• „Dein Rachenzäpfchen muss weich sein“ Motörhead? Madonna? Dylan? Wer dafür schwärmt, ist für die Oper nicht verloren.

Zeitung Heute : „Dein Rachenzäpfchen muss weich sein“ Motörhead? Madonna? Dylan? Wer dafür schwärmt, ist für die Oper nicht verloren.

Rolando Villazón hat drei Tipps, die selbst die härtesten Rockfans bekehren.

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Rolando Villazón, 33, wird derzeit gefeiert wie kein anderer junger Tenor. Gerade wurde der Mexikaner mit dem „Echo Klassik“ ausgezeichnet – zusammen mit Anna Netrebko, der umschwärmten Sopranistin. Villazón, der mit Frau und zwei Kindern in Paris lebt, singt am Dienstag in der Frankfurter Alten Oper.

Interview: Norbert Thomma und Axel Vornbäumen Guten Tag, die Herrn. Sie wollen bestimmt wissen, warum ich so gut singen kann. Also, mein erster Lehrer hat gesagt: Lerne ohne jedes Hilfsmittel zu singen. Vorher keinen Tomatensaft, kein Obst oder irgendeinen Spezialtee, von dem du abhängig wirst. Und dann passe ich auf meine Stimme auf, ich vermeide verrauchte Räume, Orte, an denen es laut ist, scharfes Essen, mexikanische Gerichte mit Chili sind Gift. War ein prima Interview, oder? Danke! Einen schönen Tag noch, ich gehe.

Halt, Herr Villazón! Eine einzige Frage nur. Haben Sie die Handynummer von Anna Netrebko?

Ja, die hätten Sie gerne, was? Hey!

Aus rein künstlerischem Interesse. Alle schwärmen von Netrebko, von ihrer Stimme und ihrer Schönheit, sogar die Diva Cecilia Bartoli tut das. Was, glauben Sie, gefällt ihr am besten an der Konkurrentin?

Hat sie das nicht verraten? Na gut, ich sage Ihnen, was mich an Anna beeindruckt: Alles! Einfach alles! Was meinte denn die Bartoli?

„Oh, Anna, sie ist so schön! Diese Beine, unglaublich! Ich habe noch nie so lange Beine gesehen!“

Ja, ja. Aber Anna ist mehr als Beine. Ihre Energie, diese Ausstrahlung – alles an ihr ist unglaublich. Auf der Bühne zählt schließlich nicht nur die Stimme, das gilt heute mehr denn je. Wir leben in einer sehr aufs Visuelle orientierten Welt. Man muss nicht unbedingt wie ein Model aussehen, aber es hilft ungemein. Andererseits: Auch Leute mit Übergewicht verlieben sich. Oder Leute mit dicken Augenbrauen. Schauen Sie mich an!

Kritiker vergleichen gern die Leistungen der Sänger. Und Sie? Spüren Sie selbst auf der Bühne: Heute ist meine Stimme nicht so in Form wie...

Ich messe mich nicht mit meinen Kollegen. Wenn die einen größeren Applaus bekommen – okay. Zweitens: Ja, es gibt Tage, an denen die Stimme besser oder schlechter ist. Das ist ganz natürlich. Es wirken so viele Faktoren auf dieses Instrument ein.

Können Sie sich an einen perfekten Tag erinnern?

Oh ja. Ich hatte einen richtig großen Abend, da war unser Kind tagsüber im Krankenhaus. Gott sei Dank nichts Ernstes. Ich war durch die Nachricht wie befreit und habe gesungen wie nie zuvor. Es muss das Adrenalin gewesen sein. Zu viel Entspannung schadet, Nervosität entzündet das Feuer.

Gibt es Tricks, mit denen Sie Ihre Stimme schützen?

Klar. Keine Interviews über 20 Minuten! So, vielen Dank. Da sind Sie jetzt geschockt, was? Nee, ich rede nicht viel in Flugzeugen und trinke dort sehr viel, meistens Wasser. Deshalb buche ich übrigens auch nie einen Fensterplatz, damit die Leute neben mir nicht dauernd aufstehen müssen, weil ich ständig zur Toilette gehe.

Können Sie uns diesen Satz erklären: „Die Stimme kommt nicht ohne mich aus und ich nicht ohne sie.“

Ja. Ich wollte damit sagen, dass ich den privaten Rolando nicht vom Künstler Rolando unterscheiden kann. Ich bin das Instrument. Alles in mir. Meine Finger, meine Brust, meine Augenbrauen!

