Zeitung Heute : Das WZB schuf Platz für die Großforschung

Gedanken eines früheren Skeptikers

Stephan Leibfried

Als Assistent und Rechtsreferendar protestierte Stephan Leibfried 1970 – mit 26 – vehement gegen das im Aufbau befindliche WZB, gemeinsam mit radikalen Studenten, den West-Berliner Universitätsleitungen, der Westdeutschen Rektorenkonferenz und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die „clandestine Etablierung einer postuniversitären Funktionärselite-Schule (für privatkapitalistische Organisationen und öffentliche Bürokratien als Einheit konzipiert)”, nannte er die „wohldotierten Pläne” der WZB-Initiatoren in der „Frankfurter Rundschau“ vom 24. April 1970. Wie andere frühe Kritiker hat er seinen Frieden mit der gemeinnützigen GmbH geschlossen und im WZB einen akademischen Dialog-Partner gefunden: als Gastforscher 1985/86 und seit 2007 – mit 63 – als Mitglied des Beirats, in dem unabhängige Experten das Institut kritisch-konstruktiv beraten und begleiten.

Bei der Gründung des WZB prallten zwei naive Welten aufeinander: Die Parlamentarier, die etwas für Berlin tun wollten, sahen inmitten der studentischen Proteste und Reformbestrebungen nach 1968 nur die Chance, jenseits der Universitäten irgendwie der Frontstadt zu helfen und gründeten eine GmbH. Sie hatten allerdings zur Umsetzung ihres Plans kaum vertiefende Ideen. Das war unterkomplex. Wir Opponenten wiederum malten gleich „Die ‚GmbH-Universität’ für die Mandarine der Zukunft“ an die Wand, waren für Verschwörungstheorien anfällig, dachten überkomplex.

Erst als man sich in Bonn nach einigem Zögern entschloss, dieses parlamentarische Findelkind anzunehmen und von den Skeptikern geforderte Elemente aufzunehmen, konnte daraus etwas Drittes, ganz Anderes wachsen: ein Institut der „problemorientierten Grundlagenforschung“, eine Einrichtung für nachhaltige, politikrelevante sozialwissenschaftliche Großforschung, die wiederum in den späten 1980er Jahren in eine Vielzahl von Abteilungen auseinandergefaltet wurde. Weder Gründer noch Opponenten hatten dieses Dritte auf dem Schirm gehabt.

Wo liegen heute die Vorzüge einer solchen Einrichtung? Darüber muss ich als Beiratsmitglied des WZB nachdenken – also seit ich vom „schärfsten Kritiker der Elche“ selber zu einem solchen geworden war. Seinerzeit waren die Vorteile des mit dem WZB entstandenen „Anderen“ klar: Die Universitäten hatte enge „Lehrstuhlzuschnitte“. Für langfristig angelegte, konzentrierte Großforschung war wenig Raum. Aber umgekehrt gilt auch: Nicht erst in Exzellenzzeiten haben die Universitäten ihre Formate schon in Richtung WZB bewegen können. Auch sie setzten auf längerfristige Lehrbefreiung, auf Forschungskonzentration, auf größere Einheiten, auf Problemorientierung, auf lange Frist.

Das WZB hat den Vorzug, als „Trüffelschwein“ wirken zu können: Es kann als verhältnismäßig kleine Organisation vergleichsweise einfach auf neue, „heranwachsende“ Themen wie „internationale Zivilgesellschaft“ setzen. Oder von anderen Forschungsorganisationen sträflich vernachlässigte Themen wie „Bildungsforschung“ neu besetzen und fruchtbar verknüpfen, hier mit Themen des Arbeitsmarkts, des Lebensverlaufs, der Ungleichheit. Es kann leichter als die Universitäten den Vorteil von Teamarbeit kultivieren. Ferner hat das WZB grundsätzlich den Vorteil des wendigen Schnellboots zwischen den großen und zwingend langsameren Tankern der Universitäten. Vielleicht muss das WZB weit mehr auf die vielversprechenden jungen Elche schauen – docs und post-docs –, die, am Reichpietschufer konzentriert, ganz besonders produktiv sein könnten?

Die Exzellenzinitiative zielt darauf, die außeruniversitäre Forschung wieder in die Universität zu locken, sie zu re-integrieren. Sie will den Auswanderungstrend, der weit vor 1968 ansetzte, wieder drehen. Das WZB muss sich zwischen Innen- und Außenorientierung, zwischen ruhiger Kultivierung eigener Forschungskraft und Mitwirken in der hektischeren Welt der Drittmittel immer neu finden, immer aber heute auf intelligente Weise beides zugleich tun. Vielleicht wird es bei all diesen Herausforderungen bald wieder ein Anderes geworden sein, das wir dann so wenig kennen wie vor 40 Jahren das WZB der „problemorientierten Grundlagenforschung“.

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