aids-Epidemie seit Jahren um sich greift, werden inzwischen mehr Frauen als Männer infiziert. Auch wo Aids erst jüngst zum Problem wurde, sind mehr Frauen betroffen.

In Ostasien gab es unter Frauen in den letzten zwei Jahren einen 56-prozentigen Anstieg der Neuinfektionen, in Zentralasien betrug er 48 Prozent. In der Karibik, nach dem südlichen Afrika die zweite große Aids-Krisenregion, ist die Gefahr sich anzustecken für junge Frauen doppelt so hoch wie für Männer. In Entwicklungsländern gehören inzwischen über 60 Prozent der HIV-positiven jungen Menschen zwischen 15 und 24 zum weiblichen Geschlecht. Das alles geht aus dem HIV-Status-Report hervor, den das UN-Aidsprogramm UNAIDS am Dienstag vorstellte.

Das Gesicht eines Aidskranken sei das einer jungen Afrikanerin, spitzte Peter Piot, der Leiter der UN-Organisation, den Befund zu. Er hatte schon im Vorfeld gefordert, Aids müsse zu einem Katalysator für die Frauenrechte in den Entwicklungsländern werden. Mangelnde Rechte und hohe HIV-Infektionsraten stehen bei Frauen in engem Zusammenhang. Seit Jahren beklagen Experten, dass Frauen in besonders betroffenen Ländern im südlichen Afrika von ihren Ehemännern angesteckt werden, die sich das Immunschwäche-Virus bei außerehelichen Sexualkontakten geholt haben und es mit ihrem männlichen Selbstverständnis nicht vereinbaren können, beim Zusammensein mit ihren Ehefrauen Kondome zu benutzen.

In diese Richtung weisen auch die Zahlen aus Thailand. Dort hatten sich noch vor zehn Jahren 90 Prozent aller Infektionen in Bordellen ereignet. Heute sind die Hälfte aller Neuinfizierten Ehefrauen, die sich bei ihren infizierten Partnern angesteckt haben. Diese jungen Frauen sind es zudem, die weltweit in der Betreuung kleiner Kinder und (aids-)kranker Angehöriger eingespannt sind. UNAIDS fordert daher den Ausbau der Beratungsangebote für Frauen in den Entwicklungsländern, aber auch die Ächtung von sexueller Gewalt in und außerhalb der Ehe und eine Verbesserung der Eigentumsverhältnisse und des Erbrechts für Frauen. Ungeschützter Sex ist gerade für junge Frauen in den Entwicklungsländern häufig das einzige Mittel, um an Nahrungsmittel, Kleidung oder Geld zu kommen. Zudem fehlt vielen jungen Frauen in armen Regionen jedes Basiswissen über Verhütungsmethoden. Mit dem vielfach propagierten Rat zu Enthaltsamkeit, Treue und/oder Kondomen sei diesen abhängigen Frauen jedenfalls wenig geholfen, sagte Piot, da es nicht an ihnen liege, ihn in die Tat umzusetzen. Vielmehr würden die Männer sie zumeist daran hindern. Die „ABC“-Regel (abstinence, being faithful, condoms – also: Enthaltsamkeit, Treue, Kondome) müsse daher dringend durch Bildung und eine rechtliche Stärkung der Frauen ergänzt werden.

Studien geben Hinweise darauf, dass auch biologisch das Infektionsrisiko für Frauen höher ist: Ein einzelner ungeschützter Geschlechtsverkehr gefährdet die Partnerin eines infizierten Mannes doppelt so stark wie im umgekehrten Fall den Partner einer infizierten Frau. Besonders wichtig wäre deshalb ein spezieller Infektionsschutz, den Frauen selbst steuern können, etwa mit in Entwicklung befindlichen Gels, die Erreger abtöten.

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