Zeitung Heute : David Protess: Der Rauspauker

Eberhard Schade

Benjamin Protess war zehn Jahre alt, als Girvies Davis hingerichtet wurde. Zusammen mit Lara und sieben anderen Studenten seines Vaters saß er im Wohnzimmer, als das Telefon klingelte. Davis war dran. Er wollte sich verabschieden, bedanken. Bei Benjamins Vater, Lara und den anderen. Sie alle hatten bis zuletzt für ihn gekämpft. Bis zuletzt gehofft, dass der Gouverneur von Illinois noch einlenkt. Viel Zeit blieb Davis nicht mehr. Er verweigerte die letzte Mahlzeit, betete. Dann das Warten. In zwei Stunden würden die Wärter kommen, ihn auf eine Bahre schnallen und eine Kanüle in seinen rechten rasierten Arm schieben. Minuten später würde ein Schlafmittel in seine Adern strömen. Und dann das tödliche Gift.

Am 17. Mai 1995 um 00.01 Uhr starb Girvies Davis für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte. Den Mord an Charles Biebel 1987. Der 89-jährige Farmer wurde in seinem Rollstuhl erschossen. Davis wurde kurze Zeit später zum Tode verurteilt, weil er ein Papier unterschrieben hatte. Dass es ein Geständnis für den Mord an Biebel war, wusste er nicht. Er konnte weder lesen noch schreiben. Genau das fand die Klasse von Professor David Protess acht Jahre später heraus. Die College-Schüler sind sich sicher, dass Polizisten den ahnungslosen 21-Jährigen aus einer Zelle des Staatsgefängnisses zerrten, mit ihm in eine Gegend fuhren, wo man keinen Schuss mehr hört. Das ist nicht schwer im Mittleren Westen Amerikas. Und wohl auch keine ungewöhnliche Polizeipraxis. "Unterschreib oder lauf, so schnell du kannst", sollen sie ihm mit vorgehaltener Pistole gedroht haben. 13 Papiere musste er so insgesamt unterschreiben.

"Offensichtlich mussten einige Fälle aufgearbeitet werden", sagt Lara zynisch. 1995 belegte sie an der Medill School of Journalism der Northwestern University of Chicago den Kurs "Investigativer Journalismus". Ihr Professor David Protess ließ sie fünf Monate an dem Fall arbeiten. Aber am Ende fehlte ein physischer Beweis. Es gab keine Waffe, keine Fingerabdrücke. Als die Studenten dem Gouverneur ihre Ergebnisse vorlegten, hatten sie nichts in der Hand, was auf den wahren Mörder hindeutete. Der Gouverneur jedoch hatte einen verurteilten Mörder in der Todeszelle und einen Ruf als harter Gesetzeshüter.

Lara hat in der Nacht zum 17. Mai geweint. Genau wie die anderen Studenten, die ins Haus ihres Professors gekommen waren. Wenig später aber, erinnert sich Lara, war da nur noch Wut. Ähnlich erging es Benjamin Protess. Am nächsten Tag schrieb der Zehnjährige einen bitteren Brief an den Gouverneur.

Letzte Hoffnung

3726 Menschen warten derzeit in den USA auf ihre Hinrichtung. David Protess, Lehrer für investigativen Journalismus, setzt schon seit den Achtzigern seine Studenten auf Fälle von Todeskandidaten an. Seit er 1996 vier unschuldige Schwarze - zwei davon Todeskandidaten - rausgepaukt hatte, gilt er zu Unrecht Verurteilten als letzte Hoffnung. Drei Männer verdanken Protess und seinen Studenten ihr Leben, acht ihre Freiheit. 2000 Hilferufe erreichen Protess im Jahr. Seine Telefonnummer, so heißt es, ist inzwischen an jede Zellenwand Amerikas gekritzelt. Protess schickt seine Schüler in die Gefängnisse und Justizpaläste, lässt sie Tathergänge nachstellen, wichtige Zeugen befragen. Immer und immer wieder.

Jemand, der es schafft, mit einer Handvoll College-Kids Justizirrtümer aufzudecken, wird in Amerika schnell zum Helden. Hollywood will die Geschichte des Professors aus Chicago verfilmen, einer TV-Serie dient er bereits als Vorbild. Vor zwei Jahren, als Protess ein Buch über einen seiner Fälle veröffentlichte, wurde er für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen. Der blieb dem Professor und seinen Studenten bislang versagt. Am Freitag bekam er den mit 25 000 Mark dotierten Preis der Medienstiftung Leipzig.

Protess war nicht beim Festakt in der Leipziger Oper. Er schickte stellvertretend drei seiner besten Studenten. Lara, Tom und Laura. Einen kleinen Auftritt hatte er dann aber doch in Leipzig - per Video. Lässig grüßte er darin seine Studenten und bedankte sich für Preisgeld und Trophäe. Binnen zwei Minuten gab er der feierlichen Veranstaltung einen unverkrampften Charakter. Biedenkopf, MDR-Kinderchor und Lasershow schafften das nicht einmal in zwei Stunden.

