Zeitung Heute : Dem Lärm entfliehen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Den Rentner hält nichts mehr in dieser Stadt, die er liebt und manchmal hasst, ohne die er nicht leben kann, wie er immer geglaubt hat. Bis gestern. Da kam plötzlich der Funke der Erkenntnis direkt über einen Bauzaun auf ihn zugeflogen: Hau ab! wisperte es, schone deine Nerven und Sinne, guck dir doch mal die schönen Villen im Grunewald an, vielleicht haben sie da noch ein Dachkämmerlein frei. Oder Mariendorf. Niederschönhausen. Mahlsdorf. Meinetwegen auch Köpenick. Aber Mitte? Die City? Komm, lass uns gehen, so lange du noch laufen kannst. Wolltest du nicht schon immer die reine Vorgarten-Luft atmen? Ein wenig der Laubenpieperei frönen? Die Amseln singen und die Nachtigallen schlagen hören, wenn sie denn endlich losschlagen? Es wird höchste Zeit, sein Leben zu ändern.

Mag ja sein, dass unsere Gäste, die Touristen, den Krach auf den Straßen der City-Ost very interesting finden, vielleicht kommen sie ja auch nur, weil alles so halb fertig ist und die Stadt für null Cents ihr Gedärm, ihre Adern und das ganze Intimleben feilbietet, die Baulöcher dürfen sogar fotografiert werden. Bizarr! Oh, I love Berlin, there is toll was los. Aber muss ich deshalb einen Hörsturz kriegen? Gehen Sie doch mal vom Pariser bis zum Alexanderplatz, auch noch in die Nebenstraßen, wenn Ihnen nicht vorher eine Baggerschaufel das Haupthaar gestreichelt hat. Und wenn ein Loch von 50 mal 500 Meter zu ist, kommt der Kerl mit dem gefräßigen Straßenbelagaufschneider, nimmt Maß und kreiert das nächste bauvisuelle Kunstwerk, das sie hier „notwendige Aktivitäten für eine urbane Stadterneuerung“ nennen.

Die Mitte ist wehrlos. Der Berliner ist es auch. Die „Linden“? Eine Schande. Der Platz vor dem Reichstag, den sie gerade mit Beton vollschütten? Ein Skandal. Der Alex und Umgebung? Der unkoordinierteste Bau, den es je gab. Die Fußball-WM? Die größte Ausrede für alles, was sowieso nicht fertig wird. Ich suche Ruhe im Tiergarten. Und da! kommen! sie! mit ihren allmächtigen Baggern – und bauen eine neue Querallee.

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