Zeitung Heute : Datenträger: Puzzeln - Die Säcke der Stasi

RCZ

Vilja Schumacher, 43, kämpft seit 20 Jahren gegen Informationsverluste. Bis 1993 restaurierte sie antike Bücher, seither Stasi-Unterlagen in der zuständigen Bundesbehörde.

Wie lange braucht man, um einen Sack voller Aktenschnipsel zusammenzupuzzeln?

Gut zehn Monate. Aber hier in der Berliner Zentralstelle wird nicht gepuzzelt. Das machen unsere 31 Kollegen in Nürnberg. Die sind bei mehr als 15000 sichergestellten Säcken theoretisch noch 375 Jahre im Einsatz. Dass man von dieser Heidenarbeit noch länger etwas hat, dafür sorgen wir.

Wie das?

Wir kleben, formieren, kaschieren, schweißen ein, verstärken, leimen, entsäuern, glätten, und halten so den natürlichen Verfallsprozess von Papier auf.

Ein Rennen gegen die Zeit?

Würde ich nicht sagen. Eher ein Geduldsspiel. Manchmal arbeite ich an zwei, drei Karteikarten einen ganzen Tag. Wir bekommen die Unterlagen in schlechtem, teilweise kaum noch lesbarem Zustand. Die schlimmsten Schäden sind auf Feuchtigkeit, Licht, stehende Lagerung und mindere Papierqualität zurückzuführen. Nach der Restaurierung sollte das Papier mindestens 100 Jahre halten, Berufsehre. Aber unser Ehrgeiz hängt natürlich auch von der jeweiligen historischen Brisanz einer Akte ab.

Unterbrechen nicht immer wieder pikante Observationsdetails den Fluss Ihrer Arbeit?

Am Anfang hat man schon die eine oder andere Seite gelesen. Aber irgendwann überrascht einen da kaum noch was, und man hat ja auch wirklich genug zu tun. Mittlerweile lese ich schon lang nichts mehr. Na ja, außer wenn mir mal was ins Auge sticht.

Hängt Ihnen das Speichermedium Papier bei all den zerbröselnden Blattmengen inzwischen nicht zum Hals heraus?

Nein, gar nicht. Die meisten anderen Medien sind keinesfalls haltbarer als ein gutes Papier. Ton- und Videobänder müssen auch regelmäßig erneuert werden, und wenn man betrachtet, wie die Technik sich wandelt: Wir haben Datenträger aus den 60er Jahren im Archiv, die kaum noch einer kennt. Ein paar von denen werden wir demnächst nicht mehr abspielen können, weil uns die Hardware auseinanderfällt. Wer weiß schon, ob man in ein paar Jahrzehnten noch CDs lesen kann. Ein Buch hingegen schlägt man schon seit Jahrhunderten einfach auf, und schaut hinein.

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