Zeitung Heute : Das Streben der Anderen

Den BR Volleys winkt ein leichter Weg bis ins Finale – doch dort warten wohl ein starkes Team aus Haching oder Friedrichshafen mit großen Ambitionen.

Natürlich wird Mark Lebedew die Worte wählen, die jeder vernünftige Trainer in einer vergleichbaren Situation benutzen würde: Dass er und sein Team von den BR Volleys nur von Spiel zu Spiel denken und deshalb die Finalspiele um die Deutsche Meisterschaft der Volleyballer noch lange nicht in den Fokus genommen haben. Man kennt das ja.

Und doch ist es zumindest für Außenstehende durchaus legitim, den Blick bereits nach vorn zu richten. Schließlich hat sich der Titelverteidiger aus Berlin als souveräner Spitzenreiter nach der Hauptrunde eine hervorragende Ausgangsposition erschmettert. Der Auftakt im an diesem Wochenende beginnenden Play-off-Viertelfinale dürfte locker werden, schließlich hat Aufsteiger VC Dresden mit dem Erreichen der Runde der letzten Acht sein Saisonziel bereits übererfüllt und gilt als chancenloser Außenseiter. Auch im Halbfinale dürften die Anforderungen bei weitem nicht so stark sein, dass der Meister Gefahr läuft, frühzeitig zu scheitern.

Läuft es also einigermaßen nach Plan – und im Volleyball ist das erfahrungsgemäß häufig der Fall – müssten die Berliner erneut in die Finalrunde einziehen können. Dort würden sie allerdings auf einen Gegner treffen, der wirklich bedrohlich ist. Wahrscheinlich wird es sich um Haching oder den VfB Friedrichshafen handeln. Im Normalfall treffen die beiden großen Klubs aus dem Süden im Halbfinale aufeinander.

Der Sieger wird die Volleys in einer Serie von maximal fünf Partien fordern und versuchen, dem derzeitigen Branchenführer den Titel zu entreißen. Beide möglichen Paarungen versprechen prickelnd zu werden. Die Duelle der großen Drei der Liga sind nämlich nicht nur sportlich hochstehend, sondern immer auch emotional aufgeladen.

So wie die dramatischen Endspielbegegnungen der vergangenen Saison, als die Berliner in der entscheidenden fünften Partie Matchbälle abwehrten, um dann selbst zu triumphieren. Es war ein Herzschlagfinale, das den Tag überdauerte, nach dem Spiel konnte man in der Hachinger Halle erwachsene Männer weinen sehen.

Da ist also noch eine Rechnung offen, schließlich giert die Hachinger Mannschaft von Trainer Mihai Paduretu danach, endlich zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Schale hochhalten zu dürfen. Vor zehn Tagen gewann der Klub vor mehr als 10 000 Besuchern im ostwestfälischen Halle zum vierten Mal den Pokal, doch die größte Sehnsucht, die ist weiter unerfüllt.

Ganz klar, die Hachinger haben das Zeug dazu, auch diesen Schritt zu gehen, allerdings fehlte Paduretus Mannschaft in dieser Spielzeit bislang der ganz große Punch. Was vor allem daran liegen dürfte, dass sich Diagonalangreifer Christian Dünnes bislang weniger durchschlagskräftig präsentierte als gewohnt. Beim Pokal-Showdown gegen Moers musste der baumlange Kerl grippegeschwächt passen und wurde im Laufe des Spiels durch den jungen Simon Hirsch ersetzt, der diese Aufgabe nicht zum ersten Mal bravourös löste. Hirsch ist zweifelsfrei ein großes Talent, allerdings wird sich beweisen müssen, ob er mit 20 Jahren bereits in der Lage sein kann, ein Meisterschaftsfinale zu entscheiden.

Ganz andere Sorgen gab es in dieser Spielzeit in Friedrichshafen. Der Dauermeister vergangener Tage agierte mit so viel Licht und Schatten, dass sich in der Punkterunde bereits sieben Niederlagen ansammelten. Die Unruhe beim VfB wurde zuletzt dadurch dokumentiert, dass sich Außenangreifer Idner Faustino Lima Martins die Papiere holen durfte. Der Vertrag mit dem brasilianischen Publikumsliebling, den sie am Bodensee nur „Idi” nennen, wurde Ende Februar aufgelöst, „einvernehmlich”, wie es in einer Pressemitteilung hieß. Ganz so geräuschlos, wie es die Friedrichshafener darstellten, wird es indes nicht abgelaufen sein: „Es ist für mich in 40 Jahren das erste Mal, dass so eine Entscheidung getroffen werden muss“, sagte Trainer Stelian Moculescu. Und VfB-Manager Stefan Mau ergänzte: „Wir hätten vielleicht schon früher reagieren sollen.“ Es dürfte also mächtig gekracht haben. Am Bodensee hoffen sie, ein reinigendes Gewitter erlebt zu haben.

Nun gilt es, die Dinge in den Play-offs zum Positiven zu wenden. Andernfalls droht eine titellose Spielzeit, was im Friedrichshafener Selbstverständnis gleichbedeutend wäre mit verschenkter Lebenszeit. Um sich für die entscheidenden Wochen neu aufzustellen, wählte Moculescu eine stark bildhafte Sprache. „Wir müssen den Knopf finden, so dass sich der Himmel aufhellt, dunkel war es genug“, sagt Deutschlands erfolgreichster Volleyballtrainer. Und weiter: „Fastnacht ist vorbei, die bösen Geister sind vertrieben. Wir wollen die Wende zum Besseren schaffen.“ Felix Meininghaus

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