Schon wieder die Augenbrauen. Damit können Sie sicherlich Frauen beeindrucken.

I can make them laugh. Verstehen Sie? L-A-U-G-H, nicht L-O-V-E. Ich bitte Sie, was kann man in der Liebe schon mit den Augenbrauen anfangen?

Stimmt’s, dass Sie am liebsten beim Duschen üben?

Nein. Der beste Platz ist die Bühne. Trotzdem: Ich hatte schon große Momente unter der Dusche.

Und in der Badewanne?

Dort nicht. Sitzen ist nicht gut fürs Singen. Und das warme Wasser einer Wanne entspannt zu sehr. Es ist die Dusche!

Da stehen Sie dann…

…und ich weiß, was jetzt kommt: der Netrebko-Traum! Sie soll mal gesagt haben, in ihren Träumen singe sie nackt. Unsinn! Ich glaube nicht, dass Sie das jemals so gesagt hat. Nein, singen unter der Dusche hat auch etwas mit Freiheit zu tun, mit Sauberkeit, man ist dabei, sich zu reinigen, alle Poren öffnen sich, das Innerste öffnet sich.

Können Sie sich vorstellen, nackt auf der Bühne zu stehen?

Kein Problem. Es müsste nur Teil des Konzeptes sein, der Aufführung dienen. Wenn es lediglich einen Skandal provozieren soll, dann nicht. Ich gehe jetzt im Geiste mal die Opern durch, und da finde ich nichts, was nackt zu spielen wäre. Übrigens, mich auf der Bühne nackt zu sehen, lohnt nicht so sehr. Außerdem waren wir in Los Angeles bei Romeo und Julia immerhin fast nackt.

Ihr Schamgefühl würde nicht sagen: Halt!

Auf der Bühne? Nein. Da kann ich alles tun. Ich fühle mich frei. Als Romeo in Los Angeles habe ich mich auch mit meinem kleinen Bäuchlein präsentiert. Ich meine, in L.A.! Dort, wo die Schönen den ganzen Tag am Strand ihren Körper trimmen.

Auf der Bühne sind Sie Romeo, nicht Ronaldo.

Das ist es! Sie haben es begriffen! Und noch etwas: Es geht da schließlich um eine Bettszene, es geht um Zärtlichkeit, um Liebe. Da kann ich nicht im Wintermantel auftreten. In L.A. gab es übrigens eine lustige Anekdote dazu. Soll ich erzählen?

Nur zu.

Einer aus dem Publikum hat sich nachher am Telefon beschwert, das sei ein Soft-Porno in der Oper gewesen. Die Sopranistin habe ihre Möpse gezeigt und der Tenor sein behaartes Hinterteil. Der Mann von der Oper erklärt ihm in aller Höflichkeit, der Anrufer liege falsch. Beide Sänger seien bedeckt gewesen und hätten nur perfekt gespielt. Der Zuschauer: Nein, es war abstoßend, Busen, Hintern! Ich hatte ein gutes Opernglas dabei! Super, oder? Da sabbert ein Voyeur und schreit nachher: Schrecklich, nie wieder!

Schon mal einen Albtraum gehabt, die Stimme könnte morgens beim Aufwachen weg sein?

Nein, aber ich habe einen anderen. In diesem Traum stehe ich auf der Bühne, der Dirigent hebt den Taktstock, ich will Verdi singen – und das Orchester spielt Mozart.

Schon mal den Text vergessen?

Sehr, sehr selten. Ich blubbere dann ein bisschen über die Schwachstellen weg. Das merkt fast keiner. Wichtig ist, schnell zu improvisieren. Mit jedem Gedanken verkrampft man total.

Herr Villazón, welche Oper sollte jeder Mensch unbedingt einmal gehört haben?

Oh je, da muss ich lange nachdenken. „La Bohème“, „Carmen“, „Tosca“ – das sind so Opern für Einsteiger, aber die Oper… Mann, das ist schwer.

Leichtere Frage: Welche Oper hat Sie am meisten beeindruckt?

Die „Walküre“. Ich war immer skeptisch, was Richard Wagner angeht. Als ich mir in Amsterdam mal „Walküre“ anschaute, wusste ich vorher fast nichts von der Geschichte und wenig von der Musik. Es war wie eine Revolution für mich. In diesen fünf Stunden weinte ich, dachte über mein Leben nach, über meine Kinder, meine Familie, über die ganze Welt und weinte. Obwohl die Untertitel holländisch waren und der Gesang deutsch. Es war die Musik! Fantastisch.

