Zeitung Heute : Das Zelt ist ihre Welt

Irene Moessinger über die Insolvenz ihres Tempodroms

Werner van Bebber

Schwer vorstellbar, dass diese elegante Frau im grauen Hosenanzug zum Sozialamt müsste, wenn die Bank ihrem Tempodrom das Geld verweigert. So sei es aber, sagt Irene Moessinger, Erfinderin, Gründerin, Geschäftsführerin der Berliner Bühne am Anhalter Bahnhof. Sie sagt das lächelnd, ohne Grimm oder Zorn oder Trotz, und es ist schwer zu sagen, ob sie sich den Gang zum Sozialamt wirklich vorstellen kann. Aber es ist klar, was Irene Moessinger in diesen Tagen – in denen keiner weiß, was aus dem Tempodrom werden wird – meint, wenn sie so spricht: Dass sie an dem Veranstaltungsbau mit dem Zackendach nichts verdient hat, dass sie, im Gegenteil, „immer alles in die Firma gesteckt“ hat.

Sozialamt – das wäre das absurde Ende einer Berliner Frauenkarriere, aber es hätte in seiner Absurdität etwas Zeitgemäßes. Irene Moessingers Tempodrom – sie weist immer darauf hin, dass es auch das Tempodrom ihres Geschäftspartners Norbert Waehl ist – steht vor der Insolvenz. Der Senat will auf diese Weise den Verkauf der Bühne möglich machen und eine Affäre beenden, die gezeigt hat, dass es mit dem von Klaus Wowereit 2001 angekündigten „Mentalitätswechsel“ in der SPD nicht weit her ist.

Irene Moessinger hat in und mit dem Tempodrom fast 25 Jahre Berliner Alternativkultur gemacht. Sie hat, als die Alternativkultur allgemein anerkannt und teilweise zum Mainstream geworden war, an der Betonierung des Tempodroms mitgewirkt. Aus dem Kulturzirkus wurde ein in den Himmel über Berlin ragendes Monument der Pop-Kultur, dessen Finanzierung nach einem Grundgesetz der Berliner Senatspolitik doppelt so teuer wie geplant geworden ist. Aber anders als früher steht ein Senat heute solch einen Finanzskandal nicht mehr durch, weil er es nicht mehr kann. So sind die Zeiten.

Absurd erscheint, dass eine ziemlich bekannte Kulturmanagerin und an die 50 Mitarbeiter wegen einer Polit-Affäre den Job verlieren, den sie gut gemacht haben – das Tempodrom ist für das laufende Jahr laut Waehl fast ausgebucht: Das Bauwerk ist die Ursache der Finanzprobleme, nicht das Management. Zeitgemäß wirkt das, weil viele alternative West-Berliner Lebensläufe aufs Sozialamt geführt haben.

Irene Moessinger hält nichts von solchen Betrachtungen. West-Berlin? Gut, das war der Anfang, der Kinderzirkus, das Leben im Wohnwagen. Es war für sie, die jetzt 54 ist, die Zeit der Suche. Die Tochter einer Gräfin arbeitete als Krankenschwester. Sie lebte, wie damals viele, „wild“. Die Idee mit dem Zirkuszelt, mit dem Leben im Zirkuswagen nicht weit von der Mauer entfernt – das kam aus einer „Bewegung“ sagt sie, und das ist einer der wenigen 68er-Begriffe, die sie verwendet. West-Berlin war die Stadt, wo solche Bewegungen zu einem Experiment wie dem Tempodrom führten, das vor allem ein Ort für Kunst, Kabarett, Musik gewesen ist. Aber West-Berlin, das waren gerade zehn Jahre in der fast 25 Jahre dauernden Geschichte des Tempodroms. Es folgten 14 Jahre Kunst, Kabarett, Musik im mauerlosen Berlin, darauf weist Irene Moessinger lächelnd, aber deutlich hin.

Nein, diese Frau will sich nicht festlegen lassen. Nicht auf eine West-Berliner Träumerin, deren Vorstellungen von Kultur nicht mehr zur Pleitestadt mit drei Opern passen. Und nicht auf eine Kulturschaffende, die sich nach gewohnter Berliner Sitte auf die Politik als Geldgeberin verlassen hat und nun verlassen ist. Auch nicht auf eine Achtundsechzigerin, deren Wertschätzung der „Kultur“ als Staatsaufgabe zum staatlichen Selbstverständnis nicht mehr passt. Irene Moessinger sagt sogar – und nichts verdunkelt ihre Augen – sie habe großen Respekt vor Politikern. Sie habe sich aber auch nie Illusionen darüber gemacht, dass die Politik ihr beisteht, wenn es schwierig wird. Sie erlebt nach ihrer Einschätzung, was alle Schätzchen der Politik erleben: Senatoren schmücken sich mit ihnen, wenn alles gut läuft. Senatoren lassen sie fallen, wenn es Probleme gibt.

Nun sitzt sie in der Sonne vor dem Tempodrom, hat die Entscheidung der Bank über das weitere Verfahren abzuwarten und wirkt dabei alles andere als bitter. Vielleicht liegt es daran, dass der Ärger um das neue Tempodrom schon viel länger dauert als die Polit-Affäre. Oder es liegt daran, dass ihr die vergangenen 25 Jahre so viel gegeben haben wie sie dem Tempodrom, das sie nun „eine Institution“ nennt, „eine Institution, die die Wende überstanden hat – und gut!“ Vielleicht gehört sie zu den Menschen, die bei dem, was sie tun, darauf achten, dass es moralisch für sie in Ordnung ist. Es gibt nur eine einzige Bemerkung, die darauf schließen lässt, dass die Schwierigkeiten des Tempodroms der Irene Moessinger an den Lebensnerv und die Lebensfreude gegangen sind: „Ich habe geträumt, ich werde geköpft“, sagt sie.

Wie manche Menschen, die mit sich im Reinen sind, macht sie im Bilanzieren wenig Unterschiede. Es gab keine große, keine bessere Zeit des Tempodroms. Sie denkt gern an den Kinderzirkus ganz am Anfang. Sie denkt gern an die Heimatklänge zurück. An ein Konzert von Salif Keita, an ein Konzert von Kraftwerk. Was manche für einen Job für Organisatoren und Dauertelefonierer halten, beschreibt sie mit dem Satz: Die Welt kommt zu einem.

Anders als in der Politik gibt es in so einem Leben keine falschen Entscheidungen, allenfalls Bemühungen, die scheitern. „Es ist nicht schön zu denken, dass man vielleicht mit einem Offenbarungseid endet“, sagt sie. Doch nicht einmal die Entscheidung für das neue Tempodrom, den betonierten Traum am Anhalter Bahnhof, würde sie zurücknehmen, hätte sie vor drei Jahren von allem Ärger und allen Schwierigkeiten gewusst, die sie jetzt erlebt. Von Gleichmut mag man in Anbetracht der in der Sonne sitzenden Irene Moessinger bloß deshalb nicht sprechen, weil man ihr die Sorge um die 50 Mitarbeiter abnimmt, die nicht wissen, was aus ihrem Arbeitsplatz werden wird. Nur wer nichts macht, mache keine Fehler, sagt sie – wer würde das bestreiten? „Wir haben so viele Regierungen mitgemacht. Die gehen. Das Tempodrom wird bleiben.“ Wer weiß.

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