Zeitung Heute : Daten gegen den Stau

Telematik soll Verkehrsströme lenken

Fred Winter

Vom Datenstrom zur Blechlawine: Hochleistungsfähige Computer können helfen, die wachsenden Verkehrsströme in den Ballungsgebieten oder auf den Autobahnen zu lenken. Für die Erforschung moderner Konzepte der Telematik, so der Fachbegriff, geben der Bund und die Länder enorme Summen aus. Auch die Automobilindustrie setzt große Hoffnungen in die intelligente Elektronik ihrer Fahrzeuge, in der sich bald die Bewegungsdaten des Fahrzeuges mit Informationen aus der Verkehrslage, der Satellitennavigation, Internetdiensten und dem Mobilfunk treffen.

Bisher gab die Telematik vor allem ein Feld für blumige Fantasien ab, die das baldige Ende aller Verkehrsprobleme prophezeiten. Seit kurzem jedoch müssen sich die ersten elektronischen Systeme im Praxistest bewähren, um die Autofahrer über Staumeldungen im Radio zu leiten und ihnen Alternativen anzubieten. Im Sommer 2004 beispielsweise wurde das Internetportal „Nürnberg Verkehr“ frei geschalten, das über die aktuelle Verkehrslage und die Reisezeiten in und um Nürnberg informiert. Die Daten dafür stammen aus Positionsrechnern in mehr als 500 Taxen, die im Großraum Nürnberg unterwegs sind. Sie nutzen das Satellitensystem GPS, um ihre Koordinaten zu bestimmen und an die Taxizentrale zu funken.

Diese Technik nennt man „Floating Car Data“ (FCD), sie liefert Verkehrsdaten aus dem Fahrzeugstrom heraus. Das Projekt kostete rund 300 000 Euro, die sich der Freistaat Bayern und Unternehmen teilten. Limousinen der Oberklasse können dieses Portal während der Fahrt online anzapfen. Andere Nutzer loggen sich über das Handy ein. Auch die Berliner Verkehrsmanagementzentrale nutzt mittlerweile die GPS-Daten der CityFunk-Taxiflotte, um Floating-Car-Daten zu sammeln.

Doch nicht nur FCD-Technik, auch Bilder aus der Luft oder gar aus dem Orbit sollen die Verkehrsströme überwachen. In Berlin hat ein Konsortium das Lumos-System entwickelt, das Infrarotsensoren aus der Luft nutzt, um das Verkehrsaufkommen kurzfristig zu prognostizieren. An diesem Problem beißen sich Techniker, Informatiker und Mathematiker bislang die Zähne aus: Um Verkehrsströme rechtzeitig umzulenken, müssen Stockungen und Staus mit einem gewissen Vorlauf erkannt werden. Andernfalls werden die Autofahrer zu spät gewarnt und sitzen fest – der teuren Bordelektronik zum Trotz. Das Lumos-Konsortium entwickelt die Sensoren, eine stabilisierende Plattform für die Aufnahme der Infrarotbilder aus der Luft, die Bildverarbeitung, die Übertragung zum Boden und die Auswertung in der Verkehrszentrale, wo die Spezialisten auf den Daten ihre Prognosen ziehen. Damit will sich Berlin als wichtige Region der Verkehrstelematik präsentieren.

Das Bundesforschungsministerium unterstützt ein Projekt im Großraum Düsseldorf, bei dem die Verkehrsinformationen zwischen der Stadt, dem Umland und privaten Datenlieferanten wie Speditionen oder Baubetrieben ausgetauscht werden. Dieser Informationsverbund auf drei Standbeinen soll ein effektives Verkehrsmanagement versorgen, um die Reisezeiten auf den Autobahnen und im Stadtverkehr ständig zu prognostizieren, um so den Autofahrern ihren Weg zu weisen.

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