Zeitung Heute : Datenträger: Spalten - Papier ist ziemlich geduldig

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Auf dem Papier gespeichertes Wissen ist nicht für die Ewigkeit bewahrt. Dies gilt auch für kostbare Handschriften, die in zahlreichen Bibliotheken schwere Beschädigungen aufweisen. So mussten in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar zum Beispiel der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller und Goethes Briefe an Frau von Stein mit absolutem Ausleih-Tabu belegt werden. Das Problem ist nicht neu: Bereits im Jahre 1889 fand in St. Gallen eine "Internationale Konferenz zur Erhaltung alter Handschriften statt", auf der darüber diskutiert wurde, wie dem so genannten Tintenfraß wirksam begegnet werden könnte. Schon damals hatte man beobachtet, dass sich rund um die Buchstaben und Noten zuerst braune Höfe bildeten. Am Ende des Prozesses zerbröselte das Papier. Schuld daran sind die Eisen-Gallus-Tinten, die früher verwendet wurden. Das in ihnen enthaltene Eisen rostet und führt zu den braunen Verfärbungen. Darüber hinaus bilden sich unter dem Einfluss der Luftfeuchtigkeit Säuren, die das Papier allmählich zerfressen. Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gelang es, eine wirksame Methode zu entwickeln, mit der nicht nur die beschädigten Handschriften restauriert, sondern auch der Tintenfraß gestoppt werden kann. Damals begann Günter Müller in der Bibliothek der Friedrich-Schiller-Universität in Jena damit, das Papier der im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Bücher zu spalten. Das Papier wird beidseitig mit hochwertiger Gelatine beschichtet. Danach wird das Blatt so geteilt, dass man zwei einseitig beschriftete Teile erhält. Zwischen diese beiden Seiten wird ein "Implantat" aus langfaserigem Spezialpapier eingefügt. Es stabilisiert das beschädigte Papier, ist alterungsbeständig und stoppt den Tintenfraß.

Inzwischen wurde das Verfahren weiter verbessert, nicht zuletzt durch Müllers Kollegen Wolfgang Wächter, der im Bucherhaltungszentrum in Leipzig auch ein maschinelles Spaltverfahren entwickelte. Die gleichfalls schwer betroffenen kostbaren Bach-Autographen in der Berliner Staatsbibliothek, die Wächter jetzt restauriert, müssen jedoch per Hand gespalten werden. Die so restaurierten Handschriften können bei sorgsamer Aufbewahrung vermutlich weitere Jahrhunderte überdauern.

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