Zeitung Heute : Das Wunder

Kaum war der Papst gewählt, stürmten 2600 Journalisten aus aller Welt seinen bayerischen Geburtsort. In den Artikeln schäumte viel Bier, die Wiesen waren saftig und Marktl ein mittelalterliches Dorf. Ein Besuch bei Pfarrer Josef Kaiser, der über diese Heimsuchung schon wieder lachen kann.

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Von Roland Schulz Der Augenblick, als die Araber kamen, senkte sich in sein Gedächtnis wie ein Anker, so hat er ihn bewahrt im Sog der Erinnerungen. Es war der Tag danach, vielleicht auch zwei Tage später, hier ist die Erinnerung trübe, den Rest jedoch weiß er wie heute: Guten Tag, sagten sie, Al-Dschasira, wir hätten gerne eine Einschätzung, was die Wahl des neuen Papstes für die islamische Welt bedeutet. „Das war für mich so was von irr“, sagt Josef Kaiser, „ich als Dorfpfarrer von Marktl am Inn soll so eine globale Stellungnahme abgeben.“

Er sträubte sich. Die Ehrfurcht vor der Frage war zu groß. Doch die Journalisten des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira sprachen ihm zu, richteten Scheinwerfer und eine Kamera auf ihn, reckten ihm ein Mikrofon ins Gesicht, den Augenblick, sagt Josef Kaiser, den vergesse er nie. Er stand da wie erstarrt. Was er sagte und wie, welche weiteren Fragen sie ihm stellten, vergessen, aber diesen einen Moment, den hat er noch wie damals vor Augen. „Das“, sagt er, „war so unwirklich.“

Manchmal, wenn Josef Kaiser, Pfarrer des Geburtsortes von Benedikt XVI., an die seltsame Zeit nach der Papstwahl zurückdenkt, als Journalisten aus aller Welt mit der Wucht einer Sturmwelle über seine Gemeinde hereinbrachen, dann nimmt er sich vor, das alles endlich mal aufzuschreiben. „Da müsst’ ich“, sagt der 56-Jährige, „wirklich ein Buch draus machen: Aus dem Leben eines Papstpfarrers.“

Manchmal, wenn Josef Kaiser an diese seltsame Zeit zurückdenkt, setzt er sich aber auch einfach beim Westenkirchner in die Wirtschaft und lacht.

Sie sitzen dann im Gasthaus gegenüber dem Geburtshaus Joseph Ratzingers zusammen, die Männer von Marktl, witzelnd, weil es gar so verrückt war damals, als sie wegen der ganzen Artikel, Berichte, On-Air-, Off-Air-, Live- und sonstigen Sendungen manchmal gar nicht mehr genau wussten, wo sie jetzt eigentlich lebten.

In einer „tiefschwarzen Gemeinde ganz hinten in Oberbayern“, wie die ersten Meldungen deutscher Medien lauteten? Oder doch in einer der in Bayern „seltenen roten Kommunen“, wie die italienische Zeitung „Repubblica“ schrieb? In einem malerischen „mittelalterlichen Dorf“ voller „bayerischem Barock“ („La Nacion“, Argentinien), in einer Stadt im „Goldgräber-Boom“ („Die Presse“, Österreich) oder einer dem Untergang nahen Gemeinde, in der „drei Brauereien und zwei Metzgereien“ („The Guardian“, England) wegen Rezession schließen mussten und es „mit der Wirtschaftskraft nicht zum besten steht“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“)? War Marktl „Knallfahrtsort“ („Weltwoche“, Schweiz) oder ein „schmuckes bayerisches Dörfchen“ (Die Welt)? Hatten sie am Tag der Papstwahl „mit ganzer Kraft ein bayerisches Fest“ („Chicago Tribune“, USA) gefeiert, also mit „Bier“ („Telegraph“, England), „einer Menge Bier“ („The Guardian“, England), „schaumigen Biergläsern und einer kolossalen Blaskapelle“ („New York Times“, USA), bis in einem „Mahlstrom der Aufregung“ („The New York Sun“, USA) „feiernde Zecher in den Straßen sangen, tanzten und vor Freude weinten“ („The Times“, England) – oder war es eher so: „Tanzende und brüllende Menschen sieht man nicht. Das entspräche nicht dem Naturell der Menschen hier an der Grenze zu Niederbayern“ („Weltwoche“, Schweiz)?

