DDR-Geschichte : Mit dem Kopf durch die Mauer

Sie im Westen, die Töchter in der DDR: Jutta Gallus’ Kampf um ihre Kinder wurde nun verfilmt

Sven Goldmann
Gallus
1986: Jutta Gallus schmuggelt sich bei einem Gedenken zum Mauerbau vor Helmut Kohl ans Rednerpult. "Ich appelliere an Sie, alles...Foto: dpa

Der Mann ist groß. 1,93 Meter. Als er sich in seinem dunklen Anzug neben ihr aufbaut, begreift Jutta Gallus, warum man Helmut Kohl den schwarzen Riesen nennt. Der Bundeskanzler stellt sich ans Pult, raschelt mit seinen Manuskriptblättern, er nickt und schiebt die Frau zur Seite. Beiläufig, mit der linken Hand. Die Geste sagt: Jetzt reicht’s mit dem Spontikram. Jetzt kommt die große Politik.

Der Spontikram, das ist der Kampf einer Mutter um ihre in der DDR festgehaltenen Töchter. Gegen alle Regeln des Protokolls hat Jutta Gallus die Gedenkveranstaltung zum Bau der Berliner Mauer für eine private Demonstration genutzt. Sie trägt ein Transparent. So wie sie das schon seit Jahren am berühmtesten Grenzübergang der Welt macht. Jutta Gallus ist die Frau vom Checkpoint Charlie.

Bei jener Gedenkveranstaltung am 13. August 1986 spürt sie die Arroganz der Macht. Na und? Jutta Gallus lässt sich nicht einschüchtern. Nicht von den Machthabern in der DDR, die ihr die Kinder genommen haben. Nicht von den Politikern in der Bundesrepublik, die ihre geheime Entspannungsdiplomatie nicht mit einem Einzelschicksal belasten wollen. Der Regisseur Miguel Alexandre hat einen Film über den Kampf der Jutta Gallus gedreht. Am Freitag läuft „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ im Kulturkanal Arte, später als Zweiteiler in der ARD.

Veronika Ferres spielt die Hauptrolle. Groß und kräftig und blond, ein anderer Typ als die junge Jutta Gallus. Fotos aus den 80er Jahren zeigen eine zierliche Frau mit langem, dunklem Haar, eine Locke fällt in ihr Gesicht. Heute trägt sie das Haar kürzer und blond. Mit 60 hat sie ein bisschen zugelegt. Zur Filmpremiere ist Jutta Gallus mit ihren Töchtern nach Berlin gekommen. Für das Gespräch wählt sie ein Restaurant an der Rosa-Luxemburg- Straße, weit weg vom Checkpoint Charlie. Sie spricht leise und vergnügt. Nein, da sei keine Bitterkeit mehr, „nur vor dem Film bin ich ein bisschen aufgeregt, haben Sie ihn schon gesehen?“

An die Mahnwachen von damals erinnert sie ein Halskettchen mit den Buchstaben C und B, ein Geschenk von Claudia. Die war elf, ihre Schwester Beate neun, als die Familie 1982 getrennt wurde. Gewaltsam, auf dem Flughafen von Bukarest. Am Ende einer Flucht, von der Jutta Gallus heute weiß, dass sie verraten wurde, vom Freund ihrer in West-Berlin lebenden Cousine. So sagt es ihre Stasiakte. Ein anderer aus der Familie hat sie bespitzelt. Nein, keine Details, demnächst lasse sie sich von der Birthler-Behörde die Klarnamen der Stasizuträger ausdrucken, da wird es noch einiges zu bereden geben.

Jutta Gallus wollte schon immer raus aus der DDR. Sie hat Ausreiseanträge gestellt. Mit ihrem Ex-Mann pirscht sie sich Ende der 70er Jahre an die ungarisch- österreichische Grenze. Sie treffen auf Soldaten, sie erzählen etwas von einem verirrten Spaziergang. Der Mann ist danach ein für alle Mal kuriert. Er entwickelt sich zu einem Hundertzehnprozentigen, wie die Linientreuen in der DDR genannt werden. Die Ehe zerbricht.

