Datenschutz : Durchgeblickt - Wie Amazon und Banken uns ausspionieren

Der Datenschutz ist wieder ein heiß diskutiertes Thema. Wo hinterlassen wir im Alltag digitale Spuren?

Hans-Christian Roestel Kurt Sagatz

Der Zähler hat inzwischen 21 Stellen. Auf der Internetseite des US-Unternehmens EMC wird das weltweit erzeugte Datenvolumen angezeigt. Von den 197 041 Terabyte entfällt ein nicht unerheblicher Teil auf den digitalen Schatten, den jeder Mensch hinterlässt und der mit jedem Telefonat, jeder Google-Suche und jeder Finanztransaktion ein Stück länger wird. Eine Studie des amerikanischen Marktforschungsunternehmens IDC zufolge nehmen unsere Nutzungsdaten doppelt so stark zu wie die von jedem selbst erzeugten digitalen Dokumente, Fotos oder E-Mails. Allein im vergangenen Jahr wuchs der digitale Schatten jedes Menschen um 45 Gigabyte. Zum Vergleich: Auf die Festplatte eines PCs passen heute im Durchschnitt 300 bis 500 Gigabyte. In den 45 Gigabyte sind Daten enthalten, die sich – wie die Telekom-Bespitzelungsaffäre gerade zeigt – auch gegen den Nutzer verwenden lassen.

JEDER ANRUF ZÄHLT

Bei einem Teil dieser Daten handelt es sich um Verbindungsdaten. Zu jedem Telefongespräch, egal ob nun im Festnetz oder mobil per Handy, wird beim Anbieter festgehalten, von welchem Anschluss aus welche Rufnummer angerufen wurde und wie lange das Gespräch dauerte. Hinzu kommen Informationen über die verwendeten Dienste, zum Beispiel beim Verschicken einer SMS. Beim Internet werden die beteiligten IP-Adressen protokolliert. Außerdem wird auch festgehalten, welche Elemente zum Beispiel von einem Datenserver geladen werden. Zurzeit werden diese Verbindungs- oder Verkehrsdaten im Wesentlichen zu Abrechnungszwecken (mit dem Kunden, aber auch unter den einzelnen Telekommunikationsunternehmen) verwendet. Das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung sieht nach der Übergangsfrist bis Anfang 2009 eine Speicherung der Verkehrsdaten für sechs Monate vor – vorausgesetzt, das Gesetz wird nicht von der Verfassungsrichtern kassiert.

GEGENSEITIGE ORTUNGSFREIGABEN

Beim Mobilfunk sind zusätzlich die dabei entstehenden Geo-Daten interessant. Das Mobilfunknetz ist in eine Vielzahl von Zellen aufgeteilt, die vor allem in Großstädten so engmaschig sind, dass man recht genau weiß, wo sich ein Handykunde aufhält. An die GPS-Ortung kommt das System zwar nicht heran, doch in vielen Fällen reicht die Eingrenzung auf ein, zwei Straßen schon aus. „Wolltest du nicht schon immer wissen, was dein Schatz macht, während du nicht in der Nähe bist? Einfach die Nummer eingeben, tracken und schon zeigt es dir dein Handy“, wirbt das Klingeltonunternehmen Jamba für ein „Spiel“ mit dem Namen „Partner Tracker“. Kein Spiel, sondern sehr sinnvoll ist der Kinderhandytarif „Toggo-Mobile“ von RTL. Per Ortungsfunktion können sich besorgte Eltern benachrichtigen lassen, wo sich ihre Kinder gerade aufhalten. Eine andere Motivation steckt hinter ehebruch24.de. Dort wird die gegenseitige Ortungsfreigabe als „Liebesbeweis des neuen Jahrtausends“ beworben. Erschreckend daran: Es müssen nur zwei Voraussetzungen für die Handyortung erfüllt sein. Der Vertragsinhaber – oder jemand, der Zugriff auf das Handy hat – muss zugestimmt haben, und das Handy muss eingeschaltet sein. Die werbetreibende Wirtschaft setzt ebenfalls auf die Ortungssysteme. Mit sogenannten Location Based Services erfährt der Nutzer, wo sich die nächste Apotheke oder Bäckerei befindet. Auch Google hat Interesse an der Technologie, zusammen mit Google Maps sind Anwendungen denkbar.