„Lauter Schmarrn“, sagt Josef Kaiser, „und wie viele Zeitungen das es gibt, des glaubst ja gar ned.“ Der Pfarrer erlebte Reporter von „USA Today“ aus Amerika und „El Pais“ aus Spanien, vom schwedischen „Dagens Nyheter“, dem brasilianischen „O Estado de Sao Paulo“ oder dem „Eesti Ekspress“ aus Estland, allein im ersten Monat nach der Papstwahl kamen 2600 Journalisten in das kleine Dorf Marktl, in dem 2700 Menschen leben. „Von Russland, Japan, Korea, alle warn’s da, ob Chilenen, Bolivianer oder Engländer, die ganze Welt“, sagt Kaiser. „Und alle konnten’s Deutsch. Nur die Reporter von Radio Vatikan nicht. Fand ich hochinteressant.“ Er lacht. Er hat sich längst entschlossen, dem ganzen Trubel mit Humor zu begegnen.

Anfangs ist Josef Kaiser das schwer gefallen. Er wunderte sich, warum in jedem Artikel über Marktl immer der Pfarrer vorkommen musste, und zwar immer auf die gleiche Weise beschrieben: „Der stattliche Priester“ las er dann oder „Josef Kaiser ist ein stattlicher Mann“. Josef Kaiser findet sich nicht sonderlich stattlich. „An Bauch hab’ ich halt“, sagt er. Auch wunderte sich der Pfarrer, warum manche Worte wie aneinandergekettet zu sein schienen in den Artikeln über Marktl, „Seelen“ und „Gemeinde“ zum Beispiel, gerne zusammen mit „idyllisch“, so dass er immer nur von einer „2700-Seelen-Gemeinde“ las, die „idyllisch“ irgendwo lag, meistens am Ufer des Inns, manchmal aber auch am „birkengesäumten Ufer des Inns“, an „einer malerischen Biegung des Flusses Inn“, „zwischen zwei Naturschutzgebieten am Inn“ oder „inmitten der saftigen grünen Landschaft Oberbayerns“, wobei ihm auffiel, dass die Landschaft umso saftiger wird, je weiter weg die Zeitung erscheint.

Am meisten wunderte er sich aber über die Beharrlichkeit, mit der die Journalisten kamen, immer und immer wieder, und immer neue. „Wir sind doch nur ein kleines Dorf“, sagte er dann in den Interviews, sein Unverständnis über die Journalisten höflich im Zaum haltend. Es war vergebens. Es ging nicht mehr um das kleine Dorf. Jetzt lautete die Geschichte: Kleines Dorf prallt auf große Welt.

Das war die Zeit, als Marktl nicht mehr Marktl hieß, sondern nur noch „Media-Marktl“ wie in der Harald-Schmidt-Show. In jeder Zeitung landauf, landab, so kam es Josef Kaiser vor, gehörte es zum guten Ton, einen Artikel über die Geschäftstüchtigkeit der Bewohner von „Popetown Marktl“ zu veröffentlichen, gerne mit gehässigen Kommentaren. Das war die Zeit, als Josef Kaiser an jedem Tag, an dem der neue Papst neuen Irrsinn nach Marktl brachte, dafür dankte, das Rauchen schon fünf Jahre zuvor aufgegeben zu haben, am Silvesterabend. Drei Schachteln hatte er zuvor jeden Tag geraucht, schon zur Lektüre der Morgenzeitung waren es fünf Zigaretten, für das Schreiben einer Predigt brauchte er oft mehr. Er habe gern und viel geraucht, sagt Josef Kaiser, wie auch sein Onkel, Missionspriester in Chile, wie sein Bruder, Kapuzinerpater im nahen Wallfahrtsort Altötting, wie viele in seiner Familie, einer Familie von Rauchern und Priestern. Aber er hatte mit dem Laster aufgehört. „Gott sei Dank“, sagte er damals in den raren Stunden, in denen die Welle der Journalisten abebbte. „Sonst täte ich jetzt schön dampfen.“