"Professionell, hartnäckig, bescheiden, väterlich" - das sind die Vokabeln, mit denen Lara, Tom und Laura ihren Lehrer beschreiben. Sie passen perfekt ins Bild des modernen Samariters. Sein Büro ist klein, fasst kaum die vielen Bücher über Ethik im Journalismus. Fein säuberlich unterscheidet der Professor zwischen dem Bürger und dem Journalisten Protess. Als Journalist habe er noch nie eine Petition unterschrieben, an einer Demonstration gegen die Todesstrafe teilgenommen. "Mein Ziel als Journalist ist nicht die Abschaffung der Todesstrafe", sagt er, "sondern das Fehlverhalten des Rechtssystems aufzudecken." Auf die Frage, was er wohl wäre, wenn nicht Lehrer, antwortete er einmal: "Ich kann mir nichts anderes vorstellen."

Doch sein Erfolg hat auch seine Schattenseite. Protess muss mit Drohungen leben. Ein Sprecher der Polizei Chicago ließ ihm ausrichten, er und seine Familie könnten in Zukunft nicht mehr auf die Hilfe der Polizei hoffen. "Es gibt offensichtlich Leute, die nicht mögen, was ich da mache", sagt Protess gelassen. "David ist ein Besessener", sagt Lara, "und er hat uns alle infiziert." Wie, wird deutlich, wenn die Studenten beginnen, von ihren Fällen zu erzählen. Eben noch beim Small talk mit dem Vorsitzenden der Medienstiftung, der eigens für den Besuch aus Amerika sein Englisch aufgefrischt hat, schalten die drei jungen Amerikaner beim Pressegespräch in Auerbachs Keller wie auf Kommando um. Berichten von Begegnungen mit korrupten Polizisten, die Geständnisse erpressen. Von Staatsanwälten, die betrunken vor Gericht erscheinen, in Verhandlungen einschlafen. Von stadtbekannten Alkoholikern als Kronzeugen und Interviews mit Mördern. Im Fasskeller, wo sonst gesungen und gezecht wird, wird es nun still. Als wäre es inszeniert, prangt über den Kämpfern gegen die Todesstrafe das Faust-Zitat: "Du sollst leben!"

Der Druck, der auf den Studenten von David Protess lastet, ist enorm. Als Tom McCann 1996 den Fall Anthony Porter übernahm, wurde ihm schlagartig bewusst: "Das sind keine Trockenübungen. Wenn ich versage, verliert ein Mensch sein Leben." Die Ausgangslage im Fall Porter war ähnlich wie beim Fall Girvies Davis. Anthony Porter war ein perfekter Verdächtiger. Aufgewachsen im Armenviertel von Chicago, ein Gelegenheitsdieb ohne Zukunft, schon in der ersten Instanz durch die Anwaltskosten finanziell ruiniert - und schwarz. In jener Nacht, als ein junges weißes Pärchen mit Kopfschüssen exekutiert wurde, war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Zeuge identifizierte ihn als Täter.

Plötzliche Freiheit

"Nach zwei Monaten stolperten wir über Unstimmigkeiten in den Aussagen", erzählt Tom. Der Hauptzeuge hatte zu Protokoll gegeben, der Mörder habe die Waffe in der linken Hand gehalten. Porter ist Rechtshänder. Das allein reichte nicht, um ihn zu entlasten. Erst als der Hauptzeuge widerrief, die Studenten ein Geständnis vom echten Killer bekamen, war ihr Kreuzzug erfolgreich. Anthony Porter kam zwei Tage vor dem geplanten Termin seiner Hinrichtung frei, der Killer für 47 Jahre hinter Gitter.

Wie fühlt sich ein 21-Jähriger, wenn er nach 16 Jahren einen Justizirrtum aufdeckt? "Gut fühlt sich das an", sagt Tom lässig. "Ich hoffe allerdings nicht, dass ich mit 21 schon den Höhepunkt meiner Karriere hinter mir habe." Tom McCann ist heute ein angesehener Reporter bei der "Chicago Tribune".

Der Abschluss bei Protess ist oft Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere. Laura schreibt heute für die "Baltimore Sun". Lara ging nach ihrem Diplom nach Harvard, studierte Recht. Heute ist sie Anwältin bei einer renommierten Anwaltskanzlei in Washington. Wenn sie daran denkt, dass sie noch vor ein paar Jahren mit einer Dose Cookies zu ihren Interviews ins Chicagoer Ghetto aufbrach, wird ihr manchmal ein bisschen schwindelig. "Bisher habe ich keinen meiner Studenten verloren", scherzt Protess. Zur Sicherheit aber ist er bei gefährlichen Recherche-Touren dabei, oder er schickt einen Privatdetektiv mit, der an der Universität auch einen obligatorischen Einführungskurs hält: "Überleben in der inneren City".

David Protess hat in kurzer Zeit mehr bewirkt als viele Medien. Anthony Porter war im Todestrakt von Illinois Justizirrtum Nr. 13. Anschließend zog Gouverneur George Ryan die Notbremse. Der Republikaner verhängte ein Moratorium für die Todesstrafe. Eine Entscheidung, die in den USA einer kleinen Sensation gleicht. Nach Illinois haben sechs der 38 Staaten, in denen es die Todesstrafe gibt, eine Überprüfung ihres Justizsystems angekündigt. Illusionen macht sich David Protess aber nicht. Seit das Moratorium verhängt wurde, sind erneut zehn Angeklagte zum Tode verurteilt worden. Deshalb bastelt er zusammen mit 25 Journalistenschulen und Rechtsfakultäten unermüdlich weiter an seinem "Netzwerk der Unschuld". Sein Sohn Benjamin ist heute 16 Jahre alt. Er will Journalist werden. Oder Anwalt.

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