Zeitung Heute : "Das Zeitalter des Fernsehens beginnt, das Zeitalter des Fernsehens endet"

Reinhart Bünger

Die mediale Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Früher wurde auf Medienkonferenzen eine fantastische Welt entworfen: Digitalien, die Welt wo Met und Honig fließen, und Konsumenten über fünfhundert Digitalkanäle herrschen. Heute aber ist wieder vieles wie gestern.

"Das Zeitalter des Fernsehens beginnt, das Zeitalter des Fernsehens endet", so lautete gestern die These des amerikanischen Unternehmensberaters Michael J. Wolf auf dem Internationalen Medienforum Berlin-Brandenburg im ICC. Unterhaltung und Spaß würden zu den Antriebsriemen für die meisten Industrien, das Fernsehverhalten wandle sich im Zuge veränderter Lebensbedingungen, so Wolf auf der Internationalen Funkausstellung: "Mehr und mehr Zeit wird für Arbeit aufgebracht, die Familienstrukturen werden komplizierter - wer aber hart arbeitet, will nicht noch einmal vor dem Fernseher zuhause arbeiten." Alles ist aus den Fugen, auch die Menschen: Entertainment wird vom Luxus zur Notwendigkeit. "Die Welt wird immer spaßorientierter", findet Wolf. Vor diesem Hintergrund verschwinde das Konzept von Massenkommunikation, dem Herunterladen von Filmen auf Festplatte gehöre die Zukunft. Eine Studie der FU Berlin bestätigt den amerikanischen Medienexperten: "Unterhaltungspublizistik statt Fernsehjournalismus scheint die Devise zu sein, die den Trend bestimmt", heißt es in einer Untersuchung von Professor Hans-Jürgen Weiß. Die Behauptung, dass ARD und ZDF das Informationsangebot und die Privaten die Unterhaltung in den Vordergrund stellten, sei nicht länger aufrechtzuerhalten.

Georg Kofler, scheidender Vorstandsvorsitzender der Pro7 Media AG, mochte den Trend so nicht stehen lassen. "Den 24-Stunden-Fun-Mensch gibt es nicht und wenn, hat er spätestens nach einem Jahr einen Herzinfarkt", sagte er. Es würden sich auch in segmentierten Medien-Märkten "noch genügend Leute finden lassen, die ein Massenpublikum bilden". Allerdings bilde das Internet "eine neue Medienebene, mit neuen Medienmenschen, mit einer neuen Sprache".

Dieter Hahn, Geschäftsführungsvorsitzender der Kirch-Gruppe, pflichtete Kofler bei: "Der Fernseher bleibt im Zentrum des Empfangs." Seine Gruppe sehe die Entwicklung nüchtern als Handelshaus: eine Senderfamilie diene der Distribution von Film- und Fernsehsoftware. Jürgen Doetz, Sat 1-Geschäftsführer Medienpolitik und Unternehmenskommunikation, brachte die Zukunft des Fernsehens in einer sich verändernden medialen Umwelt auf folgende Formel: " Je passiver das Medium, desto unterhaltsamer."

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