Zeitung Heute : Das Wunder von Gera

Nils Bader und Stefa Schick hätten es leichter haben und Tickets für das Eröffnungsspiel im Internet ersteigern können. Stattdessen machten sich die beiden Berliner auf den Weg. Zu Fuß marschierten sie 650 Kilometer nach München – und kamen unterwegs tatsächlich an Karten.

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Seit der Erfindung des Automobils muss schon etwas vorfallen, damit der Mensch noch zu Fuß geht: Entweder der Hund winselt oder die Oma ist zu Besuch, dann wird Gassi oder spazieren gegangen. Tatsächlich aber gibt es auch Menschen, die ohne Hund und Oma einfach losgehen, einem Ort entgegen, der in weiter Ferne liegt, wenn man so will, einem heiligen Ort.

Sie hoffen darauf, dass sich auf diesem Weg ein tiefer Wunsch erfüllt. Wir nennen sie Pilger und kennen sie aus der Tagesschau und aus Besinnungsromanen. Doch in Tagen wie diesen wird auch das WM-Stadion in München zu einem jener heiligen Orte. In vielen Fans entstand der fromme Wunsch, Karten für das dortige Eröffnungsspiel zu bekommen.

Anders als viele, die sich angesichts horrender Preise schließlich doch mit dem heimischen Sofa zufrieden gaben, brachen zwei von ihnen in der vagen Hoffnung auf, von irgendwoher würden ihnen schon Karten zuflattern. Und machten sich auf den Weg von Berlin ins 650 Kilometer entfernte München.

Stefa Schick und Nils Bader heißen diese modernen Pilger. „Du bist als Fan in einer spirituellen Gemeinschaft“, sagt Nils Bader. „Und bei dieser Messe, dem Eröffnungsspiel, wollten wir unbedingt dabei sein.“ Das klingt ein bisschen nach Jürgen Klinsmann und dessen spiritueller Motivation, aber das darf es auch.

Vier Wochen planten sie für den Weg ein, nahmen sich Urlaub und begannen, sich gewissenhaft vorzubereiten. „Ein Fitnesstrainer sagte uns: ,Gegen die Schmerzen, die euch erwarten, helfen nur Tabletten.‘“ Was Schick und Bader doch noch einmal tief schlucken ließ. Die Konsequenz: Die beiden erprobten den vorbildlichen Lebenswandel.

Joggen am Morgen, Müsli, früh schlafen gehen – Schick und Bader lebten asketisch. Dennoch war die Erschöpfung nach einer Woche unterwegs so groß, dass sie beinah aufgegeben hätten.

Auf dem Papier hatte alles machbar ausgesehen, die Tour durch 32 Städte und das tägliche Pensum von 20 Kilometern, ohne dass der ohnehin ehrgeizige Zeitplan vollends ins Wanken geraten wäre. Nur mühsam schleppten sich Bader und Schick über die Landstraßen, schlechtes Wetter und Blasen an den Füßen machten die Beine schwer.

Doch dann, in der zweiten Woche, geschah das, was die beiden weihevoll „das Wunder von Gera“ nennen: Vor den Toren der Stadt klingelte das Mobiltelefon, der Vertreter eines großen Unternehmens war am anderen Ende. Er war durch einen Hörfunkbericht auf ihre Aktion aufmerksam geworden und fragte kurzerhand, „ob wir am 9. Juni schon was vor hätten“, erinnert sich Bader. „Der hat uns Karten angeboten! Wir haben das erst gar nicht geglaubt. Erst als wir unsere Mails gecheckt und dort die Zugangsdaten vorgefunden haben, war klar: Wir haben die Karten. Das war ein fantastischer Moment!“

Sogleich wich die Schwere aus den Beinen, der Rest des Weges war wie ein Schweben. „Je näher wir München kamen, desto spürbarer wurde die WM-Euphorie. Am Donnerstagabend haben wir auf einem Berg außerhalb der Stadt übernachtet und konnten von dort aus das Stadion sehen. Das war ergreifend!“ Nun sind sie nach langer Pilgerreise im vorübergehenden Mekka des Fußballs angelangt.

Hatten sie denn nie die Befürchtung, dass sie durch ihre Aktion die Hierarchie zwischen gönnerhaften Sponsoren und darbenden Fans untermauern?

„Wenn man das System mit einem Oben und einem Unten annimmt, ist bereits alles vorbei“, meint Bader. „Dann kannst du dich nur noch dem Schicksal ergeben, aber darauf hatten wir keinen Bock.“

Eines solchen Trotzes bedarf es wohl, um sich zu einem Gewaltmarsch aufzuraffen, der im Zeitalter des Gassi- und Spazierengehens wohl seinesgleichen sucht. „Wir sind total platt“, sagt Nils Bader heute. „Aber es hat sich gelohnt! Yes!“

Und wie Bader das so sagt, klingt er schon wieder wie Jürgen Klinsmann. Dirk Gieselmann

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