Zeitung Heute : Defragmentieren statt diskriminieren

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Neulich schrieb ich über einen Koch, der mit Laserstrahlen und einer Ionenkanone arbeitet. Ich bekam einen Leserbrief: „Ihre ganze Schreibe ist so verzichtbar wie ein Kropf.“ Ein anderes Mal berichtete ich zum Thema Vergangenheitsbewältigung. Eine Leserin schrieb, sie sei schon lange angewidert, aber: „Dieser Artikel setzt dem Fass die Krone auf!“

Jetzt wurde sogar das Auswärtige Amt auf mich aufmerksam. Ich dürfe teilnehmen an einer „Expertentagung des Ausschusses der Vereinten Nationen für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW)“.

Zum Glück bin ich ein Experte für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau. Auf der Wiener Straße ist mir ein Plakat aufgefallen: ein Cowboy auf einem Pferd, im Hintergrund ein Wasserfall. Jemand hat den lila Schriftzug „Sexistische Kackscheiße“ darübergeklebt. Sicherlich ist es ein weibliches Pferd, das hier als Transportmittel ausgebeutet wird. Und dann auch noch nackt! Was anderes fällt diesen Typen halt nicht ein! Der Cowboy hätte die Stute ruhig durch die Prärie tragen können.

Ich finde Diskriminieren ja generell nicht so gut. Weder Frauen noch Pferde haben das verdient. Neulich war ich zum Beispiel mit einer jungen Frau im Görlitzer Park joggen. Sie trinkt kein Bier, isst kein Fleisch und stammt nicht einmal aus Basel. Trotzdem habe ich J. nicht diskriminiert. Sie konnte sogar schneller laufen als ich. Leider kann ich diese Erfahrungen nicht auf der Antidiskriminierungsfachtagung vortragen. Ausgerechnet an jenem Tag muss ich verreisen. Das setzt dem Fass die Krone auf.

Noch schlimmer ist, dass ich neulich selbst unter Diskriminierung zu leiden hatte: Mein Computer ignorierte mich. Er ging ständig aus. M. wusste Rat und „defragmentierte“ den PC. Scheint ein super Trick zu sein. Jetzt ist die Kiste jedenfalls wieder bestens gelaunt.

Ich glaube, ich kenne eine Methode, mit der man sich selbst defragmentieren kann: Aikido. Nach jedem Training könnte ich ganze Pferdeherden durch Kreuzberg tragen.

Aikido-Schule Aikikan, Prinzessinnenstr. 2, 10969 Berlin, Tel. 621 19 42.

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