Degut : Hauptstadtfeeling aus der Brillenschmiede

Ralph Anderl produzierte seit 1999 rund 560 Brillenmodelle in 3365 Varianten. Mit dem Tagesspiegel sprach er über Unternehmensgründung, Förderung und Erfolg.

Ralph Anderl (38), Geschäftsführer von „ic!Berlin“, erfand 1997 zusammen mit zwei Designstudenten eine flexible Brille ohne Schrauben in Edelstahldesign und gründete sein Unternehmen in Mitte. „ic!Berlin“ beschäftigt inzwischen 100 Mitarbeiter in Vertrieb und Produktion. Brillen von „ic!Berlin“ tragen Stefan Raab und der marokkanische König.

Herr Anderl, Sie kommen gerade aus Mailand zurück. Konnten Sie dort mit Ihrem Musterkoffer reüssieren oder haben Sie sich Musterkoffer mitgebracht?

Wir haben Blechbrillen verkauft auf der internationalen Brillenmesse „Mido“. Neue Musterkoffer sind aber nicht im Gepäck. Die kaufen wir atypisch-branchenfremd ein: Ein selbst entwickeltes System in Anzugtaschen von Tumi. Großartig, ungewohnt.

Ihr Unternehmen haben Sie zunächst nicht nur in einem Wohnzimmer gegründet, sondern auch betrieben. Warum haben Sie es sich so schwer gemacht? Es gibt doch eine Vielzahl von Förderinstrumenten und Geldgebern.

Leicht gemacht! Im Wohnzimmer arbeiten erleichtert das Arbeiten. Keine Verkehrsstaus, kein schlechtes Wetter auf dem Weg ins Office. Alles konzentriert und beisammen. Immer im Dienst ist ja auch nicht schlimm, weil meine Arbeit nicht wehtut, sondern „lusterzeugend“ ist.

Was ist „lusterzeugend“?


Dass aus Ideen echte Dinge werden. Man sieht am Ende, was man sich ausgedacht, erschaffen hatte. Das Spannende, dass es ständig vom Kunden evaluiert wird und Feedback entsteht über Verkauf und man somit von seinen Ideen leben kann. Das ist großartig und Freiheit.

Warum konnten Sie auf Förderinstrumente gut und gerne verzichten?


Weil die Energie und der Aufwand, der für deren Beantragung und Pflege nötig gewesen wären, direkt in Form von Kreativität in die Firma geflossen ist: indem etwa alternative Wege der Geldmittelbeschaffung, der Werbung und des Marketing erschlossen wurden.

Sie segeln mit Ihren Blechbrillen hart am modischen Trend. In Ihrem Internetauftritt zeigen Sie den SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering mit einem Ihrer Brillenmodelle: eine echte Fehlbesetzung. Er sieht aus wie ein Mannequin mit Schweißerbrille. Warum wollen Sie nur einen Teil der Käuferschichten bedienen? Können Sie nur Extravaganz und Retro?

Müntefering Fehlbesetzung …? Hmm ja, beziehungsweise nein! Unsere Brillen sind auch ganz und gar unextravagant. Also völlig bankbusinesscompatibel. Einige Topmanager tragen „ic!Berlin“. Ein Vorstand bei der T-Firma glaube ich, und der sieht sehr seriös aus. Muss er ja auch.

Wie häufig wechselt der deutsche Brillenträger ab dem 40. Lebensjahr seine Brille?


Diese Frage gebe ich weiter an die Statistikexpertenabteilung beim Tagesspiegel. Ich bin nur „ic!Berlin“-Blechbrillenverkäufer.

Ihr Internetauftritt ist recht aufwendig gestaltet. Lohnt sich die Investition? Niemand wird sich schließlich eine Brille aus dem Internet bestellen, ohne sie vorher aufzusetzen.


Genau. Eben deshalb lohnt er sich, weil die Leute über die Seite mehr sehen über uns, „ic!Berlin“ noch spannender finden und dann zum Optiker rennen und uns dann dort beglücken.

Ein Unternehmen zu gründen ist das eine, es am Markt zu halten das andere. In welcher Phase Ihres Unternehmertums sehen Sie sich, was beschäftigt Sie zwölf Jahre nach dem Start?

Gegen behördenhafte Organisationsformen in der Firma anzustürmen und für Fitness zu sorgen. Jeden Tag und immer im Spagat zwischen Möglichkeiten und Realitäten.

Sind große Brillenfilialisten für Sie eine Konkurrenz oder eher ein potenzieller Vertriebsweg?


Kein Vertriebsweg. Günther Fielmann kauft meine Kunst – er hat so eine Art Bild von mir gekauft – aber keine Brillen. Und der Fielmann am Alexanderplatz ist keine Konkurrenz zu unserem Laden in der Max-Beer-Straße 17, dessen Öffnungszeiten montags bis samstags 11 bis 20 Uhr sind.

Zum Schluss geben Sie jungen Unternehmern bitte einen Rat. Sie haben doch einigen Durchblick.


„Icke und er“ haben recht: „Mach et einfach.“ Dazu die alte chinesische Weisheit: Traue keinem Experten, sondern mache dich selbst dazu. Keine Ahnung von etwas zu haben, ist die beste (einzige?!) Qualifikation, etwas Neues zu beginnen. Und den Philosophen Karl R. Popper lesen, ist immer richtig. Und für den Durchblick: immer, immer, immer „ic!Berlin“ tragen!

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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