Zeitung Heute : Das Zittern des Lesers

Maike Albath

Man traute der zierlichen alten Dame mit der gestärkten weißen Bluse, dem langen schwarzen Rock und der großen Handtasche ihre Romane nicht zu. Diese sanftmütige Frau sollte tagaus, tagein hinter der Schreibmaschine sitzen und Geschichten über Leute erfinden, die beiläufig jemanden umbringen und anschließend genüsslich einer Mozart-Symphonie lauschen? Nur ihr musternder Blick verriet die gnadenlose Beobachtungsgabe. Kein Stirnrunzeln, kein Mundwinkelzucken, keine noch so nebensächliche Geste entging ihr. Ihr zerfurchtes Gesicht trug damals, in den achtziger Jahren, Spuren der vielen Drinks, die zu ihrem Leben gehörten wie die Katzen und Schnecken, mit denen sie sich umgab. Sie wusste um die Spielarten der menschlichen Natur. Die Auslöser für die Gewalttaten in ihren Büchern, ob imaginiert oder tatsächlich vollzogen, sind alltägliche Empfindungen: Hass, Liebe, Enttäuschung, Wut, Euphorie oder Angst. Patricia Highsmith ähnelte dem Schneckenforscher, von dem sie in einer ihrer Kurzgeschichten erzählt: wie einen Versuchsaufbau konzipierte sie ihre Romane, ungerührt protokolliert sie den Werdegang ihrer Helden, die sich in Notlügen verheddern und in Halbwahrheiten verstricken, bis der Leser mit ihnen bangt.

Mit dem Kurzgeschichten-Band "Die stille Mitte der Welt" beginnt jetzt eine Werkausgabe der amerikanischen Autorin. Aus 50 Regalmetern Nachlass haben die Herausgeber größtenteils unveröffentlichte Erzählungen heraus gesucht, die einen Einblick in das frühe Schaffen Patricia Highsmiths ermöglichen, zwischen 1938 und 1949. Schon hier verspürt man das klaustrophobische Grundgefühl, das für viele ihrer späteren Bücher charakteristisch sein sollte. Es reicht eine falsche Bewegung, ein unbedachtes Wort, eine stumme Einwilligung, und die Protagonisten werden zum Spielball eines gewieften Gegenübers, insgeheim gesteuert durch eigene unerkannte Wünsche. Während Highsmith den 50er Jahren aber eine Vorliebe für männliche Helden entwickeln sollte, geistert hier noch eine Riege großartig beschriebener mittelalter Frauen - emsig, zwanghaft, verhärmt - durch die Geschichten. Und es fängt wie gewohnt ganz harmlos an: Eine Mutter geht mit ihrem Kind in den Park, ein Verliebter wartet sehnsüchtig auf einen Brief seiner Angebeteten und eine New Yorkerin holt ihre Schwester vom Bahnhof ab. Aber es knirscht in den wohlvertauten Beziehungen, der Boden knackt und knarrt, überall tun sich Falltüren auf.

Ordentlich frisiert und gekleidet begibt sich Highsmith Anfang der vierziger Jahre jeden Morgen an ihren Schreibtisch und absolviert ihre Tagewerk nach einem strengen Stundenplan, entwirft Plots, skizziert Charaktere, füllt Seite um Seite und Notizblock um Notizblock. Sie braucht dringend Geld, und das Geschäft ist mühsam. Von den Magazinen und Zeitschriften, wo sie ihre Geschichten anbietet, hagelt es Absagen. Wird doch einmal etwas gedruckt, sind Umarbeitungen und Kürzungen erforderlich. 1942 ergattert Highsmith eine Stelle als Comictexterin und kann sich endlich ein eigenes Appartement leisten. Privat ist sie mit menschlichen Nöten in allen Varianten vertraut: Ihre Neigung zu Frauen versucht sie, mit einer psychotherapeutischen Behandlung zu neutralisieren. Die Liebesbeziehungen der attraktiven Mitzwanzigerin sind kompliziert - sie hat eine Schwäche für älteren Frauen mit Alkoholproblemen. Durch die Vermittlung von Truman Capote erhält sie 1948 ein Stipendium, das sie von ihren Geldsorgen befreit und ihr die Arbeit an einem großen Romanprojekt ermöglichte. Der Roman "Zwei Fremde im Zug", in dem zwei Männer für den jeweils anderen einen Mord begehen, kommt 1950 heraus, und vierzehn Tage nach Erscheinen erwirbt Alfred Hitchcock die Filmrechte. Patricia Highsmith wird auf einen Schlag berühmt.

