Zeitung Heute : Dem Körper auf die Beine helfen

Wie junge Forscher an der Berlin-Brandenburg-Schule für Regenerative Therapien neue Behandlungsmethoden für die Wiederherstellung von Gewebe entwickeln.

Florian Michaelis
Knochen im Fokus: Wissenschaftler der Graduiertenschule
Knochen im Fokus: Wissenschaftler der Graduiertenschule

Wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, brauchen wir ein Pflaster und etwas Geduld, den Rest erledigt der Körper von allein. Er lässt die Wunde verheilen. Doch nicht immer kann sich der Körper selbst helfen. An der „Berlin-Brandenburg School for Regenerative Therapies“ arbeiten Ärzte, Biologen, Biochemiker, Ingenieure und Materialwissenschaftler mit vereinten Kräften daran, dem Körper Hilfe zur Selbsthilfe zu geben – damit er krankes oder verletztes Gewebe wieder regenerieren kann. Dabei bilden sie gleichzeitig einen neuen Typ von Forscher aus, dessen Expertenwissen weit über die Grenzen des eigenen Faches hinausgeht.

Ein Knochenbruch kann eine langwierige Geschichte sein. Das weiß jeder, der schon einmal einen Gipsverband tragen musste. Wie aber lässt sich die Heilung beschleunigen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Jessica Kopf. Die 27-Jährige forscht als Doktorandin an der „Berlin-Brandenburg School für Regenerative Therapies“ (BSRT). Sie will herausfinden, welchen Einfluss verschiedene Behandlungsmethoden aufeinander haben. So lässt sich etwa ein Heilungsprozess beschleunigen, wenn man die Bruchstelle des Knochens mit bestimmten Proteinen behandelt. „Das funktioniert im Labor ziemlich gut“, sagt sie, bei echten Patienten allerdings bislang noch nicht immer so erfolgreich wie erhofft. Die Forscherin untersucht, vereinfacht gesagt, ob und wie die Fixierung – Gipsverband, Schiene, Metallplatte – Einfluss auf den Erfolg der Protein-Behandlung hat. Was passiert mit den Zellen, wenn mechanische Kräfte wie beim Laufen auf sie einwirken? Solche Fragen beschäftigen sie, und deshalb belastet sie Zellen künstlich und untersucht deren Reaktionen. So sind in ihrer Arbeit Mechanik, Biochemie und Medizin verbunden.

Manchmal scheint es zwar, als sei Interdisziplinarität zu einem puren Modewort geworden in der Wissenschaft. Doch in der Forschung zur Regenerativen Medizin ist man darauf angewiesen, dass die Doktoranden über Fächergrenzen hinausblicken. Das lernen sie an der Graduiertenschule BSRT, die im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert wird. Mehr noch: Es ist der Grundgedanke, Materialwissenschaftler, Ingenieure, Ärzte, Biologen und Biochemiker zusammenzubringen, um neue Therapien und Behandlungsmethoden zu entwickeln. Die Wissenschaftler aus den verschiedenen Fachgebieten wollen dem Körper helfen, sich selbst zu helfen - zu regenerieren.

Sie konzentrieren sich dabei auf vier Krankheitsfelder: auf gebrochene Knochen, beschädigte Knorpel und verletztes Muskelgewebe, Erkrankungen des Herzmuskels sowie Störungen des Nerven- und Immunsystems. „Wir bringen an der Schule verschiedene akademische Welten zusammen“, sagt Georg Duda, Sprecher der BSRT und Direktor des Julius Wolff-Instituts an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der gemeinsamen medizinischen Fakultät von Freier Universität und Humboldt-Universität. Er meint die drei Ausbildungspfade: den medizinischen, den ingenieurwissenschaftlichen und den biologischen. Sie sind allerdings eng miteinander verknüpft, so dass etwa Ingenieure mehr über die Biologie erfahren und umgekehrt. Dudas Büro liegt auf dem Campus Virchow-Klinikum, dem Hauptsitz der Schule. „Wir reden nicht nur über interdisziplinäre Forschung“, sagt er, „wir praktizieren sie – mit sehr vorzeigbaren Ergebnissen.“

Das hat sich auch beim akademischen Nachwuchs herumgesprochen: Rund 90 Doktoranden forschen bereits an der BSRT. Während sich für den ersten Jahrgang, den von Jessica Kopf, noch rund hundert Uni-Absolventen bewarben, versuchen es mittlerweile mehr als 300. Sie kommen nicht nur aus Europa, sondern auch aus Süd- und Nordamerika sowie Asien; die Geschäftssprache ist Englisch. Die besten Bewerber müssen drei Tage im Assessment-Center „überstehen“, lernen sich so aber auch gleich kennen. „Das schweißt zusammen“, sagt Duda. Künftig will er im Wettkampf um die besten Köpfe auch dem talentierten Nachwuchs eine Brücke in die Forschung bauen: Herausragende Master-Studenten sollen frühzeitig an die Forschung in der Graduiertenschule herangeführt werden, um hier Masterarbeiten und später ihre Promotion zu machen. Außerdem sollen Postdoktoranden aus aller Welt die Möglichkeit erhalten, mit ihren innovativen Ideen an der Graduiertenschule zu forschen und von dem Know-how der Forscher zu profitieren, die sie auf ihrem Weg zu einer akademischen Karriere unterstützen.

Jedes Promotionsprojekt wird schon jetzt von zwei Professoren unterschiedlicher Disziplinen betreut. So kümmert sich Duda um die Arbeit der Doktorandin Kopf, gemeinsam mit Petra Knaus, Biochemie-Professorin an der Freien Universität Berlin und wissenschaftliche Koordinatorin der BSRT. Sie fragte sich zu Beginn: Kann ein Doktorand wirklich gleichermaßen kompetent im eigenen Fach sein und offen genug für die anderen Disziplinen? „Ich war gespannt, ob der Spagat gelingt“, sagt Knaus – und zieht heute eine positive Bilanz.

Künftig würden die Nachwuchsforscher aber noch stärker in Projektgruppen zusammenarbeiten, damit nicht jeder Einzelne die gesamte interdisziplinäre Last tragen müsse. Auch wenn die Doktoranden der Schule bereits jetzt herausragende Publikationen vorweisen können, so hoffen die Wissenschaftler auf die Möglichkeit, das Ausbildungskonzept ihrer Graduiertenschule erweitern zu können. Denn der Bedarf an hochqualifizierten jungen Forschern in der Biomedizin wird weiter zunehmen.

Jessica Kopf will spätestens im kommenden Frühling ihre Ergebnisse vorstellen, wenn sie ihre Arbeit bei der Disputation verteidigt. Noch verrät sie nicht, was genau sie herausgefunden hat. Die Zeit an der BSRT habe sich aber gelohnt: „Mir hat das viel gebracht“, sagt sie. Das gelte auch für die angebotenen Zusatzkurse wie „Wissenschaftliches Schreiben“. Nach der Promotion steht für sie fest: „Ich will auf jeden Fall in der Forschung bleiben und meinen Teil zur Entwicklung künftiger Therapien beitragen.“

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