Zeitung Heute : Dazulernen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Im Kino gewesen. Nicht geweint, aber nachdenklich geworden: Mensch Junge, bisschen mehr Bildung wäre nicht schlecht. Auch welthistorisch gesehen.

Denn nach dem Kino hielt mir M. ein langes Referat, für welches ich ihm an dieser Stelle noch einmal danken möchte. M. entstammt einem ordentlichen Bildungsmenschenhaushalt, seine Mutter sprach mit ihm in Hexametern, sein Vater scholt ihn auf Altgriechisch. Homers Ilias, speziell den 24. Gesang, in welchem Achilleus weint, stimmt M. spontan an, wenn er aus dem Schlaf gerissen wird.

Außerdem ist M. ein Liebhaber des lauten Actionkinos, er war genau der Mensch, mit dem ich „Troja“ gucken musste. Wir haben „Troja“ geguckt, haben in der Pause Cornetto-Eis gegessen (um Troja gab es einen langen Krieg, also ist „Troja“ ein langer Film mit Pause mittendrin), hinterher habe ich gefragt: „Das Kino ist das eine und Homer bestimmt ganz anders. Sage, M., wie war’s denn wirklich?“

Und M. hub an zum Referat. Immer mal unterbrach er es bedauernd: „Ich glaube, ich referiere wieder“, ich beruhigte ihn, ich wisse das sehr zu schätzen. Und ich lernte nicht nur, was alles fehlte im Hollywoodschen Troja (die Götter zuvörderst), ich lernte ebenso, wie man Homer eigentlich verstehen sollte.

Homer habe, so lernte ich, das postheroische Zeitalter eingeläutet. Offiziell ist das zwar erst 2800 Jahre später geschehen, was das Heldentum anbelangt, so hätte die Menschheit diese 2800 Jahre aber besser nutzen können. Denn schon Homers Achilleus, der mutige und starke Held schlechthin, sei sauer gewesen über dies und das, habe die Feinde reihenweise abgestochen, und er und mit Homer auch alle Bildungsbürger fragten sich am Ende: Wozu eigentlich? Für den Ruhm vielleicht, damit sich die Leute erinnern an einen. Aber außerdem? Außerdem ist man tot.

Bringt also nichts, das Heldentum. Hat schon Homer gemeint. Wenn es bereits vor 2800 Jahren das massenwirksame Hollywoodkino und für jedermann einen erläuternden Freund M. dazu gegeben hätte, dann wäre die Geschichte vielleicht langweiliger, jedenfalls aber helden- und blutärmer verlaufen.

„Troja“ im Kino, humanistische Bildung im Human. Gymnasium und in der Bibliothek.

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