Die Lektüre der frühen Erzählungen ist eine Überraschung. Keine Anfängerin, sondern eine ausgebildete Autorin scheint hier am Werk zu sein. Trotz stilistischer Schwankungen und abrupter Schlusswendungen - nicht alle Geschichten sind gleichermaßen gelungen - offenbart sich Highsmiths dramaturgisches Geschick und ihre großartige Figurenzeichnung. Mitleidlos nimmt sie die physische Erscheinung oder Verhaltensweisen einer Person ins Visier - eine Schwäche für Brandy, eine Laufmasche im Strumpf, Unachtsamkeit beim Stricken, Gewichtszunahme - und kommentiert damit die psychische Verfassung. Geschult an Henry James und Edgar Allen Poe gelingt es ihr, Stimmungen auf knappem Raum zu verdichten, sie kippen zu lassen und bis an die Ränder des Unbewussten vorzudringen.

Mrs. Robertson zum Beispiel, die Heldin der Titelgeschichte "Die stille Mitte der Welt", ist eine konventionelle Person mit spießiger Moral. Um ihrem streng observierten Sohn Philip die notwendige Portion frischer Luft zuzuführen, bringt sie ihn in einen kleinen Park, wo er Freundschaft schließt mit einem anderen Jungen. Dessen hübsche Mutter ist Mrs. Robertson sofort ein Dorn im Auge, sie wirkt viel zu entrückt und selbstvergessen für eine ordentliche Hausfrau. Als die junge Mutter in der Mittagspause Besuch von einem Mann erhält, bestätigt sich Mrs. Robertsons Verdacht. Mit einer Mischung aus Voyeurismus und Boshaftigkeit beobachtet sie das heimliche Liebespaar. Unfähig, den eigenen Neid wahrzunehmen, lässt sie ihre verdeckten Gefühle an ihrem kleinen Sohn aus und trennt ihn von dem gerade gewonnenen Freund. Ähnlich grausam verhält sich der enttäuschte Verliebte in der Erzählung "Vögel vor dem Flug". Don erwartet ungeduldig die Antwort auf einen Heiratsantrag, den er per Post an seine Freundin nach Europa gesandt hat. Weil er eine Ungeschicklichkeit des Briefträgers vermutet, öffnet er den Kasten seines Nachbarn und entwendet einen Brief, in dem eine junge Frau dem Empfänger ihre Liebe gesteht. Don antwortet im Namen seines Nachbarn und bestellt die Unbekannte zu einer Verabredung. Am Tag des Treffens erreicht ihn die lapidare Zurückweisung seines Heiratsantrags. Aus der Ferne beobachtet er die vergeblich angereiste Frau, deren Hoffnung sich allmählich in Verzweiflung wandelt, und labt sich an ihrem Unglück.

Patricia Highsmith ist keine gewöhnliche Krimiautorin. Sie ist die Vertreterin eines psychologischen Realismus ganz eigener Prägung. Mit Agatha Christie, Dorothy Sayers oder P.D. James kann man sie nicht vergleichen, denn die Aufklärung eines Verbrechens spielt für sie keine Rolle. Moral und Gerechtigkeit sind obsolete Kategorien. "Leute ohne Moral, wenn sie nicht sture, brutale Charaktere sind, amüsieren mich. Sie haben Phantasie, geistige Beweglichkeit und sind dramatisch nahrhaft", sagt sie einmal. Jeder kennt die Regungen, von denen Highsmith erzählt. Die Vielzahl an Leichen in ihren Romanen hat aber dazu geführt, dass man sie einfach unter dem Etikett "Suspense" ablegte. Ihre sinnliche Düsternis, ihr unnachahmlich gleichmütiges Amerikanisch, das eigentümliche Wechselspiel zwischen der spröden Faktizität ihrer Sprache und den Abgründen der Seele, die Fähigkeit, psychische Abnormität atmosphärisch festzuhalten und ihr eine morbide Faszination abzugewinnen - all das fand nur selten Beachtung. Highsmith galt als Thrillerautorin, als Lieferantin spannender Kinostoffe. Berühmte Regisseure von Hitchcock, Chabrol und Pollack bis zu Wim Wenders und Anthony Minghella griffen zu ihren Romanen, weil sie großartiges Filmmaterial boten. Obwohl Kollegen wie Graham Greene und Peter Handke immer wieder auf ihre Bedeutung verwiesen, kamen ihre Romane auch im Diogenes Verlag in der einschlägigen schwarzgelben Reihe heraus und, wie bei ausländischen Krimis des öfteren der Fall, sogar in gekürzter Form. Man kann ihren Büchern verfallen, so wie man einer Musik verfällt, man liest weiter und weiter, ohne zu ermüden. Patricia Highsmith macht aus ihren Lesern Voyeure, die still zugucken und froh sind, wenn sie ungeschoren davon kommen.

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