Zeitung Heute : Das Zeug zum Überzeugen

Gut reden, gekonnt präsentieren: Rhetorische Fähigkeiten sind schon in Schule und Studium gefragt

Silke Zorn

Der Mund wird trocken, die Hände feucht und alle sorgsam zurechtgelegten Argumente verflüchtigen sich urplötzlich in die hintersten Gehirnwindungen – für viele Menschen bedeutet die Aussicht, in der Öffentlichkeit das Wort ergreifen zu müssen, Stress. Dabei sind überzeugendes Reden und gekonntes Präsentieren heute wichtiger denn je. Und zwar nicht erst beim Einstieg in einen Beruf. Referate, mündliche Prüfungen und Diskussionen im Kurs- beziehungsweise Klassenverband verlangen bereits Schülern und Studenten Wortgewandtheit ab.

Wer derzeit in Berlin die 11. Klasse besucht, wird im Abitur außerdem mit einer Neuerung konfrontiert: Die Präsentation eines selbst gewählten Themas in freier Rede und mit medialer Unterstützung wird ab 2007 fünfte Prüfungkomponente. Sicher eine Chance, persönliche Interessen und Präsentationsgeschick in die Abiturnote einfließen zu lassen - andererseits aber auch keine leichte Sache. Und in den neuen Bachelor-Studiengängen wird zunehmend Wert auf die so genannten Schlüsselqualifikationen gelegt. Einen Teil der examensrelevanten Kreditpunkte erwerben die Studierenden in diesem Bereich der „allgemeinen Berufsvorbereitung“. Wohl dem also, der sich bereits zu Schulzeiten, spätestens aber im Studium in Sachen Rhetorik fit macht.

Einer, der sich in dieser Hinsicht garantiert nichts vorzuwerfen hat, ist Michael Seewald. Der 17-jährige Schüler aus dem Saarland gewann dieses Jahr den Wettbewerb „Jugend debattiert“, zu dem die Hertie-Stiftung bundesweit aufgerufen hatte. Selbst Naturtalent und „Vielredner“, macht er auch denen Mut, die von Sprechängsten und Lampenfieber geplagt werden: „Wer lernt, Struktur in die eigene Argumentation zu bringen, der wird automatisch sicherer.“ Von seinen Redekünsten profitiert der junge Debattierer vor allem im Unterricht, aber auch bei Diskussionen außerhalb der Schulmauern. Er ist sich sicher: „Überzeugend reden ist überall wichtig.“

Auch Alexander Freier muss sich Tag für Tag den Mund fusselig reden. Konferenzen, Bezirksversammlungen, Diskussionsrunden mit Lehrern und Politikern: Während andere nach Schulschluss ihre Freizeit genießen, ist der Berliner Landesschülersprecher unermüdlich im Einsatz. Rhetorik-Seminare hat der 18-Jährige zwar nie besucht, aber eine andere Art der Vorbereitung hält er für enorm wichtig: die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema. „Es gibt nichts Schlimmeres, als über etwas reden zu müssen, wovon man keine Ahnung hat.“

Und, da sind sich Alexander Freier und Michael Seewald einig, ein guter Redner sollte nicht nur die eigene Sicht der Dinge schlüssig darlegen können, sondern auch darauf vorbereitet sein, mögliche Gegenargumente zu entkräften. „Jedes Thema hat mindestens zwei Seiten.“

Ohne eine gehörige Portion Überzeugungskraft wäre auch Alexandra Knauer vor zehn Jahren ziemlich aufgeschmissen gewesen. Der elterliche Betrieb stand vor dem Aus und die junge BWL-Absolventin, die eigentlich nie in das Familienunternehmen einsteigen wollte, vor der Frage: Versuche ich, das Ruder noch einmal herumzureißen? Sie stellte sich der Herausforderung – mit Erfolg. Heute beschäftigt ihre Firma über 70 Mitarbeiter, und Alexandra Knauer wurde vergangene Woche mit dem Unternehmerinnenpreis des Landes Berlin ausgezeichnet. Durch Worte überzeugen – für die 38-Jährige das täglich Brot. Als Geschäftsführerin muss sie das Unternehmen repräsentieren, mit Vertriebspartnern verhandeln und auf Messen in aller Welt ihre Produkte vorstellen. Aber auch bei internen Meetings und Betriebsversammlungen ist ihre Überzeugungskraft gefragt. Im Studium wurde sie auf all dies kaum vorbereitet: „Zu meiner Zeit gab es an der Uni überhaupt keine gezielten Angebote in Sachen Rhetorik.“ In eigener Regie belegte Knauer Seminare und mit der Zeit kam die Routine. Doch auch nach zehn Jahren des Überzeugens und Repräsentierens bereitet sich die Berlinerin immer noch sorgfältig auf jeden Rede-Anlass vor. „Ich übe das Sprechen zu Hause, das gibt mir viel Sicherheit.“ Und um die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu wecken und das Eis zu brechen, plaudert Knauer auch schon mal Persönliches aus – etwa die Frage ihres Sohnes, als er von ihrem Preis erfuhr: „Mama, kriegste dann auch Süßigkeiten?“

Kaum zu glauben, aber wahr: Mit Lampenfieber hatten weder Alexandra Knauer, noch Michael Seewald und Alexander Freier je ernsthaft zu kämpfen. Wenn die Anspannung dann doch mal für weiche Knie sorgt, hat jeder seine eigene Methode, dem Muffensausen Herr zu werden. „Mir hilft es, die Veranstaltung klein zu reden“, verrät Schülersprecher Freier, „alles halb so wild.“ Alexandra Knauer baut auch hier auf solide Vorbereitung: „Je besser ich präpariert bin, desto sicherer fühle ich mich.“ Eine gewisse Anspannung vor der großen Rede halten aber alle Drei für gut und wichtig. Das sei erstens die beste Medizin gegen Selbstüberschätzung und zweitens wunderbar dazu geeignet, den Zuhörer spüren zu lassen, dass man mit ganzem Herzen bei der Sache ist.

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