Verraten Sie uns drei CDs, mit denen Sie Heavy- Metal-Fans zur Oper bekehren.

Cecilia Bartoli, das Vivaldi-Album. Was für eine Power! Da können sie jede Rockband wegschmeißen! Zweitens die Songs of Love von Placido Domingo. Die leichte Lyrik verbunden mit der Schönheit von Domingos Stimme, das ist es. Darf ich drittens zurückstellen?

Bitte. Die größten Chöre der Welt singen in Fußballstadien – auch Opernmelodien. Haben Sie da je mitgesungen?

Na sicher, in Mexiko. Wobei, dort wird weniger gesungen, sondern gebrüllt, üble Wörter, um den Gegner niederzumachen. Leider nichts, was man abdrucken könnte.

2006 ist Fußball-WM und Mexiko ist dabei. Reizt es Sie, vor den Spielen die Hymne zu singen?

Das wäre Wahnsinn. Am besten beim Finale Mexiko gegen Deutschland, und wir gewinnen 3:1. Keine Panik, war ein Witz! Unsere Hymne ist musikalisch ganz schön, eine Spur zu gewalttätig im Text, sehr kriegerisch.

Luciano Pavarotti sagte mal, wenn er das Hohe C singen müsse, fühle er sich wie ein Hochspringer, bei dem die Latte auf Weltrekord liegt.

In der Welt der Tenöre ist das immer ein Thema, wie hoch kommt einer? Mir ist das egal, total egal. Ich bin kein Bergsteiger, der mit einer heraushängenden Zunge einen neuen Gipfel besteigt, das reizt mich nicht. Es geht nicht darum, einzelne Töne richtig zu singen, das ist zu oberflächlich, ich bin kein Athlet, sondern Künstler, ich trete nicht bei den Olympischen Spielen an, sondern auf der Bühne. Opernkostüme sehen bisweilen eigenartig aus. Ich bin in „Don Carlos“ aufgetreten und sah wirklich lustig aus, so orientalische Pumphosen, aber es passte zum Charakter der Figur. Privat würde ich so nicht rumlaufen. Doch auf der Bühne darf meine Eitelkeit keine Rolle spielen.

Sie sind hart im Nehmen.

Nicht immer. Die kamen schon mit so absurden Ideen wie: Wir haben hier eine schöne Perücke mit blonden, langen Haaren für dich. Ich sagte: Was!?! Bei diesen riesigen, schwarzen Augenbrauen! Eines geht nun überhaupt nicht, dass ich auf die Bühne komme und das Publikum schlägt sich auf die Schenkel vor Lachen.

Der lustigste Moment in der Oper?

Oper bewegt sich auf einem schmalen Grat, eine Szene kann unglaublich berührend sein – oder komplett albern. Nur eine kleine Bewegung zu viel, eine winzige, theatralische Übertreibung… Deshalb ist das Schauspielern so wichtig geworden. Das ist die schlimmste Katastrophe: wenn ein ernster Moment ins Absurde kippt, wenn die Sopranistin ihr Leben aushaucht und alle sollten weinen und alle kichern…

Und wenn es passiert?

Sicher, es gibt immer wieder was zu lachen. Ich habe gerade in Paris „La Bohème“ gesungen, da essen wir während des Stücks auf der Bühne, zweiter Akt, und ich sollte singen „Sappi per tuo governo“, aber ich hatte ein Stück Hühnchen hinten in der Gurgel hängen. Ich fing an zu singen, und es klang, als würde man eine bellende Hyäne erwürgen. Ich schluckte, ich lachte, die anderen Sänger lachten, das Publikum auch… Als ob alle besoffen wären, es war wundervoll.

In italienischer Sprache klingt das schön, in der Komischen Oper Berlin singt in „La Bohème“ einer auf Deutsch: „Ich glaub’, mich zwickt die Leber.“ Um Himmelswillen! Herr Villazón…

…verzeihen Sie mein Gelächter, aber so hört sich das nicht gut an. Man sollte Opern nicht übersetzen, so sehr man sich mit dem Übertragen Mühe gibt. Ich würde das nie singen, nein. Der Komponist macht die Musik für den Originaltext, er nutzt die Musikalität der Sprache, die Worte fügt er mit den Noten zusammen.