WELTWEITER DATENHUNGER: GOOGLE

Google weiß viel, aber nicht alles. Google weiß, was die Nutzer gerade suchen – und schaltet dazu die passende Werbung. Allerdings speichert Google nach eigenen Angaben keine personalisierten Daten. Google ist inzwischen aber nicht nur Suchmaschine, sondern auch E-Mail-Anbieter und Software-Unternehmen. Auch hier greift das Prinzip der personalisierten Werbung. Darüber hinaus ist Google die größte Internet-Zeitmaschine überhaupt, denn über die Suchfunktion lassen sich nicht nur aktuelle Seiten finden, im sogenannten Cache-Speicher werden auch ältere Versionen der Seiten vorgehalten – denn das Netz vergisst nichts. Selbst offline kann man bei Google Spuren hinterlassen – wenn man gerade dann durch die Stadt geht, wenn die Bilder für Googles Street View geschossen werden.

SOCIAL NETWORKS: DIE DATEN SIND FREI

Bei den Sozialen Netzwerken des Internets wie Studi-VZ, Facebook oder Xing herrscht die totale Offenheit als Grundprinzip. Diese Plattformen leben davon, dass auf den ersten Blick zu erkennen ist, wer mit wem befreundet ist und welche gemeinsamen Interessen man hat. Den vor allem jungen Nutzern sind die Big-Brother-Ängste der Elterngeneration fremd. Auf ihren Profilseiten bleibt kaum etwas geheim. Viel wichtiger ist ihnen: Wer hat meine Seite zuletzt besucht?

AUCH AMAZON VERGISST NICHTS

Einkaufen im Internet ist äußerst bequem. Nicht nur, weil die Shops rund um die Uhr geöffnet haben, sondern auch, weil sie auf unvergleichbare Weise auf ihre Kunden eingehen. Noch Jahre später erhält man zum Beispiel vom Branchenriesen Amazon genau jene Offerten präsentiert, für die man sich schon früher interessiert hat. Doch Amazon weiß nicht nur, was man gekauft hat. Auch Produkte, die man sich nur kurz angesehen hat, werden gespeichert. Wie offen die Wünsche der Amazon-Kunden im Netz liegen, ist kaum jemandem bewusst. Denn wer weiß schon, dass die Einträge auf der Wunschliste für jedermann zugänglich sind?

KONTO- UND KREDITKARTENDATEN

Beim Bezahlen mit EC- oder Kreditkarte fließen neben Geldsummen auch persönliche Daten. „Die Bank speichert neben den Kontodaten eine Reihe kundenbezogener Daten“, so Thomas Schlüter vom Bundesverband Deutscher Banken. Die Transaktionen werden für mindestens sechs Wochen gespeichert, auch im Sinne des Kunden, da so lange das Widerrufsrecht für Lastschriften gilt. Beim Abheben vom Geldautomaten erfolge die Übermittlung der Daten zur kontoführenden Bank über „sichere Datenleitungen“, versichert Schlüter.

PAYBACK-SYSTEME

Was früher Rabattmarken zum Kleben waren, sind heute die digitalen Punktesammelkarten. Nach der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sollen rund 100 Millionen Karten in Umlauf sein. Die von „Payback“ und „Happy Digits“ sind am beliebtesten, gefolgt von Firmenkarten wie von Shell oder Lufthansa. Bei „Payback“ sind Geschäfte wie Galeria Kaufhof, Real oder Europcar angeschlossen. Ob die Karten bedenklich sind, darüber streiten die Experten. Verbraucherschützer haben eher grundsätzliche Bedenken, die Stiftung Warentest dagegen hält die Rabattsysteme für unbedenklich.

SCHUFA UND SCORING-VERFAHREN

Die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) hat 83 Millionen Informationen über 65 Millionen Personen gespeichert und verfügt damit über die bundesweit größte Datenbasis, wenn es um deren Zahlungswürdigkeit geht. Beim Schufa-Verbraucherservice kann kostenlos Einblick in die zur eigenen Person gespeicherten Daten genommen werden. Jährlich veröffentlicht die Schufa einen Privatverschuldungsindex für Berlin, an dem jeder ablesen kann, in welchem Kiez welche Zahlungsmoral herrscht. Neben der Schufa ermitteln in Deutschland sogenannte Rating-Agenturen nach US-amerikanischem Vorbild statistische Daten zur Bewertung der Integrität eines Kunden („Scoring“). Zu ihnen gehören unter anderem Moody’s Deutschland oder Fitch Rating. Merkmale sind unter anderem: Familienstand, Wohnlage, Einkommensverhältnisse.

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