Zeitung Heute : Das zweite Gesicht

Land im Krieg mit sich selbst: Der Schock nach dem Dink-Mord war kurz, dann machte die andere Türkei mobil, die nationalistische

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Der Mann im beigen Regenmantel kritzelt gelangweilt auf einem Stück Papier herum. Den Mantel hat er nicht abgelegt, obwohl die Luft in der Redaktion der kleinen Istanbuler Wochenzeitung „Agos“ stickig und warm ist. Für die Telefonate und die hin- und herrennenden Zeitungsleute hat der Mann im Trenchcoat kaum einen Blick übrig. Er gehört auch nicht zu „Agos“. Er gehört zur türkischen Polizei.

„Sogar in die Toilette geht er mit“, sagt Aydin Engin, der an einem Schreibtisch neben dem Regenmantel-Typen sitzt. Der Polizist ist Engins staatlich angeordnete Leibwache, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche sind er und seine Kollegen in der Nähe des Journalisten. Die Personenschützer sollen verhindern, dass Engin von türkischen Rechtsnationalisten umgebracht wird. Engin ist Kolumnist bei „Agos“ und seit der Ermordung des „Agos“-Gründers Hrant Dink am 19. Januar vor dem Redaktionsgebäude im Istanbuler Stadtteil Sisli so etwas wie der inoffizielle Sprecher des armenisch-türkischen Wochenblatts. Ständig ist der 65-Jährige im Fernsehen zu sehen. Das reicht, um ihn zu einer extrem gefährdeten Person zu machen.

Auch Engins neuer Chefredakteur und Dink-Nachfolger Etyen Mahcupyan sowie eine Handvoll anderer Journalisten und Intellektueller werden seit jenem 19. Januar von der Polizei geschützt. Vor dem „Agos“-Gebäude steht ein Einsatzwagen der Polizei, in der Lobby im Erdgeschoss sitzen drei Beamte in Uniform. Bevor Besucher eingelassen werden, fragen zusätzliche, von „Agos“ bezahlte Wachleute über Funk drinnen nach, ob die Redaktion jemanden erwartet.

Nötig sind solche Vorsichtsmaßnahmen, weil der Mord an Dink die Türkei nur vorübergehend schockierte. Dieser Schock bremste lediglich ein paar Tage lang die erbitterte und zunehmend gewalttätige Auseinandersetzung darüber, was für ein Land die Türkei eigentlich sein will. Bühne dieses Streits ist die Armenierfrage. Die Feststellung, die Massaker an den Armeniern von 1915 seien ein Völkermord gewesen, wird von den allermeisten Türken auch heute noch als persönliche Beleidigung aufgefasst: Eine ehrliche Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte hat es am Bosporus nie gegeben. „In der Türkei gibt es keinen Alexander Mitscherlich, der zur Trauerarbeit angestoß en hätte“, sagt der in Istanbul lehrende deutsche Historiker Christoph K. Neumann.

Schon bei Dinks Beerdigung am 23. Januar taten sich Gräben voller Ängste und Hass auf. Als mehr als 100 000 Menschen beim Trauermarsch für Dink unter dem Solidaritätsmotto „Wir sind alle Armenier“ auf die Straße gingen, machten die Nationalisten mobil. „Wir sind alle Türken“, lautet die Gegenparole. Von einem „Kreuzzug“ gegen die Nation war die Rede. Seit dem Tag des Trauerzuges treffen bei liberalen Kommentatoren per Post und per E-Mail hundertfach Gewaltdrohungen ein.

„Es gibt keinen Dialog“, sagt Engin über die beiden Lager. Das Land habe eben mehrere Gesichter: „Eines weist nach Europa und zur Demokratie, doch andere blicken in die andere Richtung.“

Dennoch wollen einige Behördenvertreter die Gefahr nicht wahrhaben, die jedem droht, der im Zusammenhang mit den Armeniern den Nationalisten öffentlich widerspricht. Das zeigt der Fall des Universitätsprofessors Baskin Oran, der durch seine Forderung nach mehr Rechten für die Minderheiten in der Türkei bekannt ist. Als Oran in den vergangenen Tagen die Staatsanwaltschaft um Personenschutz bat, weil er Morddrohungen erhalten hatte, riet ihm der zuständige Beamte, er solle doch lieber versuchen, sich mit den Absendern der Drohungen „zu einigen“. Erst als Oran mit dieser Auskunft an die Öffentlichkeit ging, erhielt er polizeilichen Schutz. Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob das merkwürdige Verhalten der Polizei nur auf Schlamperei oder auf heimliche Sympathie für die Rechtsradikalen zurückzuführen ist. Wenn es um Linke oder Kurden geht, können türkische Polizisten jedenfalls ganz anders zulangen.

