Zeitung Heute : Das Wetter war nicht schuld

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Von Thorsten Metzner und Claus-Dieter Steyer

Brandenburg/Frankfurt (Oder). Wie ausgestorben liegt das Stadtzentrum von Brandenburg an der Havel. Nur wenige Passanten zieht es bei Schneeregen und kalten Temperaturen an diesem Sonntag auf die Straßen, zu den Wahllokalen. Am Neustädtischen Markt, dem „Loch“, wie die ewige Baugrube in der Stadtmitte nur noch heißt, flattert müde ein Transparent im Wind: „Wir sind bereit!“ CDU-Oberbü rgermeisterkandidatin Dietlind Tiemann, die die Beseitigung des Schandflecks zum wichtigsten Wahlkampfthema machte, hat es zwischen zwei Bagger in Szene gesetzt - als letzte spektakuläre Aktion vor dem Tag der Entscheidung. Es ist kurz vor 12 Uhr, das Rathaus meldet eine Wahlbeteiligung von 17,3 Prozent. Auch in Cottbus und den anderen 23 Städten, die gestern ihre Bürgermeister wählten, waren bis zum frühen Nachmittag nur etwa 25 Prozent der Einwohner an den Urnen.

Wohl nicht nur wegen des Wetters sind die Einwohner der Stadt Brandenburg besonders wahlmüde. Vielen fällt dieser Urnengang schwer. Denn der Mann, den fast 60 Prozent nach einer Infas-Umfrage sofort zum Oberbürgermeister gewählt hätten, steht gar nicht auf dem Stimmzettel: Norbert Langerwisch, früher Polizeichef und jetzt Vize-Oberbürgermeister im Rathaus, SPD-Neumitglied. Aber die Genossen vor Ort hatte stattdessen den früheren Fachhochschulrektor Helmut Schmidt aufgestellt, der jedoch auch im Wahlkampf keine rechte Begeisterung wecken, keine Säle füllen konnte. Ein Fehler. Fast jeder, den man fragt, sieht das so. „Wer die Stimmung der Bevölkerung so missachtet, ist selbst schuld“, sagt Jörg Volkhammer: Er hat Tiemann gewählt. Anders als der SPD-Kandidat Schmidt sei diese „von hier, eine Brandenburgerin.“ Und zusammen mit Langerwisch werde es ein gutes Rathausduo sein. Dass Langerwisch selbst auf einen Sieg Tiemanns hofft - ein offenes Geheimnis in der Stadt.

Wahllokal Heinrich-Heine-Schule, gegenüber dem Gewerbepark, auf dem einst jenes nach 1990 stillgelegte und abgerissene Stahlwerk stand, das diese Industriestadt, prägte: „Wir haben Frau Faderl gewählt“, erzählt ein Rentnerehepaar. Die SPD habe ihre Chance, auch nach zehn Jahren Helmut Schliesing, verspielt. Der Name Faderl fällt oft. Ein junger Mann aber, Student an der Fachhochschule, ist aus einem anderen Grund hier: Um per Stimmezettel allen Kandidaten sein Misstrauen auszusprechen, wie er sagt. „Ich will nicht, dass meine Stimme verfällt.“ Brandenburg werde er ohnehin verlassen. „Keine Perspektive.“

Der auswärtige Beobachter des Wahlsonntags in Frankfurt (Oder) konnte leicht ins Staunen kommen. Denn das bekannte Farbenspiel der Parteien schien hier nicht ganz eindeutig. Auf der Hauptstraße zum weithin sichtbaren Oderturm leuchtete ein Plakat in sattem Gelb. „Gruppe 2002“ war darauf zu lesen. Es hing am seit Jahren geschlossenen Filmtheater der Jugend, das sich jedoch keineswegs in die Anlaufstelle der Liberalen verwandelt hatte. Die gelbe Farbe stand für die PDS! Was sich zunächst wie ein schlechter Witz anhörte, fand vor Ort schnell Aufklärung. „Die Gruppe 2002 war erst unabhängig, dann mischte die FDP kräftig mit und plötzlich schlug die PDS zu“, erzählte ein bekennender Anhänger dieses aus ehemaligen Mitgliedern verschiedener Parteien und privaten Unternehmern gegründeten Zusammenschlusses.

Die Frankfurter PDS hatte lange Zeit selbst nach einem Kandidaten für den Oberbürgermeisterposten gesucht. Als sich das eigene Parteimitglied Axel Henschke an die Spitze der „Gruppe 2002“ stellte, ging die FDP auf Distanz und zog mit einem separaten Politiker in den Wahlkampf. Die Sozialisten dagegen trommelten fortan für die anfä nglich gelbe Gruppe. Wie erste Umfragen zeigten, dürften sich PDS-Mann Henschke und CDU-Kandidat Martin Patzelt ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert haben.

Erstaunlich wenig Vertrauen setzten die befragten Wähler in den SPD-Kandidaten Peter Fritsch. „Der ist doch nicht mal aus unserer Stadt“, sagte eine ältere Frau vor einem Wahllokal in der Innenstadt. „So eine Postenschieberei habe ich gar nicht gerne.“ Sie spielte auf den Bruder von Peter Fritsch an, der in Potsdam die SPD-Landtagsfraktion führt. „Nur deswegen ist der doch auf die Kandidatenliste gekommen“, meinte sie.

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