Zeitung Heute : Dein Name sei Amerika

Die USA könnten heute auch „Vereinigte Staaten von Heiligkreuzland“ heißen. Ein deutscher Kartograph hat das 1507 verhindert – und sich für den Namen eines italienischen Bestsellerautoren entschieden. Wie der Taufschein Amerikas entstand.

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Von Andreas Austilat Sie ist zwei Meter 28 breit und einen Meter 25 hoch, doch die Größe allein rechtfertigte noch nicht den exorbitanten Preis. Einst soll es 1000 Stück von dieser ganz besonderen Weltkarte gegeben haben, durchaus möglich also, dass irgendwo, in einer Bibliothek, einem Speicher, einem Keller noch eine vergessen wurde. Es wäre ein glücklicher Tag im Leben des Finders: Das einzige heute bekannte Exemplar der so genannten Waldseemüller-Karte war der amerikanischen Nationalbibliothek Library of Congress in Washington vor sechs Jahren zehn Millionen Dollar und einigen Ärger wert. Denn eigentlich war das gute Stück unter der Nummer 01301 als unveräußerliches deutsches Kulturgut registriert.

Die Fürsprache von zwei Kanzlern, erst Kohl, dann Schröder, war nötig, damit die Karte aus dem Besitz des klammen Fürsten zu Waldburg-Wolfegg außer Landes verkauft werden durfte, gewissermaßen als verspäteter Dank für die gewährte deutsche Einheit. Die Hartnäckigkeit der amerikanischen Käufer, die erst nach langem Tauziehen und für viel Geld an das begehrte Stück kamen, war verständlich. Denn die Karte, die vor 500 Jahren, am 25. April 1507, die Druckerei verließ, ist für sie das drittwichtigste Papier überhaupt, gleich nach der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung der USA. Sie verdankt diese Bedeutung einem Wort, das der Kartograph Martin Waldseemüller aus Freiburg im Breisgau damals auf einem langgestreckten Stück Land am linken Rand platzierte: America. Wegen dieses Wortes gilt Waldseemüllers Werk als der Taufschein des Kontinents, der auch den USA den Namen gab.

America. Es hätte auch anders kommen können. Schlicht „Festland“ zum Beispiel, lateinisch Terra Firma, so hieß der Kontinent noch lange in der spanischen Welt. Oder Terra dos Papageios, wie hätte das zu den Vereinigten Staaten gepasst? Indias Occidental und Santa Cruz also Heiligkreuz waren ebenfalls ernstzunehmende Vorschläge. Waldseemüller, 33 Jahre alt, und sein Partner, der noch ein paar Jahre jüngere Matthias Ringmann, entschieden anders.

Die beiden gaben 1507 ein ganzes Medienpaket heraus. Die große Karte wurde ergänzt durch eine Art Bastelsatz, eine kleinere Karte, deren zwölf Segmente zusammengefügt einen Globus ergaben. Auch diese Segmentkarte ist heute Rarität, nur vier Exemplare sind bekannt, eines in den USA, eines in der Bayrischen Staatsbibliothek, das dritte wurde in der Historischen Bibliothek in Offenburg am Rande des Schwarzwaldes 1993 beim Aufräumen entdeckt, restauriert und dort gerade erst in einer Ausstellung gezeigt. Der Fund animierte die Schatzsucher und prompt tauchte eine vierte auf, die vor anderthalb Jahren bei Christie’s in London für 812 000 Euro versteigert wurde.

Zusammen mit beiden Karten veröffentlichten Waldseemüller und Ringmann in der Druckerei der lothringischen Kleinstadt Saint-Dié 1507 ein Buch, die „Cosmographiae Introductio“, eine Einführung in die neue Weltkunde des eben erst angebrochenen Zeitalters der Entdeckungen. In dieser „Introductio“ begründen die beiden ihre Namenswahl. Sie bezeichnen den italienischen Seefahrer Amerigo Vespucci ausdrücklich als den Entdecker einer neuen Welt, „den man, da Americus ihn gefunden, die Erde des Americus oder America von heute an nennen könnte“.

