Dem großen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt zum 85. : Die Rede von der Musik

In Berlin geboren, aufgewachsen mit dem Jazz, angekommen beim späten Mozart: Für eine Hommage kehrt Nikolaus Harnoncourt zurück.

Lebensblick zurück: Nikolaus Harnoncourt.
Lebensblick zurück: Nikolaus Harnoncourt.Foto: Marco Borggreve

Wenn die Firma seines Vaters nicht Pleite gemacht hätte, wäre aus Nikolaus Harnoncourt vielleicht gar kein Grazer geworden. Seine ersten beiden Jahre verbrachte der 1929 Geborene in der Spichernstraße 17 – und ihn befällt noch heute dieses schwer zu beschreibene Gefühl, eigentlich in Berlin zu Hause zu sein. Vielleicht ist ihm deshalb eine so ganz unösterreichische Direktheit eigen. Zum Vater sagte schon der Siebenjährige überzeugt: „Höflichkeit ist eine Lüge.“ Und Lügen kann Nikolaus Harnoncourt überhaupt nicht ertragen. Sein beständiges Infragestellen unseres Wissens mag auch Züge von Ungeduld annehmen – und seine Musiker um Nachsicht bitten lassen. „Ich bin doch gar nicht ungeduldig, ich sehe nur so aus“, lautet die entwaffnende Antwort des hochgewachsenen Mannes am Dirigentenpult.

Aufgewachsen ist Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt in einem musikalischen Elternhaus. Kein Tag, an dem der Vater nicht am Klavier sitzend komponierte. Sein Onkel René, der nach Amerika ausgewandert war, schickte die neuesten Stücke seines Freundes George Gershwin über den Atlantik. Nikolaus hörte sie unter dem Flügel liegend, fasziniert. Diese frühe Prägung war der Grund, warum der gereifte Dirigent zum Erstaunen einer Klassikwelt, die in ihm nur den Protagonisten der sogenannten historischen Aufführungspraxis erkannte, „Porgy and Bess“ aufführte. Musikern erklärte er gerne, sie mögen sich vom Rubato Frank Sinatras inspirieren lassen.

„Fragt’s warum, bis ich sage: Ich weiß nicht.“

Alle Hilfsmittel wie Vergleiche, Gespräche, Anekdoten sind Harnoncourt willkommen. Denn die Noten geben für ihn nur unzulänglich wieder, was klingend Sprache werden soll. Wie hat man sie zur Entstehungszeit eines Stückes aufgeschrieben, wie gelesen? Noten bleiben immer Annäherungswerte, die dem Interpreten die intensive Arbeit nicht abnehmen können. In der Nachkriegszeit begegnete dem jungen Cellisten ein geballtes Streben nach musikalischer Schönheit, das mit Wahrheit nichts mehr zu tun hatte. Das war nicht die Welt von Nikolaus Harnoncourt, obwohl er noch lange zu ihr Kontakt hielt als Mitglied der Wiener Symphoniker.

Später lehrte er historische Aufführungspraxis in Salzburg – und gesteht, dass er selbst in dieser Zeit wohl am meisten gelernt hat. Seine Studenten, unter ihnen auch der heutige Chef des Konzerthausorchesters, Iván Fischer, forderte er immer wieder dazu auf: „Fragt’s warum, bis ich sage: Ich weiß nicht.“ Für manche Studenten sei das auch enttäuschend gewesen, erinnert sich Fischer, denn unanfechtbare Vorlesungen gab es bei Harnoncourt nicht. Dafür permanente Anstöße, den eigenen Kopf zu gebrauchen. „Musik ist keine Schokolade“, sagt Fischer, den Harnoncourt als Assistenten mit ans Opernhaus Zürich für seinen Monteverdi-Zyklus nahm. „Musik ist Kommunikation, ist Rede.“

Dazu gehörte für Nikolaus Harnoncourt auch, nicht nur mit dem seit 1953 zusammen forschenden und probenden Concentus Musicus Wien aufzutreten. Ein Schritt mit Nebenwirkungen. Genau erinnert sich der Dirigent an ein Gastspiel beim Orchester der Scala. Zu jeder Probe saß ein anderer Solocellist auf dem Podium. Der Orchesterwart, dem Harnoncourt seine Verzweiflung gestanden hatte, riet zu einem drastischen Mittel. Wenn der Dirigent sein gusseisernes Pult vor Ärger in den Zuschauerraum würfe, würde das Orchester spuren, sonst aber nicht. Harnoncourt warf das Pult, Holz splitterte – und die italienischen Musiker standen stramm.

Das erste Gastorchester, das sich ganz und gar auf Harnoncourt einließ, war das Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Mit den Bach-Passionen ging es los, über Mozart und Schubert reichte der gemeinsame Weg bis hin zu Johann Strauß. Zweimal wurde er von Orchestern gefragt, ob er nicht Chefdirigent werden wolle. Ja, um Himmels willen! „Ich hätte in wirklich alles reingeredet“, gesteht der Dirigent, der am 6. Dezember 85 Jahre jung wird. Jung auch, weil er nie vergessen hat, dass es immer wieder Mut braucht für den nächsten Schritt.

Zärtliche Zähigkeit - und immer noch staunen

Staunen kann man noch immer über ihn: über die zärtliche Zähigkeit, mit der er die da-Ponte-Opern im Theater an der Wien aufgeführt hat und seine jüngste Expedition zu den drei letzten Symphonien Mozarts als einem einzigen Requiem. Oder auch über die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Lang Lang, den wohl niemand mit Harnoncourt in Verbindung gebracht hätte. Drei Tage probierten sie Mozart in St. Georgen, dem Anwesen der Harnoncourts. „Das ist ein hochsensibler Musiker, es war die reine Freude!“

Wenn ihm nun vom Konzerthaus eine Hommage ausgerichtet wird, kommt Harnoncourt noch einmal mit den Wiener Philharmonikern in die Stadt, mit Schubert, der „Unvollendeten“ und der Bühnenmusik zu „Rosamunde“. Eine Ausstellung mit Fotos aus dem Privatarchiv von Alice und Nikolaus Harnoncourt wird gezeigt, Iván Fischer dirigiert und gibt einen Meisterkurs, Freund Rudolf Buchbinder tritt auf, Monteverdi erklingt neben Gershwin. Fülle eines inspirierenden Lebens.

www.konzerthaus.de/harnoncourt-hommage

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