Zeitung Heute : Das Ziel im Blick

Die Inspekteure der Vereinten Nationen bekommen mehr Zeit, um im Irak nach verbotenen Massenvernichtungswaffen zu suchen. Europa fordert das schon länger. Aber auch den USA kommt das nicht ungelegen. Denn für einen Krieg sind sie noch nicht vollends gerüstet.

Peter Siebenmorgen

Donald Rumsfeld, der amerikanische Verteidigungsminister, musste sich in der vergangenen Woche entschuldigen. Nicht etwa bei den Verbündeten Frankreich oder Deutschland, die er verächtlich als „altes Europa“ abgetan hatte, sondern bei Tausenden von Veteranen des Vietnamkriegs. Damals gab es in den Vereinigten Staaten die Wehrpflicht, der Blutzoll gezogener Soldaten war hoch. Eine Heerschar von jungen Menschen, die das Kriegshandwerk nicht als ihren Beruf auserkoren hatten, fielen oder kamen mit zerstörter Zukunft als Kriegsversehrte zurück vom Feldzug aus Indochina. Den überlebenden Wehrpflichtigen zu sagen, sie seien militärisch wertlos gewesen, musste in deren Ohren zynisch klingen.

Also entschuldigte sich Rumsfeld bei ihnen, obwohl seine taktlose Bemerkung in der Sache nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Denn schlecht oder halb ausgebildete Soldaten sind, militärisch betrachtet, wenig mehr als Kanonenfutter – kriegsentscheidende Kampfkraft bringen sie jedenfalls kaum mit. Masse ist nicht Klasse.

Das sieht der amerikanische Verteidigungsminister auch heute, nachdem Chefwaffeninspektor Hans Blix seinen Irak-Bericht dem UN-Sicherheitsrat übergeben hat, nicht anders. Sein Report lässt sich zwar auf den Nenner bringen: „Nichts genaues weiß man nicht.“ Aber Bilx sagt auch warum: weil Saddam nicht hinreichend kooperiert. So aber verhält sich nur jemand, der etwas zu verbergen hat. Die amerikanische Aufrüstung am Golf läuft daher auf vollen Touren weiter: Mit dem Besten und Neusten richtet sich das Pentagon auf einen Hightech-Krieg ein.

Das passt zu Rumsfeld, der vom Lebensalter zwar eher zu den älteren Herren und aufgrund seiner politischen Werte zu den besonders Konservativen gezählt werden darf, der in beruflichen Dingen indes ein gnadenlos moderner Mensch ist: Als Wirtschaftsmanager in den achtziger Jahren setzte er auf Sanierungskonzepte, die erst in den neunziger Jahren flächendeckend an den Wirtschaftschulen gelehrt wurden. Und als Militärpolitiker, der er immer blieb und heute mehr denn je ist, war er stets ein Verfechter hoch professionalisierter Streitkräfte. Als er von George W. Bush zum Verteidigungsminister berufen wurde, musste ihn niemand von den Vorzügen des HightechKriegs überzeugen.

Mit Blick auf die notwendigen Mittel für eine militärische Lösung des Irak-Konflikts führte dies zu der Einschätzung, eine Intervention am Persischen Golf mit einer relativ kleinen, hoch technisierten Elite-Streitmacht schaffen zu können. Die militärische Führung im Pentagon dagegen kam zu anderen Bedarfsschätzungen. Im Dezember des vergangenen Jahres berichteten amerikanische Zeitungen gar über einen scharfen Konflikt. Doch diesem Streit war rasch die Nahrung entzogen, denn Anfang Januar beorderte Rumsfeld weitere massive Militärkontingente an den Golf. Gemessen an der nunmehr einvernehmlichnen militärischen Bedarfsplanung für einen Irak-Krieg werden die Vereinigten Staaten ohnehin erst Ende Februar/Anfang März einsatzbereit sein. Solange dauert die Verlegung weiterer Truppenteile.

Wenn sich die amerikanische Administration jetzt darauf einlässt, den Waffeninspekteuren der Vereinten Nationen doch noch etwas Zeit zuzubilligen, so korrespondiert dies eher mit dem Zeitverzug beim militärischen Aufmarsch, als dass dies als ein Zeichen neuer Konzilianz gewertet werden dürfte oder gar als ein Sieg deutsch-französischer Brachialdiplomatie. Dass die verbleibende Zeit auch dazu genutzt werden kann, die in der ersten Runde nicht wirklich erfolgreich bestandene Auseinandersetzung um die Zustimmung der Weltöffentlichkeit fortzusetzen, ist ein hilfreicher Nebenaspekt.

Die jüngsten Korrekturen am Streitkräftebedarf haben aber auch etwas mit der Unsicherheit darüber zu tun, welche Art von Auseinandersetzung bevorstehen könnte. Kampfkraft und Moral von Saddams Streitkräften gelten infolge des ersten Irak-Kriegs und der folgenden Sanktionen als schwach. Während vor 1991 zuletzt jährlich 15 Milliarden US-Dollar in die irakische Armee investiert wurden, waren dies 2000 nach amerikanischen Geheimdienstquellen nur noch zwei Milliarden. Das Land zu überrollen, dürfte daher nicht das eigentliche Problem sein. Schwieriger wird die Einnahme der von Saddams Elite-Einheiten geschützten Hauptstadt Bagdad sein. Kommt es hart auf hart, ist da mit Hightech und Abstandswaffen wenig auszurichten. Auch ohne den Einsatz von B- oder C-Waffen, könnte dies zu einer aufreibenden und verlustreichen Auseinandersetzung führen. Die Erfahrungen der militärischen Pleite von Mogadischu gemahnen.

Doch selbst wenn Land und Hauptstadt bezwungen sein sollten, ist der Krieg noch nicht gewonnen. Sollte der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügen, so müssten diese schnellstmöglich gefunden und ausgeschaltet werden. An unterirdischen Verstecken ist die irakische Bergwüste nicht weniger reich als Afghanistan. Und dann müssen sich die Amerikaner auch noch auf eine lange Besatzungszeit in feindlicher Umgebung einstellen: Autoritäten aus der irakischen Opposition oder dem Exil stünden ihnen kaum beiseite, im kurdischen Norden und im schiitischen Süden wäre ständig mit bürgerkriegsartigen Unruhen und Aufständen zu rechnen.

Bei allem müsste es auch noch schnell gehen. Sonst bricht womöglich der innenpolitische Rückhalt für einen amerikanischen Feldzug weg. Und jeder Tag mehr verursacht enorme Kosten, die durch keine Schecks aus Japan oder Deutschland gemildert werden. Von den wirtschaftlichen – den nationalen wie den internationalen – Folgen eines längeren Kriegs ganz zu schweigen. Foto: Mike Wolff

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