Datenschutz : Alles geht

Datenschutz wird gemeinhin als eines dieser Dinge verstanden, gegen die man nicht sein kann. So wie Gerechtigkeit oder Liebe. Natürlich ist man dafür. Dabei hat sich die Lage in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten total geändert. Computer und Internet haben dazu geführt, dass die Menschen inzwischen alles freiwillig preisgeben und das auch noch toll finden. Trotzdem gibt es immer mehr Datenschutzbeauftragte und immer mehr Datenschutzberichte.

Exemplarisch zeigt die Stiftung Warentest diesen Grundwiderspruch, wenn sie zehn sozialen Internetnetzwerken Mängel beim Datenschutz attestiert. Niemand dürfte im Ernst geglaubt haben, dass Facebook & Co. die Daten ihrer Nutzer besonders schützen. Aber es stört ja auch niemanden. Die schrillsten Bilder, die beklopptesten Sprüche – alles wird fröhlich ins Profil gestellt. Menschen sagen sich online Dinge, bei denen sie sich offline (also von Angesicht zu Angesicht) in Grund und Boden schämen würden.

Die Idee Datenschutz hat sich überlebt. In Westdeutschland war 1983 das Jahr, in dem sie weite Teile der Bevölkerung erfasst hatte. Als die Fragebögen für die Volkszählung bekannt wurden, formierte sich Widerstand, der vor dem Bundesverfassungsgericht recht bekam und so eine abgespeckte Variante durchsetzte. Trotzdem folgten viele Bürger 1987 den Boykottaufrufen. Dass der Staat möglichst wenig von einem wissen solle, galt ihnen nicht zuletzt als eine Lehre aus der NS-Zeit. Und auch im Osten, in der DDR, war den Bürgern die Idee Datenschutz nicht fremd, wenn auch auf andere Art und nicht mit diesem Wort. Wer ständig bespitzelt wird, gibt so wenig wie möglich von sich preis.

Im Computerzeitalter hat sich das radikal geändert. Inzwischen legen die Menschen alles offen. Wer im Büro mit seinem computerlesbaren Ausweis eine Tür öffnet, bedient gleichsam eine Stechuhr. Wer dann nach Feierabend einkauft, legt im Supermarkt mit der Kundenkarte Rechenschaft ab, und als Gegenleistung gibt es ein paar läppische Punkte, die man im Zweifel doch nie einlöst. In jedem Portemonnaie stecken diese und andere Datenspeicher, von Payback bis Clubsmart, von Bahncard bis Miles & More plus EC, Mastercard und Visa. Die Freiheit gönn’ ich mir.

Und das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Schon gibt es einen Trend zur Verarbeitung solcher Kundendaten in Echtzeit. Wenn jemand zum Beispiel samstags immer 100 Euro ausgibt und gerade nahe an dieses innerliche Ausgabenlimit kommt, erhält er in dem Laden, in dem er sich gerade umschaut, etwas geschenkt, damit er fröhlich weitershoppt. George Orwell hatte in „1984“ eine einzige Partei zum totalitären Datensammler erhoben; in der heutigen komplexen Wirklichkeit sind es ganz viele.

Das Internet mit seinen Netzwerken, Suchmaschinen und Chatrooms saugt im Sekundentakt Millionen persönlicher Daten ab, ohne dass die Nutzer es merken. Der gläserne Mensch, das Schreckensbild der Volkszählungsgegner von einst, ist längst Realität, und der Staat spielt als Nutznießer dabei nur einen Nebenrolle. In dieser Welt ist Datenschutz sinnlos, und es ist am klügsten, so zu handeln, als ob es ihn nicht gäbe. Erstens kommt man damit der Wahrheit ziemlich nahe. Zweitens ist am Ende die unendliche Datenflut der beste Datenschutz. Das Sandkorn verschwindet im Meer, die technische Revolution frisst ihre Kinder. Und drittens kann man sich auf lohnende Dinge konzentrieren. Liebe und Gerechtigkeit zum Beispiel.

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