Der neue Mann in Jutta Gallus’ Leben heißt Günter Schmidt, sein Sohn Silvio ist ein paar Jahre älter als die Gallus-Kinder. Auch Schmidt ist unzufrieden mit dem Leben in der DDR. Jutta Gallus verfügt durch ihren im Westen lebenden Vater über Devisen. Sie sucht und findet Kontakt zu einem Fluchthelfer. Das Unternehmen wird als Ferienreise nach Bulgarien getarnt, bei einem Zwischenstopp in Rumänien soll ein Fluchthelfer die ostdeutsche Patchwork-Familie mit dem Schiff nach Jugoslawien bringen und dann weiter nach Österreich schleusen. Erst im Auto weiht sie die Töchter ein. „Sie waren noch so jung, und wie leicht verspricht man sich im Gespräch mit Freunden.“ Sie selbst hat erlebt, wie eine Flucht im Bekanntenkreis wegen einer ungewollten Indiskretion geplatzt ist.

Bei der Familie Gallus-Schmidt geht auch so alles schief.

In der rumänischen Grenzstadt Severin warten sie vergeblich auf den Kontaktmann, der sie über die Donau bringen soll. Das Auto wird aufgebrochen, die Tasche mit den Papieren gestohlen. Die Miliz schickt die Familie zur DDR-Botschaft nach Bukarest. „Na, das war das Letzte, was wir wollten“, sagt Jutta Gallus. Sie und ihr Freund beschließen, zu sagen: Ja, man hat uns die Pässe geklaut, aber wir kommen nicht aus Dresden, sondern aus Bad Oeynhausen. Und sie beschließen: Wir fahren nicht in die ostdeutsche Botschaft, sondern in die westdeutsche. Jutta Gallus informiert den Vater im Westen, der schickt ein Telegramm an die Botschaft nach Bukarest. Zunächst geht alles gut. Jutta Gallus bekommt einen „Reiseausweis als Passersatz“, ausgestellt am 25. August 1982. „Wir dachten: Jetzt haben wir es geschafft!“

Hatten sie nicht.

Die Frau in der Passstelle sagt, es fehle noch das Ausreisevisum, abzuholen bei der Miliz. Hat die bundesdeutsche Botschaft sie ins offene Messer laufen lassen? Jutta Gallus sagt: „Mein Gott, die müssen doch gewusst haben, dass wir aus der DDR waren und abhauen wollten.“ Bei der Miliz wird sie auf den nächsten Tag vertröstet, dann wieder auf den nächsten, am dritten Tag wartet ein Pritschenwagen der Armee. Alle fünf werden verhaftet und zum Verhör gefahren, „zur Klärung eines Sachverhaltes“.

Am 1. September 1982 schickt die DDR eine Interflug-Maschine nach Bukarest, um die aufgeflogenen Grenzgänger abzuholen. Schon auf dem Flug nach Berlin-Schönefeld werden sie getrennt. Im Film gibt es einen herzzerreißenden Abschied auf dem Rollfeld, in Wirklichkeit darf Jutta Gallus ihren Kindern nur noch durch das Bullauge des Flugzeuges ein letztes Mal zuwinken. Es wird ein Abschied für sechs Jahre sein.

Die Mädchen kommen in das Kinderheim Munzig in der Nähe von Dresden. Claudia Gallus sagt: „Wir sind gleich durch ein Fenster abgehauen und zur Bushaltestelle gerannt.“ Der Heimleiter zerrt sie aus dem Bus zurück auf die Straße. Jutta Gallus sitzt in Untersuchungshaft, zwei Monate lang erfährt sie nichts über das Schicksal ihrer Kinder. Vergeblich versucht ihr Bruder, Claudia und Beate zu sich zu nehmen. Die Behörden schicken sie zum Vater. Dem Hundertzehnprozentigen.

Einen Brief lässt die Zensur passieren. Claudia schreibt in großen lila Buchstaben: „Bleib schön gesund!“ Und daneben: „Liebe Mami, mein Film kommt am 5.11.82, 20 Uhr.“ Die Elfjährige spielt eine Hauptrolle in der DDR- Familienserie „Geschichten übern Gartenzaun“. Der Vernehmungsoffizier stellt der Mutter in Aussicht, sie dürfe sich den Film anschauen, wenn sie den Ausreiseantrag zurückziehe. Sie lehnt ab. Am 4. Januar 1983 verurteilt das Kreisgericht Dresden Jutta Gallus „wegen versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in einem schweren Fall“ zu drei Jahren, abzusitzen in Hoheneck, dem größten Frauengefängnis der DDR.

