Zeitung Heute : Dem Fritz sein Denkmal

Am Samstag wird die Welt nach Kaiserslautern schauen, in der Gruppe E treten dort die USA gegen Italien an. Nur acht Kilometer entfernt erlebt der Ort Enkenbach-Alsenborn seinen größten Tag: die Enthüllung einer Fritz-Walter-Statue.

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Bei 48 WM-Spielen will Franz Beckenbauer live dabei sein. Dem Handlungsreisenden in Sachen „Gute-Laune-Deutschland“ steht dafür ein Helikopter zur Verfügung. Wie sonst will der Mann so ein Pensum schaffen? Kommenden Samstag wird sein Hubschrauber auch in der Pfälzer Provinz landen. Wie es sich für einen Ex-Kicker gehört, auf einem Sportplatz im Dorf Alsenborn. Beckenbauer ist einer von 400 geladenen Gästen zur feierlichen Enthüllung der „Fritz-Walter-Statue“. Fünf Stunden vor Anpfiff der Partie Italien gegen USA im unweit gelegenen Kaiserslautern steht die komplette Führungscrew des DFB genauso Gewehr bei Fuß wie die Alt-Internationalen Andy Brehme, Uwe Seeler, Tom Dooley, Hannes Bongartz und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck mit Entourage. Alle kommen, weil sie wissen: Ohne Walter und seine sagenumwobene 54er-Weltmeisterelf hätte es den Fußballboom in Deutschland so nie gegeben, geschweige denn ein Ereignis wie die WM von derart fundamentaler gesellschaftlicher Bedeutung. Nur die Namen der „Helden von Bern“ fehlen auf der Gästeliste: Hans Schäfer hindert eine schwere Krankheit. Horst Eckel und Ottmar Walter bleiben wegen Erbstreitigkeiten mit dem Initiator der Veranstaltung, Bernd Lutzi, fern. Der Chef eines Steinverarbeitungbetriebs in Mehlingen war seit 1980 mit Italia und Fritz Walter aus Alsenborn befreundet. Das Ehepaar Lutzi übernahm die Pflege des greisen Fußballerpärchens in den letzten Jahren vor dessen Tod. Die Fürsorge belohnte die gezeichnete Legende, indem er Lutzi sämtliche Habseligkeiten und sein Wohnhaus von 1965 am Alsenborner Forst vererbte. Der machte was draus: Im Keller des Hauses fand er, in Kisten verpackt und Ordnern verstaubend, Memorabilia aus Walters Jahrhundertkarriere. Er begann, den maroden Bungalow zum Museum umzubauen. Im Mai 2004 eröffnete das „Fritz Walter Haus“, eine Art „Graceland“ für Fußballfans: die Einrichtung im quietschigen Look der frühen Siebziger, etwa Italias „roter Salon“ mit dem knalligen Fernseher aus Fritzens Repräsentantentätigkeit für einen TV-Hersteller. Der Schreibtisch voll mit Korrespondenz, so wie der Ehrenspielführer ihn vor seinem Tod verließ. Auf einem Stapel Zeitschriften liegt noch seine Brille. An den Wänden Wimpel und Erinnerungsfotos, eine Imitation des „Jules-Rimet-Cups“ oder ein Erinnerungsteller an den „Ehrenspielführer-Stammtisch“ mit Beckenbauer und Seeler. Lutzi: „Die Menschen sollen sich an ihn erinnern, weil er immer mit beiden Beinen am Boden geblieben ist.“ Der Vertrag, den Fritz Walter 1955 mit dem FCK machte, ein Jahr nach Gewinn des WM-Titels, garantierte ihm ein Monatssalär von 120 D-Mark. „So was vertelefonieren die Spieler heute an einem Tag“, schimpft der 64-jährige Museumsdirektor. Lutzi glaubt nicht, dass Walter noch Spaß am Trubel der gegenwärtigen WM gehabt hätte. „Und doch war es sein sehnlichster Wunsch, noch einmal ein WM-Spiel im Fritz-Walter-Stadion zu erleben.“ Doch nach dem Tod seiner geliebten Italia verließ den Fußballer der Lebenswille. Seinen FCK besuchte er wegen der dürftigen Leistungen schon seit Jahren nicht mehr. Lutzi schwarzhumorig: „Selbst wenn er es bis zur WM geschafft hätte – der erneute Abstieg hätte ihn sowieso umgebracht.“

Am Samstag jährt sich Walters Todestag zum vierten Mal. Fortan wird an der Eingangspforte der alte Fritz aus Natursandstein die Gäste des Museums begrüßen. Die Statue zeigt ihn im Augenblick seines größten Erfolgs: versonnen lächelnd mit dem Jules-Rimet-Cup in der rechten Hand und dem Medaillenkästchen links. Schließlich soll von dem Ruhm, den Franz Beckenbauer für seine WM einheimst, auch für die Lauterer Lichtgestalt etwas abfallen, findet jedenfalls Bernd Lutzi: „Beckenbauer hat die WM nach Deutschland geholt, der Fritz das Turnier nach Kaiserslautern. Aber wenn Franz gefragt wird, wer sein Idol ist, sagt er: Auf dem Bolzplatz war ich der Fritz Walter.“ Tim Jürgens

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