Zeitung Heute : „Das wäre in der DDR undenkbar gewesen“

Der Tagesspiegel

Von Lars von Törne

Der Streit um die Schriftstellerin Daniela Dahn ist ein Streit um die Interpretation ihres Werkes. Für Edith Bath gibt es keinen Zweifel. „Sie traut sich, die DDR aufzuwerten, statt sie tot zu trampeln“, sagt die Rentnerin aus Friedrichshain. Geduldig steht die ehemalige Sekretärin an diesem Mittwochmorgen vor dem Roten Rathaus. Genauso wie rund 30 andere Anhänger der umstrittenen Autorin. Manche halten Blumen für Dahn in der Hand, andere ihre Bücher zum Signieren. Und natürlich wollen sie Daniela Dahn gratulieren, dass sie heute – allen Widerständen zum Trotz – vom Regierenden Bürgermeister mit der Louise-Schroeder-Medaille des Abgeordnetenhauses ausgezeichnet wird. „Ich bewundere Dahns kritische Sicht auf den Westen“, sagt Bath. Der Westen – als sei das für sie immer noch eine fremde Welt. Natürlich sei in der DDR auch Unrecht passiert, schiebt die 63-Jährige schnell nach, als sie den skeptischen Blick ihres Gesprächspartners sieht. „Aber die Westler werten sich jetzt auf unsere Kosten auf.“ Das versuche Daniela Dahn auszugleichen. „Sie hat den Mut, sich dem Hass gegen die Ostler entgegenzustellen.“

Vielleicht sind es solche Bekundungen, die Klaus Wowereit im Sinn hat, als er kurz darauf ans Rednerpult im Wappensaal des Roten Rathauses tritt. „Sie haben das Unbehagen der Ostdeutschen auf den Punkt gebracht“, sagt der Regierende Bürgermeister und wirft Dahn einen freundlichen Blick zu. Die Geehrte sitzt mit ernstem Gesicht links von ihm, zwischen Egon Bahr und der Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, Martina Michels (PDS). In allen Werken Dahns gehe es um Gerechtigkeit, sagt Klaus Wowereit, sei es nun zwischen Ost und West oder zwischen Mann und Frau. Deswegen stehe ihr die Medaille zu.

Die Oppositionsparteien CDU, FDP und Grüne, die die Feierstunde für Dahn boykottieren und ihr unter anderem Verharmlosung der DDR vorwerfen, mahnt Wowereit, es sich mit ihrer Kritik an der Ost-Autorin nicht zu einfach zu machen. „Wir sollten uns fragen, wieso Daniela Dahn mit ihrer Kritik so weit geht“, sagt er. Und zeigt großes Verständnis dafür, dass die Massenarbeitslosigkeit gerade in Ostdeutschland zu grundlegenden Zweifeln am Sozialsystem führt: „Wir sollten ihre Kritik als Ansporn sehen, unser System zu verbessern.“ Denn wenn er auch nicht alle Thesen Dahns teile, sei er trotzdem der Meinung: „Lieber einen sinnvollen Konflikt austragen als einen Konflikt zu verdrängen.“ Dafür erhält der Regierende kräftigen Applaus. Etwa 150 geladene Gäste sind es, die Dahns Ehrung feiern. Man ist unter Freunden: Die deutliche Mehrheit stellen PDS-Politiker, darunter Gregor Gysi und Thomas Flierl sowie ostdeutsche Künstler und Intellektuelle wie Christa Wolf und Gisela May. Vereinzelt hören auch SPD-Abgeordnete, ein Glas Sekt in der Hand, den Reden zu.

Laudator Egon Bahr, der nach dem Rückzug Rita Süssmuths kurzfristig eingesprungen ist, lobt Dahn als unbequeme Querdenkerin, die sich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetzt. Und die eben gerade dadurch zur Einheit des Landes beitrage. „Sie zeigt, woran es liegt, dass immer noch nicht zusammengewachsen ist, was zusammenwachsen soll“, sagte der ehemalige SPD-Politiker. Dahn bedauert in ihrer Dankesrede die politischen „Grabenkämpfe“ im Vorfeld der Auszeichnung, gewinnt ihnen aber mit ironischer Doppeldeutigkeit auch etwas Positives ab: „Das wäre in der DDR undenkbar gewesen – und ich weiß das zu schätzen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar