DDR-Vergangenheit : Das Schwalbennest

Seit 1972 steht es in der Berliner Mollstraße. Vor zwölf Jahren zogen die Mieter aus dem maroden Hochhaus aus. Nur die Vögel sind geblieben. Morgen kommt der Abrissbagger und zerstört letzte Spuren einer spannenden Geschichte. Denn eigentlich war dieses Haus ein Experiment.

Torsten Hampel

Die Vögel sind nie weggeblieben, jedes Jahr kamen sie, auch im Mai 1975 nach der Großen Deutschen Schwalbenkatastrophe waren sie wieder da. Das Nest am Regenfallrohr war immer belegt, oben im 17. Stock. Und die anderen auch.



Von der Großen Schwalbenkatastrophe also, davon, dass im Herbst 1974 Millionen der Tiere gestorben sind, haben sie hier im Berliner Stadtteil Friedrichshain nichts gemerkt; davon, dass damals der kalte Nordwind schon im September die Schneewolken nach Süden schob, die Schwalben keine Fliegen mehr zum Fressen fanden und sie es deshalb auf dem Weg nach Afrika nicht mehr über die Alpen schafften. Und davon, dass die Leute in Süddeutschland ein paar Hunderttausend Schwalben in die Eisenbahn und ins Flugzeug steckten und auf die andere Seite des Gebirges brachten, haben sie erst recht nichts mitbekommen. Das Haus und seine Bewohner hatten andere Sorgen. Und Freuden. Das Leben ging gerade erst los. Und die Vögel, die waren ja immer da.



Es ist 1972, als das Hochhaus an der Mollstraße 31 fertig gebaut ist und die Eheleute Bärbel und Herwig Loeper hier einziehen; das Studium zu Ende, die erste Arbeit, die erste gute Wohnung. Ein Kind ist unterwegs, das haben sie ein paar Wochen früher erfahren, und dass Bärbel Loeper Krebs hat, das auch. Sie haben gearbeitet und sich eingerichtet, Urlaubsreisen gemacht und Geburtstage gefeiert. Und in einem schönen neuen Haus gewohnt. Sozialistische Architekten waren ja nicht alle Plattenknechte.



Herwig Loeper ist Architekt, er hat am Haus nicht mitgebaut, aber er hat es erforscht damals, zehn Jahre lang. Wie die Leute so leben darin, wollte er wissen, was sie daran mögen und was störte. Das Haus war ein Experiment. In den Wohnungen standen keine Wände.



"Variables Wohnen haben wir das damals genannt", sagt Loeper heute, und: "Im Westen gab es das auch, da hieß es nur anders. Flexibles Wohnen." Er sitzt am Tisch in seinem Büro, und wenn er aufstünde und hinüber zur gläsernen Eingangstür ginge, könnte er das Schwalbenhaus sehen, es steht nebenan. Seit zwölf Jahren ist es leer und ausgeschlachtet, eine Ruine nur noch. Der Wind hat die grünen Netze zerfetzt, die sie vor fünf, sechs Jahren davorgehängt haben, und auf dem Dach wächst ein Birkenbäumchen aus der Teerpappe. Das ist aber von hier unten nicht zu sehen. Morgen, am Montag, beginnen sie dort oben mit dem Abriss.



Die Mehlschwalben haben es nicht so mit der Flexibilität. Sie brauchen zum Bauen immer eine senkrechte Wand und ein vorstehendes Dach darüber. So etwas finden sie hier in der Neubaugegend zwischen Alexanderplatz und Volkspark Friedrichshain überall, jedes Haus hier ist senkrecht, und jedes hat Balkone oder Loggien mit einer Platte im 90-Grad-Winkel drüber. Wie viele Vögel es waren, die jedes Jahr an der Mollstraße gebrütet haben, das hat nie jemand gezählt. Erst in der Mitte der neunziger Jahre, als immer mal wieder ein Interessent ins Friedrichshainer Bezirksamt ging und nachfragte, ob er die Ruine nicht abreißen dürfe und an ihrer Stelle etwas Neues bauen, erst als die Schwalben anfingen zu stören, wurde das wichtig. 50, vielleicht 80 Paare sollen es zuletzt gewesen sein.



