Zeitung Heute : DDR verkaufte auch Häftlingsblut

Studie der Stasiunterlagenbehörde belegt weitere Geschäfte mit Westfirmen – darunter VW und Aldi.

Berlin - Häftlinge in DDR-Gefängnissen sind offenbar zum Spenden von Blut genötigt worden, das dann ins westliche Ausland verkauft wurde, damit der Staat Devisen erlösen konnte. Zu diesem Befund kommt eine bislang noch nicht veröffentlichte Studie der Stasiunterlagenbehörde (BStU), über die das ARD-Politikmagazin „Report Mainz“ am Dienstagabend berichtete. Das bayerische DRK bezog von 1985 bis 1986 offenbar rund 40 000 Erythrozyten-Konzentrate (rote Blutkörperchen) von einer Schweizer Firma. Das Blut stammte aus der DDR. Ein Sprecher des Blutspendedienstes des DRK bestätigte dem Tagesspiegel, dass das Geschäft gestoppt worden sei, als der zuständige Prüfer in Bayern feststellte, dass die Blutkonzentrate nicht den Qualitätsanforderungen der Bundesrepublik genügten. Über Unterlagen zur genauen Menge, dem Preis und den Abnehmern verfüge das DRK nicht mehr.

Wie viele der Blutspenden von DDR- Häftlingen stammten, ist nicht belegt. Der Autor der Studie, der BStU-Wissenschaftler Tobias Wunschik, war beim Studium von Akten über DDR-Häftlinge, die in Betrieben für den Westexport produzieren mussten, auf das Thema der Blutspenden gestoßen. So wiesen Akten aus dem Thüringer Staatsarchiv nach, dass in der Strafvollzugsanstalt Gräfentonna Gefangene zu Blutspenden herangezogen wurden. In Stasiakten ist überdies belegt, dass sich Krankenschwestern in Gräfentonna geweigert hatten, Häftlingen Blut abzunehmen. Auch aus der Strafvollzugsanstalt im sächsischen Waldheim gebe es Akten über Blutspenden von Häftlingen. Wunschik hält es für wahrscheinlich, dass die Verantwortlichen in der DDR verstärkt auf Häftlinge zurückgriffen, weil sich der Export von Blut aus dem zivilen Spendenaufkommen herumgesprochen hatte. Vier Bezirksinstitute für Blutspendewesen der DDR hatten Vereinbarungen mit dem zuständigen staatlichen Außenhandelsunternehmen über den West-Export von Blutspenden getroffen.

Aus der Studie mit dem Titel „Knastware für den Klassenfeind“ wird auch deutlich, dass in den 70er und 80er Jahren nicht nur, wie bisher bekannt, Ikea zahlreiche Produkte bezogen hatte, die in DDR- Betrieben von Häftlingen hergestellt wurden. So seien auch Aldi und VW an solchen Geschäftsbeziehungen beteiligt gewesen. Wunschik sagte, die DDR sei aus unternehmerischer Sicht ein Billiglohnland gewesen. Jährlich seien mindestens Waren im Wert von 200 Millionen DM geliefert worden, die allein auf Häftlingsarbeit beruhten. So ließ etwa der Discounter Aldi, vermittelt über DDR-Außenhandelsbetriebe, große Mengen von Erzeugnissen im VEB Strumpfkombinat Esda Thalheim produzieren, wo weibliche Gefangene aus dem Frauengefängnis Hoheneck zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Aldi Nord und Aldi Süd bestätigten „Report Mainz“ derartige Geschäftsbeziehungen. Sie betonten jedoch, weder damalige noch heutige Mitarbeiter hätten Kenntnis davon gehabt, dass Häftlinge in dem Betrieb eingesetzt worden seien. Ähnlich reagierte der Volkswagen-Konzern, der Erzeugnisse aus dem VEB Kombinat Fahrzeugelektrik Ruhla bezog.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben