Zeitung Heute : Das Wetter genießen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Natürlich ist es Quatsch, im Sommer in die Wüste zu reisen. Okay, es kann auch dafür gute Gründe geben, aber die müssen nicht nachvollziehbar sein. Verständlich aber sind vielleicht die Nebenwirkungen eines solchen Trips, die Empfindungen, mit denen man zurückkommt in die sommerlaue Stadt, die manche in der vergangenen Woche als Glutofen empfunden haben.

Alles stöhnte über die Hitze, aber ich fand es bei schlappen 31 Grad Celsius eigentlich ganz angenehm nach den Mittvierzigern dort draußen, wo der Himmel weit ist und die Stille so groß, dass man jedes Pianissimo der Natur hören kann.

Was große Hitze lehrt, ist vor allem dies: Dankbarkeit dafür, in einem eher regnerischen Land zu leben. Gegen Regen und gegen Kälte kann man sich nämlich schützen. Gegen Hitze ist kein Kraut gewachsen. Bei Regen und Kälte kann man rausgehen, frische Luft atmen, sich bewegen. Nichts geht über richtig gute Kleidung. Gefütterte Schuhe, Kapuze – und schon ist man fertig für einen wunderbaren Ausflug in die frische Luft. Gegen Hitze kann man nichts tun. Vielleicht gibt es Thermoanzüge, aber die hätten sicher schon weitere Verbreitung gefunden, wenn sie wirklich funktionieren würden. Gut, man kann sein komplettes Leben in gut gekühlte Innenräume verlagern. Da lässt es sich aushalten, aber das Gefühl, in einer Art Sommerknast eingesperrt zu sein, lässt sich nicht vor der Tür halten. Das Stadtmagazin eines kleinen Ortes am Rande der Wüste hatte passend zur Hitze diese Titelaufmachung gewählt: „100 tolle Freizeittipps für drinnen.“ Sonnenglut, die man sich an manchen nassen, kalten Wintertagen so sehr ersehnt, nimmt einem die Freiheit, spazieren zu gehen. Oder zu joggen. Oder Rad zu fahren.

Dafür lehrt sie einen, den Regen zu lieben. Und sie hilft, überflüssige Borniertheit zu überwinden. Der Gedanke schleicht sich ja immer mal wieder in den Kopf, wenn man es mit Menschen aus äquatornäheren Gebieten zu tun hat: Warum bewegen die sich so langsam, warum funktioniert nicht alles zack, zack! und wie am Schnürchen wie bei uns? Die Versuchung liegt nahe, sich als besserer Mensch zu fühlen. Die letzte Woche hat gezeigt: Schon bei 30 bis 35 Grad funktionieren wir auch nicht mehr so. Sehnen uns nach Siesta, statt fröhlich in die Tasten zu hauen. Schlurfen langsam in Flip Flops durch die Gegend. Verbringen die Abende lieber im Biergarten, als bei kulturellen oder sonst wie nützlichen Veranstaltungen. Oder lassen uns gleich unter Verzicht auf weitere Aussendung von Lebenszeichen auf irgendeine Wiese fallen.

Große Wärme verschiebt Relationen. An dem Tag, als ich das Stadtmagazin kaufte, wurde in dem wüstennahen Ort ein seltener Gewittersturm erwartet. Stundenlang gab der lokale Radiosender Warnungen und Verhaltenstipps, wie man sich bei Regen am besten verhält, was Autofahrer zu beachten haben, wann genau die ersten Wolken erwartet werden… Es kamen dann nur ein paar Tropfen. Jedem Einzelnen dieser sensationellen Tropfen, so schien es, wurden endlose Kommentare und Berichte gewidmet.

Mal schauen, wie lange der Vorsatz hält, den kommenden Herbstregen ohne Wetterklage zu überstehen.

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