Zeitung Heute : Das ZDF wird sein Angebot jetzt über Werbung und Anzeigen mitfinanzieren

Doris Dangschat

Bald wird sich das am längsten vertraute Angebot beim Videotext im deutschen Fernsehen verändern: Zum Jahreswechsel, Stichtag voraussichtlich 29. Dezember, spaltet sich der ZDF-Videotext von der ARD ab und startet einen eigenständigen Dienst. Damit ist die langjährige Zusammenarbeit aufgekündigt. Ein Grund dafür war, so ZDF-Sprecher Walter Kehr, "die Magie des ersten Knopfes." Die meisten Fernsehzuschauer haben traditionell die ARD auf der ersten Taste der Fernbedienung, und nutzen den gemeinsamen Text so überwiegend von der ARD aus. Dieses Problem betrifft nicht nur den Teletext, sondern auch das gemeinsame Vormittagsprogramm. Doch weil zu einem Sender ein eigenes Angebot gehört und Konkurrenz das Geschäft belebt, wird sich das ZDF jetzt mit neuen Seiten ein eigenes Profil geben.

Der Redaktionsleiter des ZDF-Textes in Mainz, Emmanuel Heyd, der vorher den Teletext von Arte betreute, verspricht ein verbessertes Angebot. Neu ist: die Gehörlosenuntertitelung ist nicht wie bisher auf der Tafel 150, sondern wird wie in der Schweiz und in Österreich auf die Tafel 777 rutschen. Die Magazine 100 für Nachrichten, 200 für Sport und 300 für Programm werden zwar bestehen bleiben, doch müssen sich die Nutzer innerhalb dieser Seiten auf neue Belegungen einstellen. Die Bereiche Umwelt und Kirche sollen verstärkt, die Programminformationen ausgebaut werden. Doch die einschneidendste Veränderung für die Zuschauer ist wohl, dass das ZDF seinen Text auch über Werbung mitfinanzieren und Anzeigen im Videotext schalten wird. Erstmals wird der Onlinedienst im Internet des ZDF und der Videotext unter einem Dach sein. Dirk Max Johns ist der Leiter dieses neu geschaffenen Bereichs "Informationsdienste": "Worüber wir jahrelang auf Kongressen theoretisiert haben, haben wir jetzt umgesetzt - eine inhaltliche Redaktion für beide Bereiche".

Die ARD, so sagt der Leiter der noch-ARD/ZDF-Videotext-Zentrale Alexander Kulpok, wartet ab dem 1. Januar 2000 ebenfalls mit einem neuen Design auf. Mit dem berühmten ARD-Blau wird eine neue Farbe dominieren. Aus der beim SFB angesiedelten ARD/ZDF-Videotext-Zentrale verlautete weiterhin, dass die Informationen zum laufenden Programm verdoppelt werden sollen, das Angebot wird umfangreicher und die Teletext-Nachrichten, bislang das zweitbeliebteste Angebot nach dem Sport, soll künftig von der "Tagesschau"-Redaktion ARD-Aktuell beigesteuert werden. Allerdings bricht für die ARD, die bislang einen Etat von rund vier Millionen Mark für den gemeinsamen Text zur Verfügung hatte, durch die Kündigung des ZDF die Hälfte der Finanzierung weg.

Die Geschichte des Videotext begann vor über 20 Jahren: 40 Zeichen quer, 24 Reihen hoch, 8 Farben, dies ist das Strickmuster für den Videotext. Lange Zeit sah er aus, als hätte jemand in eine riesige Kiste mit Lego gegriffen und Türmchen, Treppen und Klötze gelegt. Seit dem 1. Juni 1980 betreiben ARD und ZDF einen gemeinsamen Videotext, und selbst die Dritten und die Privatsender nutzen die Möglichkeit, die Zuschauer zusätzlich zu informieren und an den Sender zu binden. Mittlerweile ist Videotext längst zum Massenmedium geworden: Insgesamt können nach Messungen der Gesellschaft für Kommunikationsforschung rund 57 Millionen Menschen in Deutschland Videotext aller Sender empfangen und sich Nachrichten, Sportergebnisse und die Schneehöhen in den Skigebieten beschaffen.

Dass es so etwas wie den Teletext oder Videotext überhaupt gibt, lernten die Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Programme durch den Hinweis auf die Untertitelung von Spielfilmen für Gehörlose auf der berühmten "Videotexttafel 150". Durchschnittlich fünf bis sechs Minuten blättern sich die Zuschauer täglich bei Sat 1 durch die Seiten, beim Videotext des Nachrichtenkanals n-tv mit Börsenkursen und Wirtschaftsinformationen verweilen die Zuschauer sogar durchschnittlich 105 Minuten.

Eine gefälligere Gestaltung und Grafik im HTML-Design ist technisch möglich, der Teletext kommt dann im Internet-Look daher, doch können dies die gängigen analogen Fernsehgeräte noch nicht darstellen. Die Paarungszeit von Fernseher, Computer und Internet ist bald angebrochen. Wenn das digitale Fernsehzeitalter eröffnet ist, wird im Fernsehen sowieso alles bunter und besser.

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