Vom Westen aus schaltet ihr Vater den Anwalt Wolfgang Vogel ein, Erich Honeckers Mann für den Freikauf politischer Häftlinge. Am 17. Februar 1984 wird sie in die Auslieferungshaftanstalt der Staatssicherheit nach Karl-Marx-Stadt überstellt. Vogel empfängt sie zu einem Gespräch, es gebe da ein Problem mit der Ausreise der Kinder, ihr geschiedener Mann verweigere die Zustimmung. Zwölf Tage später wird der Mutter das Erziehungsrecht entzogen. Es heißt, die berüchtigte Volksbildungsministerin Margot Honecker habe ein Exempel statuieren wollen. Vogel legt Jutta Gallus eine Erklärung vor, in der unter anderem steht, dass im Falle einer Ausreise „keine Möglichkeit besteht, die Kinder zu bekommen, solange kein Einverständnis des leiblichen Vaters vorliegt“. Am 29. März unterschreibt Jutta Gallus. Sie will nur raus und denkt, das werde sich im Westen schon regeln lassen. Drei Wochen später fährt sie im Bus von Karl-Marx-Stadt nach Gießen. Zum Abschied sagt Vogel: „Keine Presse!“ Und: „Unser Arm ist lang.“

Noch im Aufnahmelager Gießen schreibt sie an Behörden und Politiker. Im schönsten Beamtendeutsch antwortet der Sachbearbeiter aus dem innerdeutschen Ministerium: „Nachdem Sie sich durch Ihre Erklärung vom 29.3. in so eindeutiger Weise schriftlich gebunden haben, sehe ich gegenwärtig leider keine Möglichkeit, auf die daraus resultierenden Rechtsfolgen in der von ihnen angestrebten Weise Einfluss zu nehmen.“

Im Osten hat Jutta Gallus gegen das Unrecht gekämpft, im Westen kämpft sie gegen die Bürokratie. Sie schlägt Vogels Rat in den Wind und geht in die Öffentlichkeit. Am 7. Oktober 1984, dem 35. Geburtstag der DDR, bemalt sie ein Bettlaken und zieht zum Checkpoint Charlie, dem für Ausländer und Diplomaten reservierten Grenzübergang an der Friedrichstraße. Warum gerade dorthin? „Der Checkpoint Charlie war ein Mythos in Berlin, außerdem sind da viele Touristen rumgelaufen, genau das Richtige für mich.“ Auf dem Laken steht: „Unsere Kinder Claudia + Beate Gallus, Silvio Schmidt. Zwangsadoptiert! Bitte helft uns!“ Die zierliche Frau versinkt hinter dem riesigen Transparent. Touristen kommen und später auch Reporter. Jutta Gallus wird die Frau vom Checkpoint Charlie.

Die DDR reagiert beunruhigt auf die „Demonstrativhandlungen an der Staatsgrenze“. Die Stasi startet den operativen Vorgang „Galle“, zur „Sicherung der Kinder vor weiteren Angriffen durch die geschiedene Mutter, westlichen Massenmedien und möglichen Versuchen der Ausschleusung“. Jutta Gallus bekommt Drohanrufe. Das innerdeutsche Ministerium bekniet sie um Zurückhaltung, die andere Seite dürfe nicht provoziert werden. Der ebenfalls abgeschobene Günter Schmidt zieht sich aus allen Aktionen zurück. Sein Sohn darf ausreisen.

Wäre das die bessere Taktik gewesen? Jutta Gallus glaubt nicht daran. Sie hat ja öfter für ein paar Wochen Ruhe gegeben. Etwa im September 1987, als für Erich Honecker beim Staatsbesuch in Bonn der rote Teppich ausgerollt wird. Bei der Vorstellung bekommt Jutta Gallus heute noch die Wut. Parallel müht sich ihr geschiedener Mann in Dresden nach Kräften, die Kinder zu loyalen DDR-Bürgern zu erziehen. Sie dürfen die Ballettschule besuchen und treten im Fernsehen auf. Beate Gallus sagt heute: „Wir wussten nicht, wie sehr er uns bespitzelt hat.“ Hinter dem Rücken des Vaters stellen die Mädchen regelmäßig Ausreiseanträge, ganz formal und persönlich an Honecker gerichtet.

