Zeitung Heute : Das zweite Leben des Jogurtbechers

Die Kreislaufwirtschaft ist in Deutschland durch eine Verordnung geregelt. Ihr zugrunde liegt die Idee, die Umwelt zu entlasten und Rohstoffe zu sparen

Anne Wüstemann

Wenn der Jogurtbecher in den Eimer wandert, hat er ausgedient. Und tschüss, sollte man denken. Der Inhalt landet im Magen, die Verpackung hat ihren Zweck erfüllt. Ab damit in den Müll also, auf Nimmerwiedersehen. Aber, da war doch noch was? Genau: Wenn wir den Becher in die Tonne werfen, fängt sein Leben erst richtig an – aus kreislaufwirtschaftlicher Sicht jedenfalls.

Die Gelbe Tonne ist seit über einem Jahrzehnt Auffangbecken für alles Wiederbelebbare aus Kunststoff, Weißblech, Aluminium und Verbundstoffen wie Getränkekartons. Glas, Papier und Pappe finden ihre Zwischenstation in Containern. Ex und hopp ist nicht mehr angesagt: 67 Prozent der Deutschen halten das Sammeln und Recyceln heute für das beste Konzept der Müllbehandlung, berichtet die Duales System AG Deutschland. Die Dachorganisation für das Recycling von Verkaufsverpackungen vergibt die Lizenzen für die Marke „Der Grüne Punkt“ und finanziert sich darüber.

Über 18 000 Unternehmen zahlen dafür, dass ihre Verpackungen mit dem Grünen Punkt ausgezeichnet sind. Das Duale System sorgt dafür, dass Jogurtbecher und Co einer Feuersbrunst auf Halde entgehen. Stattdessen werden sie fit gemacht für neue Aufgaben. Darin liegt die Basis der Kreislaufwirtschaft. Ihr Prinzip ist per Gesetz verankert, so dass jeder Warenproduzent die Verantwortung für sein Produkt trägt – und damit für dessen Leben nach der Tonne: Wer Jogurt herstellt, ist gesetzlich verpflichtet, Abfall in erster Linie zu vermeiden, ihn ansonsten stofflich zu verwerten oder damit Energie zu gewinnen. Sollte nichts dergleichen möglich sein, müssen die Hersteller ihren Müll umweltverträglich beseitigen. Ob mit Hilfe des Dualen Systems oder ohne.

Die Hüllen fallen aus der Tonne oder andernorts aus den gelben Säcken in eine von 200 deutschen Sortieranlagen. Dort ziehen Magneten Weißblechverpackungen heraus, so genannte Windsichter blasen Folien und Papier vom Fließband, Geräte namens Wirbelstromschneider separieren Aluminiumbestandteile und Nahinfrarottechnik erkennt Getränkekartons sowie unterschiedliche Kunststoffarten.

Nach dem Trennen steht das Material in Ballen gepresst zur Verwertung bereit. Auch diese ist gesetzlich geregelt. Für die Wertstoffe gelten Quoten: Glas muss zu 75 Prozent recycelt werden, Weißblech zu 70 Prozent, Aluminium hat seinen Anteil bei 60 Prozent, Papier sowie Pappe und Karton werden zu 70 Prozent wiederverarbeitet, Verbundstoffe und Kunststoff zu 60 Prozent. Das Duale System übertrifft, wie die AG mit Zahlen belegt, diese Quoten seit Jahren. Das liege an der Mitmachbereitschaft der Bürger. So lag die Verwertungsrate von Papier, Pappe und Karton im vergangenen Jahr bei 161 Prozent, gefolgt von 128 Prozent recycelten Aluminiums.

Wer seinen leeren Jogurtbecher extra entsorgt, schützt die Umwelt und hilft beim Sparen von Rohstoffen. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen pro Kopf 27,1 Kilogramm Leichtverpackung gesammelt. Kunststoff kann entweder zu neuen Produkten umgeschmolzen oder in seine Ausgangsbestandteile Öl und Gas zurückgeführt werden, um im Stoffkreislauf zu bleiben.

Wie viel Energie das Recyceln von Verpackungen einspart, rechnet die DSD AG jedes Jahr aus: Im vergangenen Jahr konnte man damit so viel Strom einsparen, dass Bäckereien über drei Jahre lang für jeden der rund 83 Millionen Bundesbürger täglich zwei Brötchen backen könnten. Außerdem konnte die Wiederverwertung vermeiden, dass Tonnen von klimaschädlichen Treibhausgasen austreten. Für diese Emissionen könnte jeder Bundesbürger im Jahr 300 Kilometer Bahn fahren.

Im Kreislauf verankert, scheinen die Wertstoffe unsterblich zu sein. „Nachhaltigkeit“ ist das Leitbild, das hinter diesem Prinzip steckt. Damit soll heute gesichert werden, dass das Leben künftiger Generationen von Menschen in einer intakten Umwelt möglich sein wird. Jeder Einzelne trägt dazu bei, wenn er die leere Packung in eine neue Generation entlässt. Einmal ein Jogurtbecher, dann wieder Ersatz für Schweröl bei der Gewinnung von Roheisen. Erfüllte Zwecke gibt es nicht mehr, nach jeder Sortieranlage wartet das nächste Leben im Stoffkreislauf.

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