Schon bald sollte dagegen einer aufbegehren, der es besser wusste: Bartolomé de Las Casas, einer der ersten Bischöfe der neuen Welt. America, was soll denn das, wenn schon, dann Columbia, war es doch Kolumbus, dem die Ehre des Entdeckers gebührt. Vergeblich, der Name America war in der Welt und sollte sich durchsetzen. Was zwei Fragen aufwirft. Wer ist dieser Amerigo Vespucci? Und wie kommen zwei Kerle in der lothringischen Provinz dazu, solch einen Namen zu vergeben? Die Antwort auf diese Fragen ist bezeichnend für die Wirkungsmacht eines damals neuen Mediums: des gedruckten Wortes.

Um 1440 erfand Johannes Gutenberg in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Lettern. 1480 gab es die erste Buchmesse in Frankfurt. 1503 erschien in Paris und Florenz „Mundus Novus“, die „Neue Welt“, eine Art offener Brief des Amerigo Vespucci an seinen Chef, Lorenzo de Medici, vom Florentiner Handelshaus Medici. Vespucci war über Jahrzehnte eine Art Bankangestellter, zuletzt in Sevilla, der spanischen Filiale des italienischen Mutterhauses. Erst mit 45 Jahren nahm sein Leben eine überraschende Wende. Vespucci wurde Seefahrer.

Der Buchmarkt jener Zeit kannte vor allem ein Thema: Religion. Berichte von den Entdeckungen jenseits der Ozeane waren noch rar, allein der so genannte Kolumbusbrief erreichte eine nennenswerte Auflage, wie die österreichische Historikerin Renate Pieper in ihrem Buch „Die Vermittlung einer Neuen Welt“ darlegt. Doch das Thema der legendären Fahrt von 1492 stieß zehn Jahre später beim Publikum nur noch auf geringes Interesse, den hübschen Beschreibungen vom aufgefunden Paradies folgte nichts handfest Neues. Da erschien der Bericht des Vespucci und schlug alles bisher Dagewesene. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts erschienen 50 verschiedene Editionen, darunter zehn allein in Deutschland.

Da drüben liegt eine neue Welt, erfuhr das staunende Publikum, keine unbekannte Seite Asiens, wie Kolumbus immer noch behauptete. Und für jeden Leser ist bei Vespucci etwas dabei. Humanisten sahen paradiesische Zustände in einer Welt, die keine Hierarchien kennt, und kein Eigentum, in der die Menschen in einer Art Urkommunismus leben. Der Engländer Thomas Morus sollte sich 1517 in seiner „Utopia“ ausdrücklich auf Vespucci berufen. Möchtegernentdecker erfuhren von Stürmen auf hoher See, die der Ich-Erzähler selbst durchlitt, von fremdem Getier und exotischen Menschen, die sich gern auch mal gegenseitig verspeisten. Andere schätzten jene Passagen, in denen von schwellenden Geschlechtsteilen und nackten, wollüstigen Frauen mit „schönen und sauberen Körpern“ die Rede war, in denen jeder heiratete so oft er mochte, „und der Sohn schläft mit der Mutter und der Bruder mit der Schwester; und der Erste mit der Ersten; und der Entgegenkommende mit der Entgegenkommenden.“ Kurz: In „Mundus Novus“, in der neuen Welt, treibt’s jede mit jedem. Das war der Stoff für eine literarische Sensation auf dem noch jungen Buchmarkt.

Ungeachtet des frühen literarischen Erfolgs sollte die Leistung des Amerigo Vespucci später eine neue Bewertung erfahren. Denn während Kolumbus am Ende seine Lebens gering geschätzt und erst posthum rehabilitiert wurde, schließlich zu jenem Mann aufstieg, der mutig gegen die vorherrschende Lehrmeinung ansegelte, büßte Vespuccis Name seit dem 18. Jahrhundert stetig an Renommee ein. „Befremdlich, dass ganz Amerika den Namen eines Diebes tragen muss, (…) dessen höchster Marinerang der eines Bootsmannsmaates war, in einer Expedition, die niemals segelte“, schrieb 1856 der US-amerikanische Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson.

