Zeitung Heute : Das wahre Gesicht

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Von Andrea Nüsse, Riad

Muna Abu Suleyman betritt das Hotel. Sie fällt auf. Ihre Abayya, das bodenlange schwarze Gewand, das saudische Frauen in der Öffentlichkeit tragen müssen, ist aus luftigem Chiffon, an den Ärmeln mit einer federartigen Borte gesäumt. Sie wirkt wie ein elegantes Designerkleid, nicht wie eine Kutte, unter der Frauen ihre Schönheit verstecken müssen. Um den Kopf hat die 29-Jährige kunstvoll einen schwarzen Leinenschal geschlungen. Er bringt ihr fein geschnittenes Gesicht mit den braunen Augen und den schmal gezupften Brauen zur Geltung. Denn Muna trägt keinen Gesichtsschleier, obwohl der für saudische Frauen in Riad Pflicht ist.

Eine Verabredung mit der zierlichen Frau ist frühestens am Abend ab 21 Uhr möglich. Vorher hat Muna keine Zeit. Denn ihr Terminkalender ist prall gefüllt. Sie ist Mutter von zwei kleinen Töchtern, unterrichtet Englisch an der König-Saud-Universität, bereitet ihre Doktorarbeit über den Islam in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts vor und tritt einmal in der Woche in einer Talkshow des libanesischen Fernsehsenders MBC auf. Zur Aufzeichnung der Sendung fliegt sie jeden Monat für vier Tage nach Beirut – ohne Mann und Kinder.

Muna zählt zu jener Generation von Frauen, die die saudischen Männerwelt und deren Gewissheiten immer mehr in Bedrängnis bringen. Dennoch – und das ist das Besondere an diesem neuen Aufbruch – versuchen viele Frauen, ihren Kampf um größere Freiräume durchaus in Einklang mit den Traditionen zu bringen. „Ich trage das Kopftuch, weil es im Islam Vorschrift ist“, erklärt Muna selbstsicher. „Frauen sollen in erster Linie als Persönlichkeiten wahrgenommen werden, nicht als Sexobjekte – das ist der Sinn dieser Regel.“ Anders als viele saudische Frauen, die bei Auslandsreisen hautenge Jeans und bauchnabelfreie T-Shirts anziehen, trägt Muna deshalb ihr Kopftuch auch jenseits der saudischen Grenzen. „Es ist Teil meiner Identität, die kann ich doch nicht im Ausland ablegen.“

Freiheit des Luxus

Für den schwarzen Schleier aber, der das gesamte Gesicht verdeckt, findet sie im Islam keine Vorschrift. Deshalb trägt sie ihn nicht. Vor sieben Jahren hat sie damit begonnen, ihr Gesicht zu zu zeigen. Damals starrten ihr die Menschen nach, und die Religionswächter mahnten sie regelmäßig zur Einhaltung der Sitten. „Heute spricht mich kaum noch jemand an – ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert“, sagt Muna.

Immer mehr junge Frauen in Saudi-Arabien sind wie Muna berufstätig. Weil sie der Langeweile in den eigenen vier Wänden entkommen wollen, aber auch, weil immer mehr Familien ein zweites Einkommen brauchen. Auch hier sieht Muna keineswegs einen Widerspruch zur traditionellen Lehre des Islam: „Natürlich sind Familie und Kindererziehung das Wichtigste, diesen Teil unserer Kultur wollen wir auf jeden Fall erhalten. Wir wollen keine Scheidungsraten wie im Westen oder schwangere Teenager, deren Kinder keinen Vater haben.“ Berufstätigkeit und Mutterrolle sind in Saudi-Arabien gerade deshalb gut zu vereinbaren, da die allermeisten Frauen als Lehrerinnen oder in Banken arbeiten und familienfreundliche Arbeitszeiten haben: Sie kommen gegen zwei Uhr mit ihren Schulkindern nach Hause.

