Degut 2009 : Frauen baggern nicht wie blöde

Deutsche Gründer- und Unternehmertage: Weibliche Gründer kalkulieren ihr Geschäftsrisiko genau, achten auf die Familiensituation und sind zuverlässige Rückzahler.

Patricia Hecht
Mutmacher
Sie steht ihren Mann. Thilsam Ullah, die Kinderkostüme entwirft. -Foto: Doris Klaas

In weißen Kitteln, mit Schutzbrillen und Plastikhandschuhen arbeiten Mitarbeiter im Labor der Organo Balance GmbH in Wedding daran, Proben von Bakterien zu untersuchen. Tropfen werden mit Pipetten auf Petrischalen geträufelt, es riecht nach gegorener Hefe. Christine Lang, Gründerin und Geschäftsführerin des Unternehmens, hebt sich deutlich von ihren rund 30 Mitarbeitern ab: Im schwarzen Hosenanzug und die Hände entspannt in den Taschen, führt sie durch ihr Labor. Lang ist es gewohnt, aufzufallen und dabei doch ganz selbstverständlich ihre Rolle auszufüllen. Aufgewachsen mit vier Brüdern, hat sie ihre Firma 2001 in der männerdominierten Biotechnologie- Branche gegründet. „Ein weibliches Rollenvorbild hatte ich dabei nie“, sagt Lang.

So gering wie in der Technologie- oder in der Baubranche ist der Frauenanteil bei Unternehmensgründungen in Deutschland insgesamt zwar nicht mehr. Weit niedriger als der Anteil der Männer liegt er jedoch noch immer: Obwohl Frauen fast die Hälfte aller Erwerbstätigen stellen, wurde 2008 nur jedes dritte Unternehmen von einer Frau gegründet. Die Zahl weiblicher Selbstständiger steigt allerdings kontinuierlich – und die Frauen stehen dabei auf sicheren Füßen. „Frauen gründen sehr risikobewusst“, sagt Iris Kronenbitter, Leiterin der bundesweiten Gründerinnenagentur (bga), die Informationen und Beratung für weibliche Selbständige bietet. „Sie fangen klein an, expandieren dann systematisch und zahlen Kredite zuverlässig zurück.“ Studien belegen außerdem, so Kronenbitter, dass von Frauen gegründete Unternehmen einen längeren Atem haben. Die eigene Chefin zu werden, ist eine erfolgversprechende Möglichkeit im Berufsleben.

Christine Lang ist diesen Weg gegangen. Die habilitierte Biologin nahm einen Kredit bei der KfW auf – der ist mittlerweile zurück gezahlt – und gründete mit einem gemischtgeschlechtlichen Team ihre Firma, in der Anwendungsmöglichkeiten von Hefe- und Milchsäurebakterien im Gesundheitsbereich erforscht werden. Anfang nächsten Jahres soll beispielsweise ein Produkt auf den Markt kommen, das auf natürlichem Weg Karies-Bakterien abtötet. „Ich beobachte natürlich, dass ich in einer männerdominierten Branche arbeite“, sagt Lang, „mich beeindruckt das aber nicht.“ Nachteile wie die, bei Banken oder Investoren vielleicht weniger ernst genommen zu werden oder den Zugang zu männlichen Netzwerken schwieriger zu finden, müsse man mit Kompetenz wettmachen, meint Lang. Christine Lang wurde sowohl vor der Gründung als auch später beim Wachstumsprozess durch das Technologie Coaching Center (TCC) mit rund 15 Beratertagen begleitet.

Diese zumindest haben die Frauen meistens. Karin Kricheldorff, Beraterin beim Gründungsservice der Technischen Universität Berlin – an der nur rund 30 Prozent der Studierenden Frauen sind – hat vergangenes Jahr 173 angehende Gründer und 40 Gründerinnen beraten. „Frauen wollen sich ihrer Sache bei einer Gründung sehr sicher sein“, sagt Kricheldorff. „Sie informieren sich, kalkulieren genau und nehmen Beratung eher an als Männer. Sie brauchen jedoch auch länger, bis sie den Schritt in die Selbstständigkeit tatsächlich gehen. Um Frauen in ihrer Entscheidungsfindung zu bestärken und weibliche Rollenvorbilder zu schaffen, präsentieren auf Plakaten und in Broschüren der TU nun überproportional viele weibliche Gründerinnen ihre erfolgreichen Ideen. „Wir wollen damit beide Geschlechter motivieren, zu gründen“, sagt Kricheldorff, „aber gleichzeitig das klischeehafte Unternehmerbild in den Köpfen ändern.“

In der Realität existieren bereits vielfältigere Gründertypen als nur der Herr in Anzug und mit Aktenkoffer. Typisch für Existenzgründerinnen ist etwa, den Schritt in die Selbstständigkeit nach einer längeren Familienzeit und später als Männer zu wagen – rund ein Drittel der Frauen, die gründen, sind zwischen 45 und 54 Jahre alt. Älter und mit Kindern, die zu versorgen sind, ist ihnen der Zugang zur abhängigen Beschäftigung häufig verschlossen. Charakteristisch ist außerdem die Teilzeitarbeit: Viele Frauen machen sich im Nebenerwerb selbstständig. „Wir beobachten, dass sich Frauen oft maßgeschneiderte Arbeitsplätze für ihre Lebenssituation schaffen“, sagt Iris Kronenbitter von der bga – für viele bedeutet das, die unterschiedlichen Rollen als Mutter und Erwerbstätige zu berücksichtigen.

Thilsam Ullah macht genau das. Die 44-Jährige aus Pankow gründete 2007 ein Ein-Frau-Unternehmen im Bereich der Kreativwirtschaft, in dem Frauen besonders stark vertreten sind. Die Mutter von drei Kindern näht und vertreibt hochwertige Kinderkostüme – in Teilzeit und von zu Hause aus, um die private und berufliche Situation unter einen Hut zu bringen. Die Idee für ihre GbR entstand, sagt Ullah, weil sie Hasen- und Fledermauskostüme für Fasching genäht hatte. Dann stellte sie fest, dass ihre Kinder die Verkleidungen auch sonst gerne zum Spielen anzogen.

Dass Thilsam Ullah nun mit viel Herzblut bei der Sache ist, ist ebenfalls ein Merkmal, das weibliche Gründerinnen eher als ihre männlichen Kollegen auszeichnet. Neben unternehmerischen Zielen gehe es häufig darum, einen Sinn in der Arbeit zu finden und sich damit weiter zu entwickeln, sagt Kronenbitter. Was die Damenwelt jedoch noch lernen müsse, sei, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen: „Klappern gehört zum Handwerk. Aber Frauen stellen sich im Gegensatz zu Männern selten als diejenigen dar, die gerade die Welt entdeckt haben.“ Allerdings sei den Frauen bereits bewusst, dass ihr Auftreten noch verbesserungsfähig sei. Seminare der bga, die sich damit beschäftigen, nicht mehr länger ‚Everybody´s Darling'' zu sein, sagt Kronenbitter, seien regelmäßig ausgebucht.

Homepages der Unternehmerinnen:

www.organobalance.de

www.dressmagic.de

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