Er verstand nicht, warum die Journalisten immer und immer wieder über die in Marktl verkauften Papst-Devotionalien berichteten, über „Papst-Brot“ und „Papst-Bier“, aber keine fünf Reporter auf die Idee kamen, bei ihm einmal nach dem Matrikelbuch der Pfarrei zu fragen. Er hatte das ehrwürdige Buch extra heraus gelegt am Tag nach der Papstwahl, Band 3, 1907 bis 1954, jedes Begräbnis ist hier verzeichnet und jede Taufe, auch die Joseph Aloisius Ratzingers, Seite 72, Täufling Nummer 7 des Jahres 1927, geboren am 16. April, ein Karsamstag, „4.15 a.m. Geburt, 8.30 a.m. Taufe“, so steht es in gestochen scharfer Sütterlin-Schrift geschrieben – das erste Zeugnis vom Leben des Mannes, der heute Papst ist und übrigens zusammen mit einem Bankert getauft wurde, einem unehelichen Kind. „Hat keinen interessiert“, sagt Josef Kaiser.

Es gibt aus dieser Zeit lustige Dokumente von der Arbeit der „Stiftlschwinger“, wie manche Marktler Journalisten abschätzig nennen, zum Beispiel vom „Telegraph“ aus London. Er berichtete:

„In den Gasthöfen des Dorfes war die brennende Frage, was man für einen bayerischen Papst auf Besuch kochen könnte, dessen Liebe zur örtlichen Cuisine – besonders Weißwürste, Grütze, Schweinebraten, Sauerkraut, runtergespült mit einem Bier – so groß, dass er seine Schwester Maria als Köchin mit nach Rom nahm.“

Josef Kaiser lacht schon beim Ausdruck „brennende Frage“, aber richtig gut findet er die Aufzählung der angeblich vom Papst geliebten lokalen Spezialitäten, die Benedikt XVI. kaum verzehren würde, schon gar nicht mit einem Bier. Joseph Ratzinger gilt in seiner Heimat als Mehlspeisen-Esser, und Bier trinkt er kaum. Er schätzt Fanta. „Ja mei“, sagt Josef Kaiser, „die Journalisten kommen alle scho mit am Bild im Kopf hierher, und dann wird’s halt Fiktion.“

Weil Marktl pittoresk wirkt mit seinen schmalen Straßen direkt neben dem Inn, die Poststraße, Pfarrstraße oder Bahnhofstraße heißen, weil dort die Post, das Pfarrhaus oder der Bahnhof zu finden sind, schrieben die Journalisten vom „malerischen Marktl“ oder gleich von einem „mittelalterlichen Dorf“. Mittelalterlich ist in Marktl aber allein das Wappen, das Dorf brannte 1701 bis auf die Grundmauern nieder. Weil Marktl genau an der Grenze zwischen Oberbayern und Niederbayern liegt, galt es manchen Journalisten sofort als „tiefschwarze Gemeinde“ im „konservativen Herzen Deutschlands“. Marktl wird jedoch von der SPD regiert. Bürgermeister Hubert Gschwendtner ist ein „Rouder“, wie die Menschen hier sagen, was manche Medien wiederum dazu brachte, von einer „roten Kommune“ zu sprechen.

Marktls zweiter Bürgermeister Ludwig Obermeier ist von der CSU. Kein Mensch außer den wenigen Journalisten, die auf dem Weg zur Wahrheit bis hierher vorgedrungen waren, nennt ihn jedoch so, weil in Marktl wie in vielen ländlichen Gegenden Bayerns die Menschen noch heute nach ihren Höfen gerufen werden, Ludwig Obermeier also Steinfellner Ludwig heißt. Das sagt aber keiner. In Marktl sagt man „Stoafellna Luky“, eine Auswirkung des Dialektes. „Hochdeutsch is mehr a Fremdsprache für uns“, sagt Josef Kaiser. Journalisten gegenüber ist er aber vorsichtig geworden mit seinem Dialekt, weil er erlebte, dass Dialekt nur den Eindruck befeuerte, den die Journalisten schon von Marktl hatten, bevor sie überhaupt da waren, „die ganzen Klischees von Bayern, von Lederhosen und Hirschfängern“. Was dabei herauskommt, das weiß er inzwischen.