Wer 80 bewohnte Mehlschwalbennester im Haus hat, der darf es nicht abreißen. Ein einziges Nest, egal mit welchem Vogel drin, reicht schon, um das unmöglich zu machen. Rein rechtlich. Wenn die Jungen ausgeflogen sind, kann man wieder ran. Nur Tauben, die darf jeder immer vertreiben. Und da die Investoren in Berlin recht sprunghaft sind, man sie in den Ämtern also besser nicht warten lässt, hat die Behörde das grüne Gazenetz vor die Fassade gehängt. Damit kein Vogel mehr reinkommt.



Loeper sitzt am Bürotisch und erzählt von dem Plan des DDR-Bauministeriums, ein Haus zu bauen, in dem die Menschen alles selber bestimmen können; wo welche Wand hinkommt, welches Zimmer wie groß wird und wie viele es überhaupt sein sollen. Da an der Mollstraße war doch gerade ein Hochhaus im Bau, und da könnte man doch, wenigstens in den obersten drei Stockwerken...



Zwei Dutzend Wohnungen wurden also geplant, acht pro Etage, mit einer Tür zum Hineingehen, Küche, Bad, das war alles. Zehnachtzig mal sechseinhalb Meter im Rechteck. 50 mögliche Mieter hat Loeper ausgesucht für 24 verschiedene Varianten. Mit Kindern und ohne, aber vor allem Junge sollten es sein. Loeper selbst, der aus dem Norden stammt und in Weimar studiert hatte, war damals vor 30 Jahren neu in Berlin. Die Bauakademie, eine Forschungsanstalt des Bauministeriums, hatte ihn in die Stadt geholt. Die Planung an der Mollstraße war seine erste große Arbeit. Loeper zog an den Ostbahnhof, auf einen Hinterhof; bis er einen Zuweisungsschein für die Mollstraße bekam. Ein Zufall und ein Glück. Wer bekam schon eine Neubauwohnung? Wer durfte schon ins Stadtzentrum? Da wohnt er heute noch, nun aber im Nachbarhaus, in demselben, in dem auch sein Büro ist.



Seine Tochter ist mit ihm zusammen ausgezogen Anfang 1989, als klar war, dass das Haus nicht mehr zu retten ist. Auf ihrer Etage waren sie damals die letzten. Sie haben gepokert, wollten so lange nicht in die Vier-Zimmer-Wohnung im Haus nebenan, in die Barnimstraße, einziehen, bis man ihnen ein Telefon gab. Der Block an der Barnimstraße war nur für die Mollstraßenmieter gedacht. Damals war noch die Rede von Sanierung und Rückkehr.



Wiebke Loeper, die Tochter, ist dann Fotografin geworden. Sie hat in Leipzig studiert, mit einem Bildband über das Haus hat sie ihren Abschluss gemacht. Moll 31 nannte Wiebke Loeper ihr Buch. Nicht nur, weil die Straße so heißt. Sondern auch, weil das Haus verschwinden würde. Weil damals, 1995, als sie das Buch machte, schon klar war, dass es wegkommt. Ist ja mein Elternhaus, sagt sie. Sie ist wieder zurück in Berlin, sitzt an einem Tisch, ein paar Straßen weiter weg von der Mollstraße als ihr Vater. Warum sie ausgerechnet so ein Buch gemacht hat, "das versteht doch jeder", sagt sie. Ihre Mutter ist gestorben, da war sie zehn Jahre alt. Und nun - "das Land war schon weg und die Gesellschaft auch" - sollte auch noch das Haus abgerissen werden. Das ist ein Verlust. "Es gibt dann keine Rückkehr mehr", sagt sie, "die ist nicht mehr möglich. Das kann man dann keinem mehr zeigen." Aber sie wollte es zeigen, "ich wollte das schützen, festhalten", sagt sie.



Schwalben müssen das manchmal in jedem Jahr wegstecken. Wenn das Vorjahresnest nicht mehr da ist, bei ihrer Ankunft im Mai, müssen sie ein neues bauen.



