Zeitung Heute : Dazugehören

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neulich war ich in der Szene. Ich habe das gleich am Eingang gemerkt, denn da saß so ein Zickenbartmann der durch orangegetönte Brillengläser blickte und mit leicht süddeutschem Akzent nuschelte: „Mitglied oder noch nicht? Nicht Mitglied? Dann trägst dich hier ein, mit Handynummer, und das macht dann einen Euro Aufnahmegebühr.“

Ich konnte gar nichts dafür, dass ich hier war, ein Freund, der zeitgenössischen Entwicklungen gegenüber recht aufgeschlossen ist, hatte sich mit mir hier verabredet. „Hab da was von gehört, muss man wohl mal drin gewesen sein“, hat er gesagt.

Wir zahlten den Euro und wurden Mitglieder des „White Trash Fast Food“, eines Restaurants in der Torstraße in Mitte, welches durch verwirrende Raumgestaltung, verwirrte Kellner, die nur Englisch sprechen, sowie Querbeetmusik von Elvis bis Atonal auf seine Originalität verweist. Früher befand sich in den Räumen ein China-Restaurant, dessen rotgoldenes Interieur durch verscheidene Puschelchen und Glitzerchen ergänzt wurde. Es gibt eine Bar, an der sie Becksbier und Limonade verkaufen, eine Bar, deren Keepern vor allem an der hochmodischen Asymmetrie ihrer Frisur gelegen ist. Langsam waren sie – aber auch freundlich. Das ist wichtig für Außenseiter wie mich, die sich zwar irre freuen, an so einem Abend Teil der Szene zu sein, die andererseits sehr verunsichert sind, wenn die drängelnde Urszene in Turnjacke und Turnschuh so unendlich lässig daherkommt, am Eingang dem Zickenbart was kurzes Szeniges ins Ohr flüstert, und drinnen weiß, was es mit dem Essenbüfett auf sich hat, das da in einer Ecke steht. Ist das jetzt mit dem einen Euro Aufnahmegebühr abgegolten? Gibt es einen Büfettverantwortlichen, den man möglicherweise daran erkennt, dass er eine rosa statt eine orangefarbene Brillentönung hat? Wir haben das nicht herausgefunden, dafür haben wir dem englischsprachigen Kellner „The menu please“ zurufen können. Auf dem Menju standen zwei Essen: eins „with soup“, eins „without soup“. Wir nahmen das without, bekamen ein uraltes Taco-Matsch-Gemisch und fragten uns, ob sie uns als aszenisch erkannt und somit ausgegrenzt haben, oder ob man in der Szene uralte Taco-Matsch- Gemische ebenso selbstverständlich zu sich nimmt, wie man schweißbeständige Trainingsjacken in der schwülsten Drängeldemse trägt.

Wir unterhielten uns über das österreichische Landleben und über einen durchgeknallten Hitlerbiografen und fielen damit nicht weiter auf. Als wir jedoch alltäglichere Themen besprechen wollten, entschieden wir uns, in eine Normalbar auszuweichen. Irgendwohin, wo wir die Codes verstanden. Wo dazugehört, wer reinkommt. Um die Ecke fanden wir eine, die war zwar stinkteuer aber auch stinknormal. Der Abend fand hier, unter lauter Langweilern mit Caipirinha am Strohhalm ein entspanntes Ende.

Was im Übrigen die Szene angeht, so ist ja gar nicht ausgemacht, ob das „White Trash“ nicht schon längst out ist. „Gehen doch nur Touris hin“, höre ich die Szenehelden maulen. Am Tisch neben uns hat immerhin ein echter Prominenter gesessen. Der Dingsda, der den Benni Beimer in der Lindenstraße gespielt hat.

White Trash Fast Food, Torstraße 201 .

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