Zeitung Heute : Das Wunder von Luzern

Am Vierwaldstättersee kann man die besten Orchester der Welt erleben — und in den Konzertpausen eine atemberaubende Aussicht genießen

Frederik hanssen

Noch ist dieses Dach nicht so berühmt wie das Innsbrucker „Goldene Dachl“ – aber das Zeug zum Touristenmagnet hat jenes ultramoderne Kultur- und Kongresszentrum, das der französische Architekt Jean Nouvel 1999 in Luzern am Ufer des Vierwaldstättersees gebaut hat. Während man in Tirol das mit Edelmetall verzierte Erkerhaus aus dem 15. Jahrhundert nur von unten bestaunen darf, kann man sich in der Schweizer Stadt mit dem Lift direkt bis unters Dach hinauffahren lassen – auf der offenen Terrasse in luftiger Höhe bietet sich dann ein atemberaubender Blick. Nouvel hat hier einen der schönsten Aussichtsplätze Europas geschaffen: Wie durch einen Sehschlitz schaut man in die Ferne, am unteren Blickrand vom Geländer begrenzt, am oberen vom weit auskragenden Dach. So erscheint das Seepanorama im Cinemascope-Format: Bei Tag strahlend und zum Greifen plastisch, nachts geheimnisvoll leuchtend.

Wie ein gigantischer Flügel scheint das Dach über dem Kultur- und Kongresszentrum zu schweben. Unter seinem Schutz fügen sich ein Museum, drei Konzertsäle, diverse Konferenzräume und Restaurants zum ganzheitlichen Erlebnisensemble. Aus der Ferne wirkt Nouvels schwarzer Solitär wie ein Fels im weiten Rund der bewaldeten Hänge; steht man direkt vor dem Eingang, locken große Glasfronten und offene Emporen ins Innere. Unter den vielen Veranstaltungen, die hier das ganze Jahr über geboten werden, ragt das traditionsreiche Lucerne Festival heraus, das stets von Mitte August bis Mitte September stattfindet. Seit 1938 machen die Spitzenorchester auf ihren Sommertourneen gerne in Luzern Zwischenstation.

Absolutes Highlight ist dabei das von Claudio Abbado gegründete Lucerne Festival Orchestra. Seit der Maestro seinen Magenkrebs besiegt hat, lebt er nur noch für sein künstlerisches Credo: Musik mit Seelenverwandten zu machen. Mit seinen Musikerfreunden vom Mahler Chamber Orchestra, von den Wiener und Berliner Philharmonikern, vom Hagen Quartett sowie mit internationalen Solisten wie Sabine Meyer, Natalia Gutman, Kolja Blacher oder Reinhold Friedrich gründete er 2003 das neue Ensemble. Bis 2010 hat sich Abbado verpflichtet, jedes Jahr im August hier exklusiv mit dem Lucerne Festival Orchestra zu arbeiten. Trotz Ticketpreisen von bis zu 390 Schweizer Franken reißen sich die Klassik-Fans um Karten für die Auftritte des Lucerne Festival Orchesters. Der wahre Luxus ist sowieso unbezahlbar, denn er liegt in der Geisteshaltung der Beteiligten: Es ist diese kammermusikalische Haltung des Einander-Zuhörens und Aufeinander-Reagierens. Als säßen lauter Lyriker beieinander, die so hellhörig sind, dass jeder den individuellen Duktus beibehalten kann und am Schluss doch ein gemeinsames Gedicht herauskommt.

Vorbild des Lucerne Festival Orchestra ist jene Elitetruppe, die Arturo Toscanini im August 1938 ad hoc für ein Galakonzert im Garten der Villa Tribschen zusammenstellte, jenem Refugium am Vierwaldstättersee, das Richard Wagner von 1866 bis 1872 bewohnt hat. Dieses Ensemble wurde zur Keimzelle des Schweizer Festspielorchesters, das bis 1993 bestand, und bei dem auch der blutjunge Claudio Abbado 1966 mit sensationellem Erfolg debütierte. Nun also hat sich der Italiener ein eigenes Ensemble geschaffen, mit dem er Toscaninis Schweizer Truppe auf europäischer Ebene weiterdenkt. Ziel ist es, jugendliche Beigeisterungsfähigkeit mit Profikönnen zu verbindet. Denn ein graumeliertes Allstar orchestra, schwebte Abbado niemals vor, im Gegenteil: Er wollte die positiven Erfahrungen, die er mit Nachwuchsorchestern gemacht hat, auf die „Erwachsenenorchester“ übertragen. „Zusammenkommen, um gemeinsam Musik zu machen“ lautet das Motto. Was leicht naiv klingen könnte, ist in Wahrheit der Traum, Kunstroutine zu vermeiden. Abbado schätzt Musiker, die die Verantwortung für das Gelingen des Abends nicht einfach an den großen Zampano delegieren. Von Jugendorchestern, bekomme er stets am allermeisten zurück, betont Abbado oft: „Sie vertrauen mir absolut. Wenn ich sage, wir fliegen, dann fliegen wir.“

Mit Stars wie Abbado verdient der Luzerner Festival-Intendant Michael Haefliger sein Geld. Lediglich drei Prozent seines 22-Millionen-Franken-Etats nämlich kommen vom Staat. Immerhin satte 37 Prozent steuern in der reichen Schweiz die Sponsoren bei. Den Rest aber muss Haefliger an der Kasse verdienen. Darum präsentiert er in diesem Sommer auch wieder zu gesalzenen Preisen die Berliner und die Wiener Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, das Concertgebouworkest Amsterdam, das London Philharmonic Orchestra sowie aus den USA das New York Philharmonic, das Chicago und das Cleveland Orchestra.

Am Herzen allerdings liegt dem 44-jährigen Kulturmanager auch weniger gut Verkäufliches: Zeitgenössisches, Kammermusik und Repertoire-Raritäten. Darum leistet sich Michael Haefliger im Sommer einen Gast-Komponisten, genannt „composer in residence“. Diesmal ist es Helmut Lachenmann. Und dann gibt es da noch die Lucerne Festival Academy, ein Meisterkurs-Programm für Nachwuchsprofis, das er mit Hilfe des französischen Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez konsequent auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ausgerichtet hat. Auch für die Zukunft der so genannten „ernsten Musik“ ist Jean Nouvels Kultur- und Kongresszentrum mit dem genialen, alle Gegensätze überspannenden Dachl also Gold wert.

Lucerne Festival: 11. August bis 18. September. Infos: www.lucernefestival.ch, Telefon: 0041/226 44 80.

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