Zeitung Heute : Das Wett-Lächeln

Das Treffen der mächtigen Frauen im Schatten der CIA-Affäre: was Angela Merkel und Condoleezza Rice sagen. Und wann sie schweigen

Hans Monath

Das Lächeln wirkt verwirrenderweise zugleich herzlich und aufgesetzt. Es ist wohl kein Spiegel ihrer Seele. So oft hat Condoleezza Rice schon Gesprächspartner in aller Welt angestrahlt, dass es verwegen wäre, aus dem Blitzen ihrer weißen Zähne auf eine besondere Nähe zu Angela Merkel zu schließen. Selbst wenn man weiß, dass die Regierung Bush hohe Erwartungen in die CDU-Politikerin setzt.

Die Deutsche steht im Kanzleramt neben dem Gast vor der Presse und spricht über die „enge Partnerschaft und Freundschaft“ mit den USA. Die amerikanische Sphinx, die sich mit konzentrierter Körperspannung sehr gerade hält, die Hände auf ihrem Pult gefaltet, wendet sich wieder zur Kanzlerin und lächelt.

Vielleicht hilft ja das Nicken der US–Politikerin weiter, das Verhältnis von Rice und Merkel zu entschlüsseln. Die Amerikanerin ist dafür bekannt, dass sie sich nie in die Karten schauen lässt. Und gerade dieser Moment verlangt beiden Damen ein Höchstmaß an diplomatischem Geschick ab: Die Berichte über Gefangenentransporte der CIA und ihre rüden Verhörmethoden zwingen auch die Kanzlerin, die Amerika immer näher stand als ihr Vorgänger, zu einer Stellungnahme. Rechtzeitig zum Treffen hat die amerikanische Seite durchsickern lassen, dass Mitglieder der Schröder-Regierung schon lange über die Verschleppung eines deutschen Staatsbürgers informiert worden waren. Was man auch als Warnung deuten darf: Schreit nicht so laut, ihr wart doch dabei!

Das Nicken also. Immer dann bewegt die machtbewusste Bush-Vertraute zustimmend ihren Kopf, wenn die Übersetzerin Angela Merkels Argumente der Dringlichkeit des Kampfes gegen den Terrorismus und der notwendigen Arbeit der Geheimdienste auch jenseits öffentlicher Kontrolle ins Englische transferiert. Darf man aus ihrem ansonsten strengen Blick schließen, dass Merkels Rede von den Werten der Demokratie, von Rechtsstaatlichkeit in diesem Kampf sie weniger mitreißen?

Das dunkelblaue Kostüm mit den polierten Goldknöpfen an der Leiste sitzt so perfekt, dass Merkels gar nicht unelegante Kombination aus feuerrotem Jackett und schwarzer Hose dagegen wie ein unscheinbarer Arbeitsanzug wirkt. Perfekt war die US-Politikerin, die von manchen „warrior princess“ genannt wird, schon immer. Angela Merkels Werdegang wirkt im Vergleich zur Karriere der Priester-Tochter wenig zielstrebig. Die wurde schon mit 27 Jahren zur Professorin berufen.

Zwanzig Minuten länger als geplant dauert das Gespräch in Merkels Büro, fast eine Stunde saßen zwei der mächtigsten Frauen der Welt zusammen. Im Gegensatz zur Kanzlerin setzt die Bush-Vertraute selbstbewusst ihren Charme ein. Taktisch versiert sind sie beide. Die Frage eines Journalisten, ob sie mit der US-Definition von Folter übereinstimme, übergeht Merkel einfach. Ein heikler Punkt: Wo Deutsche Grenzen überschritten sehen, ist für US-Dienste lange nicht Schluss. Aber der Journalist hat Merkel zu viele Fragen auf einmal gestellt. Die Tochter einer Englischlehrerin, die eigentlich keine Übersetzerin braucht, nutzt die Chance.

Vor zehn Monaten, bei ihrem letzten Deutschland-Besuch, stand Rice am gleichen Pult neben Gerhard Schröder. Damals ging es sogar noch fröhlicher zu. Mit einer Art Charme- und Lächel-Offensive bemühten sich beide Politiker zu beweisen, dass Berlin und Washington wieder auf dem Weg zu einem harmonischen Miteinander waren. Nur einen kleinen Missklang gab es damals: Schröder griff sofort ein und korrigierte die Chefdiplomatin, als diese selbstherrlich den ersten Journalisten aufrufen wollte. Das kommt nach diplomatischem Brauch nur dem Gastgeber zu. Sich vor aller Welt von der US-Vertreterin die Souveränität nehmen lassen, das wollte der Kanzler bestimmt nicht. Bevor es zum Eklat kam, löste Schröder die Spannung mit einem Scherz.

Auch als Gast von Angela Merkel streckt Madame Secretary nach 20 Minuten wieder energisch einen dünnen Finger mit gepflegtem Nagel aus und deutet auf einen Journalistenkopf. Wer die Geste und den Blick sieht, merkt: Sie will bestimmen, wo es langgeht.

Diesmal schafft das keine Probleme. Zwei Fragen von jeder Seite würden zugelassen, hat die Gastgeberin kurz davor verkündet. Auch wenn es nicht danach aussieht: Zumindest in diesem Punkt beugt sich die Vertreterin der Supermacht den klaren Regeln, welche die Regierungschefin des deutlich kleineren Partnerlandes zuvor aufgestellt hat. Es ist ja auch ihr Antrittsbesuch.

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