Gewollt oder ungewollt haben die Behörden dazu beigetragen, dass der rechte Rand die Bühne beherrscht. Nicht um die Gründe für den Hass auf die Armenier und auf andere Minderheiten dreht sich die Debatte – es geht um den Schutz der Nation vor angeblichen Auflösungstendenzen. Die von den Politikern gern und häufig beschworene Vorstellung, dass die Türken im Umgang mit den verschiedenen Minderheiten im Land tolerant seien, sei nur ein „Mythos“, der das Land für die Realitäten blind mache, meint der Politikwissenschaftler Dogu Ergil. Vielmehr herrsche in der Türkei eine „Belagerungsmentalität“, in der die Einheit der Nation über alles gehe. Das ist die „andere Türkei“, von der Engin spricht.

Auf diese andere Türkei trifft man schon wenige Schritte vom „Agos“-Gebäude entfernt. Da wartet der Obsthändler Mehmet Saracoglu in seinem winzigen Laden in einer Seitenstraße auf Kunden. Natürlich sei er entrü stet über den Mord an Dink, sagt er. Aber fast noch schlimmer findet Saracoglu, was sich beim Trauermarsch abspielte. „Das waren keine normalen Türken, die dort mitmarschierten“, sagt er. „Die meisten waren von der PKK oder von den Linksextremisten.“ Der Slogan „Wir sind alle Armenier“ ist für ihn Beweis genug: „Das ist doch Separatismus.“

Saracoglu steht mit seiner Meinung nicht allein. Da ist zum Beispiel der 36-jährige Nihat Acar, der vor ein paar Tagen eine Autofähre im westtürkischen Canakkale in seine Gewalt brachte, um gegen die Solidaritätsbekundungen bei der Trauerfeier für Dink zu protestieren. Als Acar nach stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei aufgab, verließ er die Fähre erhobenen Hauptes und mit der türkischen Fahne in der Hand. „Ich hab’s fürs Vaterland getan“, sagte er dann im Verhör.

In Dinks Heimatstadt Malatya wurden vor einigen Tagen zehn Menschen bei einer Schlägerei zwischen Fußballfans verletzt. Anhänger der Gastmannschaft hatten die Heimmannschaft als „armenisches Malatya“ bezeichnet. In der Schwarzmeer-Stadt Samsun griffen Unbekannte eine protestantische Kirche mit Steinen an und warfen Scheiben ein. Respekt für die Minderheiten müsste zwar sein, kommentierte die konservative Zeitung „Türkiye“, aber: „Lasst uns die Mehrheit nicht vergessen.“

In Ankara lobte Oppositionsführer Deniz Baykal, der sich selbst als Sozialdemokraten bezeichnet, den Nationalismus als „Zement, der das Land zusammenhält“. Die größte Zeitung des Landes, „Hürriyet“, forderte den neuen „Agos“-Chefredakteur auf, sich mit Kritik an den Türken zurückzuhalten.

In der Polarisierung sehen sich viele in der Türkei aufgerufen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Eine rechtsgerichtete Zeitung ließ Plakate mit dem Satz „Wir sind alle Türken“ an ihre Leser verteilen. Ein Szene-Restaurant in Istanbul führte dagegen demonstrativ ein armenisches Menü ein.

Wohin führt diese Konfrontation? „Die Gefahr ist groß“, sagt „Agos“-Redakteur Aydin Engin. Ende der 70er Jahre erlebte er schon einmal, wie die Türkei ein Bürgerkrieg erschütterte. Er selbst wurde wegen seiner journalistischen Arbeit zu 15 Jahren Haft verurteilt, konnte aber nach Deutschland fliehen, wo er zwölf Jahre blieb. Kommen jetzt die schlechten alten Zeiten wieder? „Wir müssen versuchen, eine gewaltfreie Lösung zu finden, sonst fürchte ich, dass wir wieder eine bürgerkriegsähnliche Situation erleben könnten.“ Erst vor wenigen Tagen warnte das Innenministerium in Ankara die Sicherheitsbehörden in allen 81 Provinzen des Landes vor der Gefahr weiterer Gewalttaten. „Die Situation ist heiß – nicht warm“, sagt Engin an seinem Schreibtisch bei „Agos“. Der Mann im Trenchcoat rührt in seinem Tee und schweigt.

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