Zeitung Heute : Dem Liebestod lauschen

Britta Wauer

Wie eine Ost-Berlinerin die Stadt erleben kann

Barbara kenne ich aus dem Unterricht für Musiktheorie. Das war zu Schulzeiten, als wir Klavier spielen lernten. Im Fach Theorie sollten wir Unglaubliches leisten, zum Beispiel Musik hören und die Noten dazu aufschreiben. So etwas brachten nur die kleinen Mozarts. Ich hatte Barbara. Sie hat mir immer vorgesagt.

Inzwischen ist Barbara Ehwald Opernsängerin. Sie sieht so mädchenhaft aus wie damals. Aber ihrem Körper kann sie inzwischen Töne entlocken, das glaubt man kaum.

Morgen hat sie wieder einen Auftritt, sie singt im Gerippe des Palastes der Republik. Dort stehen die Kunstwerke der Ausstellung „Fraktale IV“ zum Thema Tod. Dies ist die letzte Ausstellung im Palast. Am Sonntag wird er dicht gemacht und wahrscheinlich vom Frühjahr an abgerissen.

In diesem morbiden Ambiente gibt es nun noch einmal einen Höhepunkt für alle Sinne: Eine Musiktheaterperformance, und zwar den Schluss der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“. Barbara beweint als Isolde ihren Tristan – man kann es leicht erkennen, mit dem toten Geliebten ist der Palast gemeint. Begleitet wird sie von allerlei Klängen aus Laptop und Schlagwerk.

Die Idee, dem Palast ein letztes Liebeslied zu widmen, mag manchem befremdlich erscheinen, aber im Grunde ist es konsequent. Zumal es wenig pathetisch geschieht. Die Wahrheit ist: Der Palast ist eiskalt. Weil die asbestbefreite Ruine nicht beheizt werden kann, schleicht die Kälte den Rücken hoch. Die Zuhörer haben die Kapuzen ihrer Jacken tief im Gesicht zusammengezogen und die Arme um den Körper geschlungen, als würden sie dem Konzert auf einer arktischen Eisscholle beiwohnen.

Obwohl die bizarre Inszenierung nur eine halbe Stunde dauert, sind die meisten Gäste hinterher so durchgefroren, dass sie fluchtartig das Warme suchen. Was schade ist, nicht nur, weil das Duo Pengö in der Lounge noch zum Tanzen auflegt, sondern weil der Palast einen würdigen Abschied verdient hat. Wer klug ist, bringt sich von zu Hause eine Steppdecke mit. Kalt ist der Abendhauch.

„Isoldes Liebestod Remix I-III“, nur noch am Donnerstag um 21 Uhr im Palast der Republik

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