Im Mollstraßenhaus sahen die Nester immer anders aus als auf dem Land, sie hatten eine andere Farbe. Sie waren schwarz, weil die Schwalben sich die Erde zum Bau aus den Regenrinnen der Umgebung holen mussten. Es gibt hier hinter dem Alexanderplatz keine Lehmmulden, in denen sich das Wasser sammelt und aus denen sie sich üblicherweise bedienen. In der Stadt gibt es feuchten Schmutz in den Dachrinnen. Vergammeltes, Blätter, die zu Humus geworden sind, und der ist schwarz.



Wiebke Loeper hat viel in der Ruine fotografiert, und es hat keiner begriffen, was sie da macht. Das sieht ja aus wie Müll, haben die Leute gesagt, denen sie die Bilder zeigte. Wann kommt das endlich weg, haben die gefragt. Dann hat sie das Dia-Archiv ihres Vaters durchgeschaut und kam auf die Idee, Vergleichsfotos zu machen. Gleiches Motiv, gleiche Perspektive, gleiche Brennweite, gleicher Bildausschnitt. Nur alles eben über 20 Jahre später. Das Haus von außen, mit kleinen Bäumen davor und später mit großen; Wiebkes Spielecke vor dem Fahrstuhl, einmal mit Kindern, einmal ohne und heruntergekommen; das Bad mit ihr als Kleinkind, das Bad menschenleer mit abgeplatzten Kacheln, auf denen sich das Blitzlicht spiegelt. "Und da haben die Leute das plötzlich begriffen", sagt sie. Ist es das, das Glück des Festhaltens, warum sie Fotografin geworden ist? "Die Frage ist doch", sagt sie, "was den Menschen prägt." Das müsse man erklären. Da schaut man dann automatisch zurück. Es ist kühl in ihrem Büro, nur der Tisch wärmt die Hände, wenn man sie drauflegt. Das kommt von den Lampen unter der Glasplatte. Da sieht man die Negative besser. Zuletzt haben hier die Abzüge gelegen, die Wiebke Loeper an die japanische Ausgabe der Illustrierten "Esquire" verkauft hat. In dem Text dazu ging es um junge Leute, von denen es heißt, dass sie in Ost-Berlin neuerdings massiv in die Plattenbauten ziehen.



Herwig Loeper ist stolz auf sein Kind, einen Preis für das Buch hat sie bekommen, das sagt er oft. Und spricht weiter, erzählt vom Ende des Experimental-Hochhauses, das besiegelt war, noch bevor die Mieter es bezogen hatten. Der Fehler war eingebaut. Falsche Planung, Baumängel, Schwachsinn. Das Haus lag an einer Route, die sie in Ost-Berlin die Protokollstrecke nannten. Hier jagten der Parteichef und sein Politbüro in ihren Wolgas und Volvos mit den roten Lampen auf dem Dach zur Arbeit ins ZK und die Minister in die Ministerien. Sie wohnten ja alle im selben Wald im Norden vor der Stadt, beim Örtchen Wandlitz, und deshalb hatten sie auch alle denselben Weg. Sie mussten dabei am Haus vorbei, zwei Mal am Tag auf der Ausfallstraße nach Norden, an der seine Längsseite liegt und die bis Ende 1995 nach dem Münchner Kommunisten und Spanienkämpfer Hans Beimler hieß. Es trug sich zu, dass die DDR 20 Jahre alt werden würde und zum Geburtstag sollte sie festlich aussehen. Stählerne Spundwände mit Rost dran haben damals 1969 an der Ecke zur Mollstraße gestanden. Die sollten weg, auch wenn die Baugrube mit dem Rohbau drin noch nicht verfüllt war, sei's drum. Dass man so etwas nicht macht, weiß jeder Maurer. "Es kommt zum Grundbruch", sagt Loeper. Das Haus sackt ein, ein paar Zentimeter nur, außen rutscht es etwas tiefer in die Erde als innen. Alles wird schief.



