Zeitung Heute : Das Ziel: Heimat bis zum Tode

Der Tagesspiegel

Jochen sitzt mit einem halben Liter „Admiral“-Pils auf der Bank vor der Kreuzberger Nostitzstraße 6 und genießt die Morgensonne. Früher saß Jochen immer auf der Straße. Jetzt wohnt er im Obdachlosen-Wohnprojekt der „Nostitz 6“. Drinnen besichtigt die Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner gerade Jochens Männer-WG. Kleine Ein- und Zweibettenzimmer bieten 9,02 qm Heimat mit Bett, Schrank, Teppich, Kunstblumen.

„Peter, dürfen wir mit der Senatorin mal rein?“ Obdachlosen-Pfarrer Joachim Ritzkowsky öffnet eine der Türen. Peter hockt verschlafen auf seinem Bett, erzählt Knake-Werner, wie ihn der Pfarrer nach neun Jahren „Platte schieben“ in der Hasenheide bei minus 16 Grad unter einem Bauwagen vorgezogen und ins Wohnheim mitgenommen hatte. Seit vier Jahren lebt er zusammen mit 33 anderen, meist älteren Männern in der „Nostitz“, mittlerweile ohne Krätze und Schnaps.

Die Senatorin hört zu, fragt nach, wirft einen Blick auf den Trödelmarkt, wo Hunderte Bücher und Schuhe in Reih und Glied stehen. Hier decken sich nicht nur Obdachlose ein, sondern mittlerweile auch viele Bedürftige aus dem Kiez, die das Sozialamt vorbeischickt. Seit 12 Jahren sammelt Pfarrer Ritzkowsky Menschen von der Straße auf. Nicht ohne Probleme. Die Senatorin schreibt sie mit. Die Reibereien mit den Nachbarn bekommt die Gemeinde noch alleine in den Griff: Urinlachen vor dem Haus, Bierdosen im Hinterhof. Schwieriger ist das Verhältnis zur Verwaltung. Gesundheit und Soziales spricht von „Menschen in sozialen Ausnahmesituationen“, das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von „sozialer Rehabilitation“. Pfarrer Ritzkowsky erzählt von Jochen, der immer an der Heizung im Flur steht, Bier trinkt, den Urin nicht halten kann und sein Zimmer verwahrlosen lässt. „Das zeig’ ich Ihnen besser nicht“, sagt der Pfarrer. Die Senatorin nickt.

Sucht ein Obdachloser ein Bett, erwarten die Sozialämter vor der „Kostenübernahme nach § 39 BSHG“, dass er sich bei seinem sozial-psychatrischen Dienst anmeldet, dann zu Clearingstelle des Senats pilgert, wieder bei seinem Bezirksamt vorspricht und sich unterwegs noch entlausen lässt. „So eine Prozedur ist unmöglich für einen alkohol- und psychisch Kranken“, empört sich Ritzkowsky und die Senatorin nickt.

Nach einem Jahr sollen Obdachlose in der Regel die Heime verlassen. Danach drohen die Bezirke, die Tagessätze zu streichen. Das Wohnprojekt dagegen will seine Männer „bis zum Tod beheimaten“ und operiert damit in einer rechtlichen Grauzone. „Die dauerhafte Beheimatung ist eine Lücke im System“, erkennt die Sozialsenatorin und verspricht zu prüfen, ob das Obdachlosen-Wohnprojekt jenseits der Verwaltungswüste als Modellprojekt gefördert werden kann. Der Zeitraum von zwei Jahren wird mittlerweile diskutiert. Wenn das Arbeitsamt Berlin Mitte im Sommer die 30 ABM-Stellen auf zehn zusammenstreicht, wird es aber schwer mit der Beheimatung bis zum Tod. Thomas Neubacher-Riens

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