Zeitung Heute : Das Volk ist willig, der Staat schwach

In der Türkei gibt es das Verbot

Susanne Güsten

Esra Erdogan studiert in Amerika. Die Türkin ist eine hochbegabte Studentin, doch in der Türkei darf sie wegen ihres Kopftuchs keine Universität betreten. Da hilft es auch nicht, dass die 19-Jährige die Tochter des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist, und der ein gläubiger Moslem. – Zwei von drei Frauen in der Türkei tragen ein Tuch, aber zu den Schulen und Hochschulen haben sie mit bedecktem Kopf keinen Zutritt. Weil der Ausweg ins Ausland nur den wenigsten offen steht, sind die Bildungsstätten der Türkei zum Brennpunkt des gesellschaftlichen Streits ums Kopftuch geworden.

Im Alltag ist das Kopftuch kein Problem, wenn es aber um Lehranstalten geht, bleibt es nicht bei Diskussionen. Jährlich demonstrieren verhinderte Studentinnen mit Kopftuch vor den Universitäten, die ihnen den Zutritt verweigern; oft genug eskalieren die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof führt die Ehefrau des türkischen Außenministers Abdullah Gül eine Beschwerde gegen das eigene Land, weil sie trotz bestandener Aufnahmeprüfung nicht studieren darf.

Wie grotesk das strikte Verbot in dem zu 99 Prozent muslimischen Land ist, zeigt der Fall der Computeringenieurin Merve Kavakci. Sie studierte in den USA, ließ sich dann in der Türkei ins Parlament wählen und erschien im Kopftuch zur Vereidigungssitzung im Plenum: Ihr wurde nicht nur das Abgeordnetenmandat, sondern auch die Staatsbürgerschaft aberkannt. Dem Kopftuchstreit ist geschuldet, dass Regierungschef, Minister und Parlamentspräsident derzeit nur noch ohne Ehefrauen zu staatlichen Empfängen erscheinen: Die Damen tragen alle Kopftuch – und damit dürfen sie sich bei offiziellen Anlässen nicht blicken lassen.

Die Regelung ist weder gesellschaftlicher Konsens, noch das Ergebnis einer demokratischen Willensbildung, sondern vom Militär festgelegt . Die gewählte Regierung befürwortet prinzipiell die Aufhebung des Verbots. Sie unterlässt aber jede Aktivität, weil die Generäle das erklärtermaßen nicht dulden würden.

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