Zeitung Heute : Dem Auto eine Heimat geben

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Was sein Auto angeht, ist der Neuberliner Animist. Ein Animist ist jemand, der glaubt, dass unbelebte Dinge eine Seele haben. Der Neuberliner glaubt an die Seele seines Autos, weil er enormen Respekt hat vor den Kräften, die im Straßenverkehr wirken. Diesen Kräften kann man mit Vernunft allein nicht beikommen.

Als er vor vier Jahren einen Saab 9000 (Baujahr 1986) erstand, wurde dieser zunächst getauft. Der Freundeskreis machte Vorschläge: Kalle Blomquist, Nils Holgersson, Olof Palme. Ein Saab ist ja Schwede. Und männlich, wie die Lebenspartnerin behauptet. Schließlich entschied man sich für den Namen Rasmus Lundström, angeblich ein schwedischer Fußballnationalspieler. Das hat sich gelohnt. In vier Jahren gab es keinen Unfall, und Rasmus brauchte nur eine neue Kupplung und eine Frontscheibe. Letztere nur, weil der Neuberliner so blöd war, ein Regal durch die Heckklappe ins Auto zu schieben bis es vorne wieder herauskam. Nach dem Umzug in die große Stadt durfte Rasmus zunächst das süddeutsche Kennzeichen behalten. Er sollte sich akklimatisieren. Strafzettel erreichten den Neuberliner bequem per Nachsendeauftrag.

Am ersten Urlaubstag meint die Lebenspartnerin, Rasmus müsse ein Berliner Kennzeichen erhalten. Er solle endlich Berliner werden. Also fahren sie nach Lichtenberg zur Kfz-Meldestelle. Sie sind 30 Minuten vor Dienstschluss da. Weil niemand mit Wartezeiten unter zwei Stunden rechnet, gibt es eine halbe Stunde vor Schluss gar keine Wartezeit. Der Neuberliner spendiert zehn Euro Aufpreis für ein Wunschkennzeichen mit den Buchstaben RL. Die Nummer wird nach zahlenmagischen Richtlinien ausgesucht. Neuberliner und Lebenspartnerin wundern sich, dass die meisten Schildermacher russischer oder polnischer Abstammung sind. Sie wählen einen Russen, der freundlich beim Absägen der eingerosteten Altschilder hilft. Der Neuberliner freut sich, dass der Russe ohne Aufpreis ein orthodoxes Kreuz schlägt. Die Lebenspartnerin zieht eine Augenbraue hoch. Auf der Heimfahrt meint sie, man müsse Rasmus Lundström vor der Urlaubsreise noch eine Inspektion gönnen.

Ferdinand-Schultze-Straße 55, Lichtenberg; Jüterboger Straße 3, Kreuzberg; Tel. 902690; Mo.-Mi. 7.30-14.30, Do. 8-18, Fr. 7.30-12 Uhr.

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