Wenn die junge Frau ihren Alltag beschreibt, wird aber auch schnell klar, dass sie ihr Arbeitspensum nur deshalb so gut in Einklang mit ihrer Mutterrolle bekommt, weil sie zum wohlhabenden Teil der saudischen Bevölkerung gehört. Muna hat zwei Hausangestellte und einen Fahrer, der für sie Besorgungen erledigt. „Der Luxus, den wir uns in Saudi-Arabien leisten können, macht die Berufstätigkeit der Frauen erst möglich“, sagt sie.

Dennoch beneidet Muna die Frauen im Westen. Nicht ums Autofahren, das in Saudi-Arabien immer noch ein Privileg der Männergesellschaft ist. Sie beneidet die Frauen im Westen um ihre Ausbildung, ihr Training im analytischen Denken. Und um ihre Karrierechancen, die weitaus größer seien als in Saudi-Arabien. Hier zählten noch immer hauptsächlich die familiären Beziehungen. Und dann kommt sie doch von selbst wieder auf das Fahrverbot für Frauen zurück, das für westliche Frauen so unverständlich ist. „Ich würde meinen Chauffeur behalten, aber ich hätte gerne die freie Wahl“, erklärt Muna. Ein erstaunlicher Satz – dass die meisten Frauen im Westen gar nicht die Wahl haben, einen Chauffeur anzustellen, kommt ihr überhaupt nicht in den Sinn.

Auch Hend al-Khuthaila hat einen Chauffeur. Die 47-jährige Professorin für Erziehungswissenschaft sitzt auf den beigen Ledersitzen im Fond ihres Volvo, ein Tuch locker über dem dunklen, schulterlangen Haar, eine extravagante Christian-Dior-Sonnenbrille auf der Nase. Sie lässt ihren Fahrer einmal um den Frauencampus der Al-Faisal-Universität in Riad fahren. Denn sie hat etwas herzuzeigen: 17000 Frauen studieren mittlerweile hier. Darauf ist sie stolz. Als sie 1984 die erste weibliche Dekanin der Frauenuniversität wurde, waren es gerade 2800 Studentinnen.

„Es ist fast beängstigend, wie schnell sich die Gesellschaft in Saudi-Arabien verändert“, sagt sie. Sie weiß, wovon sie redet. Als ihr Vater sie 1971 zusammen mit ihren Brüdern nach New York zum Studium schicken wollte, probte ihr Stamm den Aufstand, es gab Morddrohungen. Eine 16-Jährige ohne Eltern in den USA – das schien damals unvorstellbar. Erst als der Gouverneur von Riad eingeschaltet wurde, beruhigten sich die Gemüter.

Das ist lange her. Heute studieren Hends drei Töchter ganz selbstverständlich in den USA. Die Älteste kommt gerade zurück und gründet ihre eigene Rechtsanwaltspraxis in Riad. Und doch sind die alten Zeiten immer noch gegenwärtig: Bevor die Professorin aus dem Wagen steigt und zum Eingangstor der Universität läuft, schlägt sie sich mit einer kurzen Bewegung das Ende ihres dünnen Kopftuches über das Gesicht. Für die paar Meter auf dem Bürgersteig ist sie verhüllt, wie es für saudische Frauen in der Öffentlichkeit Vorschrift ist.

Diese kleine Szene zeigt, wie Fortschritt in Saudi-Arabien funktioniert. Die Gesellschaft ist auf Konsens bedacht, Konfrontation ist verpönt. So werden beispielsweise finanzielle Streitigkeiten in aller Regel gütlich beigelegt, bevor sie vor Gericht kommen. Es ist besser, Geld zu verlieren, denn als Unruhestifter dazustehen. Genauso geht es bei der Erkämpfung von Freiräumen für Frauen. Sie können ständig erweitert werden, aber nicht durch Provokationen und auch nur – wenn die Väter oder männlichen Verwandten das gestatten.

