Zeitung Heute : Das wahre Wesen der Bewerber

Barbara Bierach

Oh, Miserere! Aus den Personalabteilungen deutscher Unternehmen tönen Klagelieder. Für mehr als die Hälfte der Personalchefs ist die mangelnde Qualität der Bewerber das herausragende Hindernis bei der Neubesetzung offener Stellen. Lauter unbrauchbare Doofmänner! Das zumindest besagt eine Untersuchung der Gummersbacher Beratung Kienbaum. Dieses Ergebnis liegt augenscheinlich voll im Trend: Auch das gemeine Wahlvolk tat sich mit der Neubesetzung der offenen Stellen in Berlin schwer. Fraglos vor allem wegen des wenig eindrucksvollen Niveaus der Bewerber.

Die befragten Experten bemängelten zu 57 Prozent die Defizite der Jobsuchenden bei der sozialen Kompetenz. 34 Prozent klagten über zu wenig oder die falsche Berufserfahrung, 28 Prozent befanden zum Thema persönliches Auftreten: „Setzen! Fünf!“

Am Ende eines langen Bewerbungsmarathons wurden nun zwei der wichtigsten Jobs auf der Baustelle Deutschland an Ossis vergeben. Angela Merkel führt das Kabinett und Matthias Platzeck die SPD. Hhm, fragt sich da der Wessi, sind Ossis also die besseren Führungskräfte? Jahrelang waren die Wessis die Buhmänner der Nation. Unsensibel, raffgierig und asozial zogen sie angeblich die armen Ostdeutschen über jeden Tisch, der zwischen Sonneberg und Binz zu finden war. Betriebskindergärten und Haushaltstage wurden abgeschafft, bloß das grüne Männchen an der Ampel blieb. Nun also kriegen endlich die Besserossis ihre Chance, das Land zu retten.

Ihre soziale Kompetenz steht außer Frage. Die DDR lehrte ihre Bürger gründlich, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Wer am verkehrten Ort das Falsche sagte oder tat, fand sich ganz schnell mit eingeschränkten Karriereaussichten und unter wachsamen Augen wieder. Das sensibilisiert für die Überzeugungen der lieben Mitmenschen.

Berufserfahrung? Egal in welchem Job, der Umgang mit leeren Kassen stand ganz oben auf der Prioritätenliste im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat. Das kann auch im gegenwärtigen Jammer- und Trauerstaat nur helfen.

Persönliches Auftreten? Angela Merkel demonstriert immer wieder, dass es auf ausgesuchte Kleidung ebenso wenig ankommt, wie auf ausgeklügeltes Make-up. Nicht die Bluse zählt, sondern die Birne, nicht das gemalte Gesicht, sondern die gezeichnete Vision. Und wenn Platzeck es mit diesem Bart geschafft hat, überhaupt einen Job zu kriegen, spricht das ohnehin für sich. Keine Frage: Ossis sind die besseren Chefs!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!