Hat die Mutter nach der Ausreise nie befürchtet, dass die ständige Indoktrinierung Wirkung zeigen könnte? Dass die Kinder irgendwann glauben könnten, sie sei eine Rabenmutter, die nur in den Westen gewollt und dafür die Kinder geopfert habe? „Nein“, sagt Jutta Gallus. „Dafür waren die Mädchen bei der Trennung schon zu alt. Und sie haben die Verhaftung miterlebt, den brutalen Umgang mit mir. So etwas prägt.“ Jutta Gallus kämpft bei einer Papstaudienz für ihre Kinder, sie reist in die Schweiz, nach Österreich und Kanada und beginnt einen Hungerstreik, natürlich am Checkpoint Charlie.

Am 13. August 1986 besorgen ihr Freunde eine Eintrittskarte für die Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerbaus. Das Fernsehen berichtet live aus dem Reichstag. Jutta Gallus hat sich die Aufzeichnung noch einmal angeschaut. Wie Helmut Kohl, Willy Brandt und Eberhard Diepgen gemeinsam die Nationalhymne singen. Wie Brandt nach seiner Rede bedächtig die Bühne verlässt. Jetzt ist Kohl dran, aber aus dem Hintergrund kommt eine zierliche Frau mit dunklem Haar. Jutta Gallus zeigt ihr Transparent: „Keine großen Sprüche. 4 Jahre Trennung von meinen Kindern sind genug.“ Ihre Stimme zittert, als sie zur Rede anhebt: „Ich bin ein Livebeispiel. Ich bin vier Jahre von meinen Kindern getrennt. Ich appelliere heute an Sie und die Bundesregierung, alles zu tun, dass meine Kinder endlich bei mir sind. Die Hinhaltung von der Ostzone – es geht nicht mehr.“ Dann kommt Kohl und schiebt sie zur Seite.

Der zuständige Staatssekretär des innerdeutschen Ministeriums sagt ihr später: „Frau Gallus, das kostet uns ein halbes Jahr.“ Es werden zwei Jahre.

Im August 1988 schwänzen Beate und Claudia die Schule, steigen in den Zug nach Berlin und sprechen bei Anwalt Vogel vor. „Wir sind die Gallus-Zwillinge und wollen zu unserer Mama.“ Beate Gallus erinnert sich an „ein sehr angenehmes Gespräch“. Vogel sagt in einem ARD- Interview, er habe erst durch diesen Besuch erfahren, „dass es nicht stimmt, was der Vater sagt“, nämlich dass die Kinder bei ihm glücklich und zufrieden seien.

Sechs Jahre lang hat sich niemand für die Meinung der Kinder interessiert. Jetzt geht alles ganz schnell. War es der stete Druck der Mutter, der das Regime schließlich mürbe machte? Oder lockt den Staat die Aussicht auf Devisen, kurz vorm drohenden Bankrott? Die Akten lassen offen, warum die DDR auf einmal ihr Herz für die Gallus-Kinder entdeckt. Der Vater wird aufgefordert, „vom Erziehungsrecht zurückzutreten“. Am 26. August, sechs Jahre nach der Verhaftung, reisen Beate und Claudia aus. Nicht wie im Film über den Checkpoint Charlie, sondern über den Grenzübergang Invalidenstraße. Jutta Gallus nimmt ihre Kinder in einer West-Berliner Anwaltskanzlei in Empfang. Claudia ist 17 Jahre alt, Beate 15.

Claudia Gallus sagt, an diesem Tag habe ihr Leben erst richtig begonnen. Die Zeit ohne die Mutter habe sie verdrängt. Sie arbeitet heute in der Filmbranche und ist die stillere der beiden Schwestern. Die grazile Beate ist Tänzerin geworden. Der leibliche Vater hat den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Beide wohnen in München. Sie sprechen Hochdeutsch mit leichtem oberbayerischen Einschlag.

Die Stimme der Mutter ist immer noch sächsisch eingefärbt. Jutta Gallus hat sich von Günter Schmidt getrennt, sie hat noch einmal geheiratet und heißt heute Fleck. Als Medienberaterin pendelt sie zwischen Wiesbaden und München. Dresden ist weit weg und doch allgegenwärtig. Noch immer träumt sie von den sechs verlorenen Jahren. Von Wolfgang Vogel, dem Anwalt, der ihren Freikauf in den Westen organisiert hat, will sie nichts mehr wissen. Heute weiß sie, „dass der immer noch Postkarten von Margot Honecker aus Chile kriegt“.

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