Die Geschäftsfrau und der Prophet

Dennoch will Hend al-Khuthaila die Männer nicht allein für die noch immer großen Hindernisse für Frauen verantwortlich machen. „Bei uns werden Frauen extrem beschützt und vor den Widrigkeiten des Lebens bewahrt“, sagt sie, „daher fehlt ihnen oft die Entschlossenheit, für ihre Belange einzutreten.“ Auch zeigten sie sich manchmal unfähig, mit der neuen Freiheit umzugehen. Und sie erzählt, wie sie in Zeitungsartikeln eine neue Regelung scharf angegriffen hat, nach der Frauen Handys nicht mehr selbstständig anmelden können. Sie brauchen dazu die Unterschrift ihres Ehemannes oder eines anderen männlichen Vertreters. Die Telefonbehörde bat Hend darauf zum Gespräch. „Man zeigte mir stapelweise Telefonrechnungen von Frauen, die nächtelang mit ihren Freundinnen telefonieren, aber ihre Rechnungen nicht bezahlen.“ Wegen der strikten Geschlechtertrennung im Lande war es für die ausschließlich männlichen Mitarbeiter der Behörde unmöglich, das Geld von den Frauen einzutreiben. Daher hält man sich jetzt an die Väter, Brüder und Ehemänner, bei denen man notfalls an die Haus- oder Bürotür klopfen kann. „Hier müssen sich Frauen auch an die eigene Nase fassen“, findet die Professorin.

Hessah Abdul Rahman al-Oun kann man sich überhaupt nicht in einer schwarzen Abayya vorstellen. Die burschikose, stämmige Frau trägt eine weiße Leinenhose mit Bluse, die grauen Haare sind wenige Zentimeter kurz geschnitten. Sie sitzt hinter einem mächtigen Holzschreibtisch in ihrem Büro in der Hafen- und Handelsstadt Jeddah am Roten Meer. An den Wänden hängen Auszeichnungen und Fotos von Empfängen, die wohl im Ausland aufgenommen wurden, denn Hessah ist ohne Schleier zu sehen. Die frühere Chefredakteurin einer der ersten Frauenzeitschriften im Lande, will die private Unternehmenswelt für Frauen öffnen. „Wenn Frauen im Erziehungs- und Gesundheitswesen erfolgreich sind, warum dann nicht auch im industriellen Sektor?“ Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern hat gerade ein Unternehmen ns „Al-Bidaya“ gegründet, was auf Deutsch „Anfang“ bedeutet. Auf 10000 Quadratmetern ist hier ein Zentrum enstanden, in dem Frauen Kunstgewerbe und Textilien herstellen, die auch für den Export bestimmt sind. Dazu sollen hier Marktstudien für frauenspezifische Produkte erstellt und Frauen bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens beraten werden. Hessah reicht eine farbenfrohe Hochglanzbroschüre über den Tisch. Nur 5,5 Prozent der Privatunternehmen im Königreich gehören Frauen, sie verfügen aber über 70 Prozent der Ersparnisse, die in den Banken schlummern. „Mein Vorbild ist Khadija, die Frau unseres Propheten Mohammed. Sie war eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau“, sagt Hessah bei Tee und Marmorkuchen. Da ist er wieder, diese Versuch, Tradition und Moderne schlau zu verbinden: Wenn man auf das Beispiel des Propheten verweisen kann, ist das in Saudi-Arabien hilfreicher als ein Rückgriff auf die Bücher westlicher Frauenrechtlerinnen.

In Khadijas Fußstapfen zu treten ist für moderne saudische Frauen aber dennoch nicht leicht. Für alle Behördengänge zur Firmengründung müssen sie wegen der strikten Geschlechtertrennung einen männlichen Vertreter schicken. „Das reicht jetzt“, findet Hessah und fordert Frauenabteilungen in Finanz- und Wirtschaftsbehörden, in denen weibliche Angestellte weibliche Businessfrauen empfangen können. Dass die Unternehmensgründerin nicht Auto fahren darf und einen Schleier tragen muss, stört sie indessen wenig. „Mein Geist arbeitet auch, wenn ich meinen Kopf bedecke“, erzählt sie augenzwinkernd. Wenn Frauen erst wirtschaftlich erfolgreich und unabhängig sind, werde die politische Entwicklung schon folgen. „Unser Geheimnis ist: Gewisse Regeln zu respektieren. Dann können wir fast alles erreichen.“

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