Die „Märkische Allgemeine“ etwa schrieb: „Von München aus stramm nach Nordosten, durch Dörfer wie Petting, Tittmoning und Nonnenreit. Dann endlich, in Marktl, beruhigen sich die – von oberbayerischen Anzüglichkeiten aufgepeitschten – Hormone. Nicht umsonst haben sie hier das possierliche „l“ an ihren Namen geschraubt: Das kleine Nest will wenig Aufsehen, genießt den Panoramablick aufs ferne Massiv der Alpen, und wenn man in einem Auto vorfährt, dessen Kennzeichen einen als Berliner ausweist, dann geht ein Raunen durch die Dorfjugend, die gut geföhnt neben ihren frisierten Mopeds steht. Sie sehnt sich nach ein bisschen Sünde, die sie nicht zu Unrecht in der fernen Hauptstadt vermutet.“

Früher hätte sich Kaiser über so einen Text geärgert, vielleicht auch etwas unternommen, wie bei dem Artikel einer kleinen Zeitung, deren Namen er nicht nennen will. Sie hatten ihn zitiert, ohne mit ihm gesprochen zu haben. Kaiser rief den Autor sofort an, „Du bist an ganz an gschlamperter Journalist, des bist du, des hab ich ihm gesagt“, sagt der Pfarrer. „So geht’s ja nicht.“ Heute aber lacht Josef Kaiser über solche Texte.

Er ist sich nicht sicher, wann genau er sich entschlossen hat, den ganzen Schmarrn der Medien mit Humor zu nehmen, möglicherweise war es am 29. Mai 2005. Im Mai ist Marktler Dult, das Volksfest des Dorfes, und so war es auch sechs Wochen nach der Papstwahl. Pfarrer Josef Kaiser saß mit Hubert Gschwendtner, dem Bürgermeister, im Bierzelt auf der Festwiese nahe des Bahnhofs, auch der Stoafellna Luky war da, die Gemeinderäte und der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr, eigentlich waren alle da aus Marktl.

Es ist Sitte und Brauch, dass die Wirtsfamilie, die das Bierzelt betreibt, einen Gstanzl-Sänger einlädt, also das, was ein Reporter der „Märkischen Allgemeinen“ als bajuwarischen Freestyle-Rapper bezeichnen würde – ein Sänger, der in freien Versen alles und jeden verspottet, der Anlass dazu bietet, genannt: Derbleckn. Es kam, auf Einladung der Wirtsfamilie Zeiler, der Doller Wastl. Es wurde ein Schlachtfest. Als der Doller Wastl Pfarrer Josef Kaiser in bösen Strophen zum Papst ernannte, Bürgermeister Gschwendtners in Filser-Englisch geführten Gespräche mit Journalisten nachgeäfft und Marktl zum ersten weltweiten Wallfahrtsort ausgerufen hatte, dessen Erde jetzt ja schon im Internet verkauft werde, da lachten die Marktler Tränen. Es war das erste Mal gewesen, dass sich nicht irgendein Stiftlschwinger, sondern einer der Ihren über das Media-Marktl lustig gemacht hatte. Es tat gut.

„Was damals nach der Papstwahl abgelaufen ist“, sagt Josef Kaiser, „des war ja auch vollkommen irrsinnig. Des muss dir aber erst mal klar werden.“ Jetzt hofft Josef Kaiser, dass Marktl nicht bald den nächsten Irrsinn erlebt. Am 9. September kommt Papst Benedikt XVI. nach Bayern, am 11. besucht er einen Tag lang den nahen Wallfahrtort Altötting, am Abend auch Marktl. Für genau 15 Minuten. „Aber den Journalisten ist das ja egal“, sagt Josef Kaiser. Bislang haben sich für diese 15 Minuten mehr Journalisten akkreditiert als für den ganzen Tag in Altötting. Nur die Leute von Al-Dschasira, die haben sich noch nicht gemeldet.

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