Schließlich wurde bestritten, dass Vespucci die vier Fahrten in die neue Welt, zwei für Spanien und zwei für Portugal, von denen er selbst berichtete, überhaupt unternommen hatte. Gerade zwei Reisen werden ihm heute nach gängiger Lehrmeinung zugebilligt. Und die nicht als Kapitän, sondern vielmehr als eine Art Passagier. Selbst die Autorenschaft des Mundus Novus sprach man ihm ab, er sei lediglich der Verfasser einiger Briefe gewesen, aus denen geschickte Verleger einen Bestseller strickten.

Sind also Waldseemüller und Ringmann einem Hochstapler aufgesessen? Tatsächlich verließen sie ihre Studierstube kaum. Anders etwa als Juan de la Cosa. Der spanische Kartograph riskierte für seine Weltkarte Leib und Leben, das er schließlich im südamerikanischen Dschungel verlor – de la Cosa wurde von einem Giftpfeil tödlich getroffen. Oder Alberto Cantino: Der Agent des Herzogs d’Este aus dem italienischen Ferrara trieb sich in spanischen Hafenspelunken herum, um Seeleute auszuhorchen. Schließlich brach er sogar in das kartographische Amt der portugiesischen Krone ein, um eine geheime Weltkarte zu kopieren.

Waldseemüller bekam das alles frei Haus, die Cantino-Karte, vielleicht auch die Karte de la Cosas, auch die Berichte Vespuccis. Sein Mäzen, René Herzog von Lothringen, ließ sie ihm beschaffen. Der Kartograph komponierte daraus eine Sensation. Denn noch war nicht gewiss, dass es sich bei der Entdeckung im Westen wirklich um einen Kontinent handelte. Und nie zuvor hatte jemand den Pazifischen Ozean gezeichnet. Verblüffend für heutige Betrachter sind die Rocky Mountains, Waldseemüller zeichnete die Berge ein, ohne von ihrer Existenz gewusst haben zu können. Natürlich fiel der amerikanische Kontinent ein wenig schmal aus, aber bis zur Erforschung der Westküste vergingen noch Jahrzehnte.

Um eine entscheidende Frage mogelte sich der Freiburger in lothringischen Diensten herum: Gibt es eine Passage, die den Kontinent teilt? In der großen Karte entschied sich Waldseemüller für einen solchen Kanal. Nur die Südhälfte nannte er America. In der kleineren Vignette am oberen Rand fehlt diese Durchfahrt.

Einen großen Irrtum erkannte Waldseemüller schon bald. Der Name America tauchte auf seiner nächsten Weltkarte 1513 nicht mehr auf. Weil sein Partner Matthias Ringmann inzwischen verstorben war, gibt es Forscher, die die Namensidee Ringmann zuschreiben. Waldseemüller verwandte von nun an den Begriff Terra Firma und fügte in seine neue Karte den Hinweis ein, dass der Genuese Christoph Kolumbus den Kontinent für die spanische Krone entdeckt hatte.

Vespucci konnte für all das nichts. Und so widerfuhr ihm auch Unrecht, als man ihm später seine Verdienste absprach, ihn zum Dieb abstempelte, der einen Konkurrenten ausgestochen hatte. Im Gegenteil, der war ihm gut bekannt. Die Medici-Filiale in Sevilla hatte immerhin Kolumbus’ erste Reise mitfinanziert, und Vespucci dürfte bei den Verhandlungen zugegen gewesen sein. In einem Brief an seinen Sohn bezeichnete Kolumbus Vespucci denn auch als einen ihm freundlich gesonnenen, rechtschaffenen Mann. Doch selbst diese Fürsprache nutzte ihm für sein Ansehen in der Nachwelt erst einmal wenig.

Der Schriftsteller Stefan Zweig versuchte 1940 als einer der ersten mit seinem Essay „Amerigo, die Geschichte eines historischen Irrtums“ den Florentiner zu rehabilitieren, wenigstens zwei seiner vier Reisen als gesichert anzuerkennen.