Und wo es nun schon schief war, hat es womöglich auch die zwei Berliner Erdbeben von 1976 nicht so gut wegstecken können. "Alle Leute sind damals runter auf den Parkplatz gerannt", sagt Wiebke Loeper, "obwohl das total falsch war." Ihr Vater hat ihr gesagt, dass es, wenn das Haus wackelt, in den Treppenhäusern am gefährlichsten sei. Dort und auf den langen Fluren hat es Wiebke Loeper und ihren Freundinnen immer am besten gefallen. Die Türen der Wohnungen standen offen, die Kinder liefen von einer Wohnung in die andere, auf dem Gang sind sie mit dem Roller gefahren.



Weil das Haus schief war, waren auch alle Wasserleitungen verbogen. Auch deshalb, vor allem aber, weil der Druck in so einer Hochhauswasserleitung ziemlich hoch sein muss, damit das Wasser oben ankommt, flogen in der 17. Etage, wo die Loepers wohnten, immer wieder die Ventile raus, das Wasser lief in die Zwischendecken und verteilte sich auf dem Flur, bevor es in die Wohnungen floss und die Leute weckte. Loepers Nachbarin arbeitete in einer Bar und bemerkte das immer als Erste, wenn sie nachts heimkam. Und auf den Schreck gab es einen Sherry.



Von innen, aus den Decken, kam das Wasser oft, von außen, durch die Fassade, kam es immer. "Die Fassade war für das Haus der Todesstoß", sagt Herwig Loeper. Gleich nach dem Einzug fing es an, durch die Wände zu tropfen. Da war gerade der Bauminister zu Besuch und wollte sich mit den Mietern mitfreuen über den tollen Blick bis in die Müggelberge und das Sonnenlicht, das hier oben in die Fenster schien. Bei Loepers hingen da Angelschnüre, mit Reißnägeln oben am Rahmen festgemacht. Der Minister: "Was ist denn das?" - "Meine Entwässerungsanlage." An den Schnüren liefen die Tropfen in Eimer auf dem Boden. Bis heute, in seinen letzten Tagen hat sich das Haus nicht geändert. In einer Wohnung im elften Stock tropft es auch heute aus der Decke, jemand hat zwei leere Farbeimer unter die Stelle gestellt. Drei Etagen weiter oben steht eine offene Waschmaschine, auch die ist voll mit Wasser.



Einmal, da ist das Schwalbennest am Regenrohr runtergefallen. Die Balkontür muss dagegen geknallt sein, und da lag es nun, kaputt auf dem Balkon. Alle Schwalben waren flügge, bis auf eine. Wiebke war sieben, die Eltern wollten ins Theater, es musste rasch gehen. Also rein mit dem Schwalbenjungen in einen Schuhkarton, den auf die Brüstung gestellt. Die Schwalbeneltern haben ihr Kind vielleicht, wie es Sitte ist beim ersten Ausflug, aus dem Karton, dem Ersatznest gezogen. Und vielleicht hat sich das Junge, wie es ebenfalls üblich ist, nach den ersten fünf Metern im Sturz entleert. Wiebke Loeper kann sich nicht erinnern. Nur daran, dass es geklappt hat mit dem Fliegen.



Warum eigentlich gab es nicht mehr Häuser von der Sorte, wenn sich die Menschen, trotz allem, so wohl gefühlt haben darin? Man hätte doch aus den Fehlern lernen können und zum Beispiel die Spundwände in der Erde lassen, solange es nötig war. Planwirtschaft, sagt Loeper. Die mächtigen Wohnungsbaukombinate "wollten eben viel Beton verarbeiten", darum ging es denen. Das konnte man messen. Und für ein Haus ohne Wände braucht man eben weniger davon.



Und heute - das Fassadennetz hängt in Fetzen, jeder Vogel der rein will, kommt auch rein - wer wohnt heute, kurz vorm Abriss, im Mehlschwalbenhaus? Ein paar Haustauben sind drin, aber nur, wenn es regnet. Und sie brüten auch nicht. Liegt wahrscheinlich an dem Steinmarder, der hier auf einem Balkon im elften Stock sein Klo zu haben scheint.

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