Zeitung Heute : Das wirtschaftliche Erbe

Viele mittelständische Firmenchefs gehen bald in den Ruhestand. Die Chancen für Nachfolger sind groß

Henning Zander

Mehr als 350 000 Unternehmer werden in den nächsten fünf Jahren einen Nachfolger suchen. Ein enormes wirtschaftliches Vermächtnis. Und eine Chance für eine berufliche Karriere in der Selbstständigkeit. „Der Unternehmensnachfolger profitiert vom vorhandenen Kundenstamm, der Ausstattung der Firma, den eingearbeiteten Mitarbeitern und den Lieferantenbeziehungen“, sagt Manfred Schiller von der Betriebsberatung der Handwerkskammer Berlin.

In weniger als der Hälfte aller Fälle übernimmt die Firma ein Familienangehöriger. Durch die Reform der Handwerksordnung ist es leichter geworden, einen Betrieb zu übernehmen. Nur noch in wenigen Branchen ist der Meistertitel notwendig. Oft muss nicht einmal mehr eine Gesellentätigkeit nachgewiesen werden. „Man sollte aber etwas von dem Handwerk verstehen, in dem man arbeitet. Und natürlich auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen“, sagt Schiller.

In der Onlinebörse für Betriebsnachfolger www.nexxt-change.org, einem Angebot des Bundeswirtschaftsministeriums in Kooperation mit dem Zentralverband des deutschen Handwerks, des DIHK und Banken, sind derzeit für Berlin etwa 150 Unternehmen aufgelistet, die sich um einen Nachfolger bemühen. Doch oft werde auf die Klärung der Nachfolgefrage bei den Betrieben wenig Wert gelegt, sagt Frank Wallau vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. „Dabei sollte man dem Thema viel Zeit widmen.“ Denn der Nachfolger profitiert nur von dem Kundenstamm und dem Betrieb, wenn er vom Senior eingearbeitet wird.

„Den Neuen einfach nur mal den Kunden und den Mitarbeitern vorzustellen, das reicht nicht. Eine Einführungszeit von drei Monaten halte ich für das Mindestmaß, je länger desto besser“, sagt Manfred Schiller von der Betriebsberatung. Wer die Firma übernimmt, könne sich zwar in die Geschäftsbücher einlesen und mit dem Senior oder den Mitarbeitern lange Gespräche führen. Ein wirkliches Gefühl für das Unternehmen bekäme er aber erst vor Ort.

Dabei sollte er nicht auf Biegen und Brechen Veränderungen wollen. Damit stößt er nur auf den Widerwillen des Seniors und der Mitarbeiter. Denn über die vielen Jahre mit einem Chef haben sich Umgangsformen eingeschliffen. „Auch wenn man in der Einführungsphase im Unternehmen Schwachstellen findet, sollte man nicht gleich versuchen, radikale Veränderungen durchzuführen. Den Senior, wenn er denn noch mit im Boot sitzt, wird man, auch mit Rücksicht auf sein Lebenswerk, nicht mehr ändern können“, sagt Schiller.

Ein häufiger Grund des Scheiterns bei Unternehmensnachfolgen sind überzogene Kaufpreise. Sobald diese nicht durch die Einnahmen aus dem Geschäft gedeckt sind, kommt selbst eine wirtschaftlich gesunde Firma schnell in finanzielle Probleme. Bei der Einschätzung des Firmenwertes hilft die Handwerkskammer kostenlos. Dieser Wert kann eine realistische Basis für weitere Verhandlungen sein.

Die Ausbildung derjenigen, die eine Unternehmensnachfolge antreten, tritt dagegen als Grund des Scheiterns immer mehr in den Hintergrund. „Die Nachfolger sind besser ausgebildet“, sagt Mittelstandsforscher Wallau. Sie verfügten über höhere Schulabschlüsse und auch internationale Erfahrung. Oft werde nach der Übernahme ein Innovationsstau abgebaut und ein neuer Führungsstil, der eher auf Kooperation baue, als auf patriarchalische Strukturen, eingeführt.

Eine gute Vorbereitung finden die Jung-Unternehmer auch an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin im Bachelor-Studiengang Unternehmensgründung und Unternehmensnachfolge. Das berufsbegleitende Studium dauert acht Semester.

www.nexxt-change.org

www.fhw-berlin.de

www.hwk-berlin.de

www.berlin.ihk24.de

www.betriebs-nachfolge.de

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