Sie sprechen Spanisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch. Wo immer Sie singen, Sie können die Kritiken lesen…

…und wenn sie gut sind, tue ich das mit Vergnügen. Kritiken sind wichtig, aber ich wäge sie ab, denn es gibt Zeiten, wo sie mich in den Himmel loben, und auf einmal ist es Mode, Steine nach mir zu werfen. Lob ist schön, aber ich muss mich neben mich stellen und sagen: Glaub nicht alles, was da steht! Sei dein härtester Kritiker selbst. Sei streng zu dir!

Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Villazóns Unterkiefer müsste einen Tick beweglicher sein.“

Oh ja, dieser Kritiker versteht etwas vom Singen. Beim Singen kommt so vieles zusammen, du musst dein Zwerchfell kontrollieren, die Zunge soll unten sein, das Rachenzäpfchen muss oben sein, um Raum zu geben, das Kinn muss entspannt sein, die Ohren müssen sauber sein, höhö… Ich will gar nicht daran denken. Ich singe. Ich achte darauf, dass der Sound frei fließen kann. Dieser Kritiker würde sagen: Ja, es fließt, wenn du darauf und darauf achtest… Hilfe, da werde ich wahnsinnig! Ja, ich singe manchmal mit der Zunge an der falschen Stelle, dann sage ich mir: Dein Rachenzäpfchen muss weich sein – und es klingt grauenhaft. Ich respektiere die Meinung der Kritik. Aber vielleicht habe ich mich an diesem Abend mit einem festen Unterkiefer wohl gefühlt, wer weiß? Verstehen Sie, ich suche nicht bewusst nach Schönheit oder Musikalität – beides sind lediglich Konsequenzen aus der Kraft und dem Charakter einer Rolle. Dann wirkt es natürlich, beiläufig, selbstverständlich. Sie sollen nicht von der Flexibilität meines Zwerchfells schwärmen, mein Gesang soll sie überwältigen. Es gibt Gemälde, die mich umhauen, obwohl ich keine Ahnung von Malerei habe, und wenn ich vor dem Gemälde stehe, frage ich mich doch nicht, welche chemische Zusammensetzung die Farben haben, wie ein Lichteffekt technisch gemacht wurde.

Anna Netrebko sagte, sie habe in der Oper „Don Giovanni“ versucht, „einen Orgasmus zu singen“…

…und Sie wollen von mir wissen, wie das funktioniert? Es ist ein Bild von äußerster Entrücktheit! Einen Orgasmus singen meint, sich selbst vergessen – diese Art von großen Gefühlen will jeder Künstler erzeugen. Auch wenn Sie so heftig niesen müssen, dass es Sie beinahe zerreißt, kann das eine orgiastische Erfahrung sein. Bitte verstehen Sie das nicht falsch: Das sind nicht die Orgasmen, die ich in erster Linie suche. Nachher fragen sich Ihre Leser: Was macht der Kerl im Bett?

In „La Traviata“ singen Sie nicht nur mit Netrebko zusammen, sie beide, schrieb der „Stern“ über die Salzburger Aufführung, „balgen wie junge Hunde“.

Mit Vergnügen. Das gehört dazu. Dabei geschah etwas Ungeplantes. Zwei Männer sollten Anna auf den Schultern auf mich zutragen, und ich sah schon, wie der eine davon ins Stolpern kommt, er strauchelt und strauchelt, die beiden fielen hin, nur Anna landete auf den Füßen. Ich habe mich zur Seite gedreht und ein wenig in mich hineingelacht, und dann ging es weiter. Auch das ist großartig, weil es einmalig ist!

Beim Duett kommen sie sich sehr nahe.

Da hört der Spaß auf: Zwiebeln! Bitte, Anna, iss keine Spaghetti mit Knoblauch oder Zwiebeln. Das passt ja nicht zusammen: Oh, du Schöne, ich bin verzweifelt in meiner Liebe zu Dir, aber – uuuaaah – du stinkst wie eine Riesenportion Gambas mit Knoblauch!! Übrigens, jetzt hab ich die dritte CD, mit der ich Hip-Hop-Fans zur Klassik bekehre...

Und? Welche ist es?

Bryn Terfel, ein walisischer Bassbariton. Wenn der Händel singt, aber hallo! Das rockt.

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