Zeitung Heute : Dem Auge Beine machen

Der Tagesspiegel

Von Anja Kühne

Seit seiner Kindheit hat Igor Stenzel die Stimme gehört: Wann immer er eines seiner vielen Fachbücher für das Jurastudium aufschlug, fing ein kleiner Mann in seinem Kopf an, den Text zu flüstern - zwar unhörbar für die umsitzenden Kommilitonen in der Bibliothek, aber deswegen nicht weniger lästig für den Jurastudenten. Der Souffleur im Hirn soll endlich schweigen, wünschte sich Igor, und buchte einen Kurs für besseres Lesen an der Freien Universität Berlin.

Denn das Brabbeln im Bewusstsein, das „stille Vokalisieren", gehört zu den schlechten Gewohnheiten der meisten Leser, meinen Fachleute für Lesetechniken. Es ist nicht nur nervtötend, sondern verlangsamt auch das Tempo. In der Minute denke der Durchschnittsbürger 800 bis 1200 Wörter. Doch in der gleichen Zeit schaffe er nur, 220 Wörter zu lesen . „Wegen der Langsamkeit schweifen die Gedanken vom Text ab", meint Lars Pedersen, auf Einladung des „Career Services" der Uni und der „Arbeitsstelle für interkulturelle Publizistik" für zwei Tage der Leselehrer von Igor Stenzel und acht anderen Frustrierten.

Die meisten Menschen lesen zu langsam, verstehen und behalten zu wenig, meint Pedersen. Das Programm, mit dem er den Lesern Beine machen will, heißt „Improved Reading", stammt wie er selbst aus Australien und wird nach Auskunft des Veranstalters seit 30 Jahren und in nunmehr 16 Ländern unterrichtet. Es handelt sich nicht um völlig neue Methoden, sondern um eine besonders sinnvolle Mischung, wie Pedersen sagt. Unterrichtssprache ist Englisch.

Die große Stoppuhr

Damit die Teilnehmer seines Wochenendseminars in Berlin wirklich verstehen, dass es auch anders geht, wirft Pedersen mit einem Projektor Wörter an die Wand und lässt sie im Bruchteil einer Sekunde verschwinden. Überraschenderweise kann jeder im Kurs die Schrift trotzdem noch erkennen und verstehen. Das Auge braucht also viel weniger Zeit, als ihm die Leser üblicherweise geben. Pedersen stellt eine große Stoppuhr vor seine Schüler. Von jetzt an geht es um Tempo. Das Ziel des Kurses: Die Lesegeschwindigkeit eines jeden mindestens zu verdoppeln: „Üblich ist aber eine dreieinhalbfache Steigerung", sagt Pedersen. Wer einen Fachtext zu 100 Prozent verstehen will, soll nach dem Unterricht 250 Wörter pro Minute schaffen. Beim Zeitunglesen sollen es aber schon 600 bis 700 Wörter sein.

So rasen Igor Stenzel und seine Mitstreiter durch drei Artikel, zwei Romane, durch Listen von Zahlen und Silben. Für den Anfänger besseren Lesens entsteht dabei zunächst der Eindruck, in einem Strudel von Wörtern mitgerissen zu werden. Was die flüsterne Stimme im Kopf sagen will, ist nicht mehr zu verstehen, ein Klangteppich rauscht aus ihrem Mund. Pedersen will, dass die Teilnehmer nicht mehr länger wie Grundschüler lesen, nämlich Wort für Wort und erst dann alles zusammen. Etwa: erst „on", dann „the", dann „table", und dann gemeinsam: „on the table". Der geschulte Leser liest anders: nur in eine Richtung - nämlich stramm geradeaus. Mit diesem vorwärtstrebenden Blick soll er dann nicht mehr einzelne Begriffe, sondern größere Sinneinheiten aus mehreren Wörtern erfassen. Das ist leicht möglich, weil nur 49 Wörter der englischen Sprache 50 Prozent aller gedruckten Wörter ausmachen, wie der Leseexperte sagt.

Um das Auge zu noch mehr Eile zu zwingen, hat er einen „Lesebeschleuniger" mitgebracht, eine durchsichtige DIN-A-4-Scheibe, die seine Schüler über ihr Buch legen müssen. Unbarmherzig senkt sich von oben ein Balken mechanisch über die Zeilen, der jedes Ausruhen auf einzelnen Wörtern verhindert. „Wem das Buch noch Spaß macht, der liest deutlich zu langsam", sagt Pedersen.

Nach dem ersten Seminartag staunen die Teilnehmer über ihre Fortschritte - und sind zugleich skeptisch: Die „effective reading rate", jene für die Steigerung maßgebende Größe aus Geschwindigkeit und Verständnis, ist tatsächlich bei allen beachtlich gestiegen. Aber warum? Einige Stücke werden bis zu vier oder fünf Mal gelesen - kein Wunder also, dass es immer schneller geht. Nach Ende des Kurses hat sich die Skepsis jedoch verzogen: Die Teilnehmer haben ihre Leseeffizienz im Durchschnitt um das Vierfache erhöht. Und die Stimme in Igor Stenzels Kopf? „Die ist weg“, sagt er.

Mehr zum Thema im Internet:

www.fu-berlin.de/akip/lesen.html und www.angelfire.com/nb/improvedreading .

Nächster Kurs für Mitarbeiter (250 Euro) und Studenten (150 Euro) Berliner Hochschulen: 22. oder 23. März. Mehr unter 838 70 822.

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