Noch weiter ging jüngst Robert Wallisch, Lektor für Latein an der Universität Wien und Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wallisch legt in einer sprachvergleichenden Studie überzeugend dar, dass der Mundus Novus wohl von Amerigo Vespucci verfasst wurde, zumindest aber stark auf dessen Berichten fußt. Für ihn ist Vespucci der Urheber einer neuen literarischen Gattung, die direkt zu Daniel Defoe, Robert Louis Stevenson und Joseph Conrad führt. Das allein schon prädestiniere den Italiener dazu, die authentische Stimme einer neuen Zeit und einer neuen Welt zu werden. Vor allem aber hat Wallisch keinen Zweifel, dass Vespucci die von ihm beschriebenen Reisen unternommen hat. Immerhin sind seine Berichte zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden. Es wäre den Zeitgenossen ein leichtes gewesen, ihn der Lüge zu überführen.

Und auch für den zuweilen großspurigen Ton Vespuccis, den ihm die Nachwelt bis in die heutige Zeit übel ankreidete, hat Wallisch Verständnis. Vespucci tat nicht nur so, wahrscheinlich hatte er wirklich als einziger an Bord Ahnung von Navigation. Dazu muss man die Hierarchie auf portugiesischen Schiffen kennen: An der Spitze stand der Kapitän, der kommandierte und sonst nichts. An seiner Seite hatte er den Piloten, der ihn wie ein Lotse leitete. Das war pures Handwerk, portugiesische Piloten konnten einen Stern anpeilen oder ihren Portolanen folgen, detaillierten Segelanweisungen mit Hinweisen wie „am roten Felsen rechts halten“. Vespucci aber hatte nach seiner Bankkarriere im fortgeschrittenen Alter Astronomie studiert, war ein Spezialist, den die Portugiesen nicht aus Jux anheuerten, sondern für viel Geld von den Spaniern abwarben.

Wahrscheinlich war er der Einzige an Bord der Expedition Gonçalo Coelhos, mit der die Portugiesen ihr neuentdecktes Terrain in Brasilien erkundeten, der überhaupt in der Lage war, eine Längengrad-Bestimmung vorzunehmen, eine mit den damaligen Mitteln außerordentlich komplizierte Aufgabe. Unter all den Matrosen, Hasardeuren, Glücksrittern musste der 50-Jährige, der in diesem damals doch schon fortgeschrittenen Alter eine Reise ins Ungewisse wagte, wirken wie Mr. Spock an Bord des Fernsehraumschiffs Enterprise: Ein sehr kluger Wissenschaftsoffizier, aber eben auch ein Fremdkörper, wie Wallisch glaubt. Die Tatsache, dass die Spanier Vespucci anschließend ihrerseits wieder anwarben, um ihn zum Piloto Mayor, zum obersten Navigator der Casa de la Contración in Sevilla zu machen, jener Behörde, in der das nautische Wissen Spaniens bewahrt wurde, spricht ebenfalls dagegen, dass Vespucci eine ahnungsloser Leichtmatrose war.

So war es also kein Fehler, sondern ziemlich klug von Waldseemüller und Ringmann, in ihre Edition der „Cosmographiae Introductio“ die lateinische Übersetzung der Beschreibung aller vier Reisen des Amerigo Vespucci aufzunehmen. Buch und Karte zusammen wurden ein Hit, das eine wegen seines abenteuerlichen Inhalts, das andere, weil nie zuvor jemand eine solche Karte in einer solchen Auflage in Druck gegeben hatte. Das Werk wurde unzählige Male kopiert. Niemand mehr konnte den Namen „Amerika“ zurückholen.

1538 brachte dann Gerhard Mercator, der bedeutendste Kartograph seiner Zeit, eine Weltkarte heraus, in der erstmals beide Hälften des Doppelkontinents als Amerika bezeichnet wurden. Vespucci war da schon über 20 Jahre tot, aber, wie Stefan Zweig es ausdrückt: Sein Name war für alle Zeiten in den Hafen der Unsterblichkeit eingelaufen.

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